Afrika-Reisebericht Hauptseite Inhaltsverzeichnis Erster Teil


Wichtiger Hinweis: V.i.S.P. für den Text sind Peter Kohle und Annett Lasanske. Hinweise bitte direkt an die Autoren.

DURBAN UND KEIN ENDE

Wie wir die breite Hauptstraße überquerten, werfe ich routinemäßig einen Blick in Richtung Auto um zu sehen wie’s ihm geht. Und da steht die Kiste halb quer in der Parklücke, so, als wolle gerade jemand ausparken. Aber nichts bewegt sich und ich überlege, ob ich so bescheuert eingeparkt haben könnte, aber das konnte nicht sein. Wir gehen also schnellen Schrittes Richtung Fahrzeug und sehen schon von weitem, daß Bullen und alle möglichen Leute rumstehen bis hinten links eine feine Beule sichtbar wurde, das Rücklicht in tausend Stücken. Ein öffentlicher Bus hatte unser Wohnmobil geküßt - nein, geschändet - und es locker zwei Parklücken weiter geschoben. Ein glücklicher Zufall, daß dort keine weiteren Auto standen. Für den rüden Rempler sah es noch ganz gut aus - ist eben ein Benz - aber die Beule wäre für deutsche Verhältnisse Totalschaden. Hätten wir ein Wohnmobil mit Polyesteraufbau genommen, wie sie zu 90 % angeboten werden, wäre unsere Reise hier zu Ende gewesen. Hinten links auf ganzer Höhe eingedrückt, die Seitenwand und die hintere Tür hatten auch was abgekriegt und drinnen alles voller verwinkelter Einbauten, eine unanständig teure Reparatur.

 

Dem Busfahrer war dies fürchterlich peinlich. Ich muß aber auch sagen, daß schon einiges an Unvermögen dazu gehört, ein parkendes Auto in einer offiziellen Parklücke auf gerader Straße derart zu traktieren. Als Berufsfahrer ! Ein Weißer, natürlich, und was ich immer sage, sie können einfach nicht vernünftig Auto fahren, diese Weißen. Man hätte Ihnen das nie erlauben dürfen.

 

Jetzt ging das Generve mit Polizei und Versicherung los. Zumindest die Schuldfrage war so klar wie sie klarer nicht sein konnte. Dachten wir. Wir hatten sogar die Parkuhr zum ersten mal auf der Reise mit zwei Rand gefüttert, um unsere Sammlung an Knöllchen nicht noch weiter anwachsen zu lassen. Soll man anscheinend nicht machen, kommt nicht wieder vor. Auf diesem Weg lernte ich einige neue Vokabeln wie Kostenvoranschlag und Schadensgutachter und wir mußten erstmal zwei Gutachten anbringen. Schwierig, da es sich um ein Fahrzeug handelt, welches es so in Südafrika nicht gibt und daher nach Deutschland zu Daimler-Benz telefoniert werden mußte um Ersatzteilpreise einzuholen. Natürlich rief keiner der Pfeifen aus Deutschland zurück und wir warteten stundenlang im Auto, bis wir aufgaben, uns auf den nächsten Tag verabredeten und die Versicherung aufsuchten. Was wir schon herausgefunden hatten war, daß die Gutachten bei DM 2.000,- ausfallen werden, eine herbe Enttäuschung. Den Schaden beheben lassen kam nicht in Frage. Schweißarbeiten genau hinter der Plastikduschwand und den Schränken und den Elektrokabeln, das kann unmöglich gut gehen. Den dann folgenden Regreßfall mochten wir uns nicht einmal vorstellen. Anderseits macht uns das in Deutschland für DM 2.000,- kein Mensch und um uns nicht zu ärgern, freuten wir uns lieber darüber, daß dies nicht in Nigeria, im Tschad oder in Mauretanien passiert war. Da hätten wir noch Strafe für unsere Anwesenheit ansich bezahlen müssen und die Reparaturkosten für den Bus wären das gewesen, worüber wir zu diskutieren gehabt hätten. Wir hatten so eine Geschichte tatsächlich gehört, wie einer im Café saß, während draußen sein Auto angefahren wurde und er sich daraufhin wüsten Beschimpfungen, Vorwürfen und Forderungen ausgesetzt sah.

 

Die Versicherung war erwartungsgemäß so, wie man sich eine Versicherung vorstellt. Banken und Versicherungen sind die Geschwüre der Marktwirtschaft, überall. In einem sauteuren Chrom und Glas Neubau, von Kundenbeiträgen finanziert, gibt man sich in der Abteilung für Schadensregulierung sehr zugeknöpft und so unterkühlt, wie es gut zu dem klimatisierten Räumen paßt. "Das kann dauern", wurde uns als erstes mitgeteilt, alles muß sorgfältig geprüft werden. Schuldfrage und so, beide Seiten anhören, Polizeiberichte abwarten. "Wie lange denn ungefähr". "Schwer zu sagen." "Gib mir wenigstens ‘ne Hausnummer, in etwa, damit ich eine Vorstellung habe." Daraufhin sagt der Typ "vier oder fünf". Schöne Antwort. "Vier bis fünf was ? Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate oder Jahre oder was ?" Er druckst rum, lächelt verlegen und sagt "Wochen." Ich fragte ihn, ob er Lust hat, einen fünfwöchigen Aufenthalt im Hilton für zwei Personen plus Leihwagen zu bezahlen, Verdienstausfall müßten wir gesondert berechnen, aber er zuckte nur mit den Schultern und grinste dämlich. OK, er sitzt am längeren Hebel. Wir sagten ihm, daß wir am nächsten Tag wieder kommen würden und er zu seinem Chef gehen solle und sich was ausdenken, füllten noch einen Vordruck aus und verschwanden.

 

Die Zeiten scheinen vorbei, wo es hieß "wenn’s hinten kracht gibt’s vorne Geld". Wir überlegten hin und her. Das treue Auto fuhr ja noch wunderbar, aber weiterfahren als wäre nichts gewesen und sie so einfach davon kommen lassen wollten wir auch nicht. Ewig aufs Geld warten war ebenso indiskutabel. Wir geben in der Wartezeit mehr aus als die ganze Angelegenheit am Ende bringt. Die deutsche Bankverbindung hinterlassen, diese Möglichkeit braucht nicht erörtert zu werden. Einen Rechtsanwalt aufsuchen ? Dann können wir uns gleich ein Haus kaufen, Telefon anmelden und uns fest ansiedeln. Aber wir wollten weiter. Einen zweiten Anlauf jedoch mußten wir in jedem Fall noch machen, zumindest irgendeine Kompromißzahlung auf die Schnelle mitnehmen, das sollte doch irgendwie gehen. Wir fuhren also wieder einmal auf den Durban-Caravan-Park und wurden wie immer freundlich empfangen. Endlich mal wieder Stammkunden.

 

Den nächsten Tag begannen wir mit einem Weg zu Mercedes-Benz. Dort bekamen wir ein erstes Gutachten über 3.600,- DM - schon besser - und begaben uns damit zu dem ersten Schätzer. Der wartetet immer noch auf seinen Anruf aus Deutschland und als wir ihm unser Dokument zeigten übernahm er einige Posten und kam selber auf 2.500,- DM. Immerhin hatten wir jetzt zwei Voranschläge und liefen wieder zur Versicherung. Erneut gerieten wir an den hilflosen Untergebenen und verlangten nun nach dem Vorgesetzten, der, wie könnte es anders sein, auf einem Meeting war und erst am Nachmittag zurück erwartet wurde. Diese Leute sind immer entweder auf Meetings oder bei Gericht oder auf Kundenbesuch oder schlicht außer Haus. Was sie wirklich in diesen Zeiten tun ist eines der wenigen unentdeckten Geheimnisse des zwanzigsten Jahrhunderts. Wir lernten noch ein paar Cafés, die Leihbücherei und ein Museum kennen und bekamen den Kerl endlich zu fassen. Wenn das stimmt, was er uns erzählt hat, dann ist Südafrika wirklich auf dem Weg nach unten und schon sehr nah an der Dritten Welt. Er erklärte uns, daß wir uns als Deutsche in Südafrika natürlich dem Landesrecht zu unterwerfen haben. So weit stimmten wir überein. Und Landesrecht wäre insbesondere in diesem Fall das "Law Of Sudden Emergency" - ein Gesetzt, welches die Schuldfrage bei unausweichlichen und plötzlich auftretenden Notfallsituationen regelt. Wenn der Busfahrer nun in unser parkendes Auto fahren mußte, um Schlimmeres zu verhindern, dann hat keiner die Schuld. Dann gibt es auch kein Geld von der Versicherung der Durban Transportgesellschaft. Und die Aussage des Busfahrers liegt noch nicht vor und daher kann gar nichts geregelt werden.

 

Das konnten wir nicht glauben. Mit diesem Gesetz wäre die Haftpflichtversicherung ad absurdum geführt, denn welchem Unfall geht kein Notfall voraus. Im Zweifel war da doch immer ein Kleinkind, welches über die Straße rannte und später nicht zu finden war, ein rollender Ball, der ein präventives Ausweichmanöver notwendig machte, eine Mutter, die einen Kinderwagen aus der Parklücke schob und sich verkrümelte, als sie den durch sie verursachten Unfall sah oder sonstwas. Wer soll sich denn ein solches Gesetzt ausgedacht haben, das jedem Autofahrer einen Katalog von unwiderlegbaren Schutzbehauptungen öffnet. Wir fragten, ob es sich dabei um eine Errungenschaft des ANC handele, aber das wurde bestritten, es handele sich um ein sehr altes Gesetz. War es der weiße Burenmüll - der Volksmund spricht gerne von White-Trash und Black-Trash = alte Regierung und neue Regierung - der es sich so hingebastelt hat, daß weiße Burenrichter jeden Weißen, der einen Schwarzen umfährt oder sein Fahrzeug ruinierte aufgrund von "sudden emergency" freisprechen können. Dann könnte ich es sogar noch als ausgleichende Gerechtigkeit empfinden, wenn jetzt wir Leidtragende einer solchen Regelung würden. Sei es wie es ist, wir hatten auf die Aussage des Busfahrers zu warten, dessen Inhalt wir uns unter diesen gesetzlichen Vorgaben - einmal als wahr unterstellt - schon denken konnten. Um die Zeit noch sinnvoll zu verbringen - es regnete den zweiten Tag in Folge ununterbrochen - fuhren wir zur Administration der Verkehrsbetriebe und machten Druck, daß die ihrem Fahrer auf die Füße treten damit seine Aussage rüber kommt. Hier wurde uns dieses Gesetz erstmals bestätigt. Aber das will nicht viel heißen, sie hängen unter einer Decke.

 

Wir nahmen uns vor, am nächsten Tag zum dritten Mal bei der Versicherung auf zu laufen und bei negativem Resultat eine deutsche Vertretung zu suchen um von dort Hilfe zu bekommen. Dreitausend Mark, und um einen Betrag in etwa dieser Höhe ging es immerhin, kann man nicht einfach kampflos liegen lassen. Durban ist nicht die Hauptstadt und wir waren nicht sicher, ob sie überhaupt über eine Botschaft oder ein Konsulat verfügt. Erstmal war Feierabend. So gestaltete sich der zweite Tag nach dem Crash. Meine Prognose an diesem Abend war die, daß wir uns am Ende ärgern werden, nicht gleich weiter gefahren zu sein und es vorzogen, uns neben dem Materialschaden auch noch die Zeit stehlen zu lassen.

 

Das stellte sich dann allerdings als zu pessimistisch heraus. Den nächsten Tag schickte man und ein paar Häuser weiter zu einem Assessor. Von sudden emergency war nicht mehr die Rede und er hatte die beiden Kostenvoranschläge vor sich liegen. Einen über 6.500 Rand und einen über 8.500 Rand. Er nahm einen firmeneigenen Taschenrechner heraus und errechnete das arithmetische Mittel und kam so auf 5.000 Rand. Versicherungen in der ganzen Welt rechnen so. Wir fragten nach, ob er uns den Rechenweg erklären könne und er erklärte es einfach so, daß Kostenvoranschläge immer zu hoch seien und, daß er ungewöhnlich schnell gearbeitet hätte und wie froh wir sein müßten. Was hätten wir tun sollen ? Also baten wir um den Scheck. Das wiederum machte eine andere Abteilung und um es kurz zu machen: Nach weiteren zwei Tagen hatten wir umgerechnet 2.000 DM in der Tasche und hörten noch hundert mal, wie wahnsinnig schnell das gegangen sei. Besser als nix.

 

Nun konnten wir weiter und stellten fest, daß wir gar keine Lust dazu hatten. Es geht uns in dieser Hinsicht beiden gleich. Wenn mir mal irgendwo eine Weile waren und in so einen afrikanischen Trott verfallen sind, dann treibt uns nichts mehr. Uns kam es vor, als könnten wir noch Wochen auf dem Caravan Park abhängen und die Zeit totschlagen. Wenn wir allerdings erst einmal wieder richtig im Fahrrhythmus sein werden, dann reizt es keinen von uns irgendwo länger als bestenfalls einen halben Tag zu verweilen. Ein Glücksfall, daß wir in diesem Punkt harmonieren, denn sonst läge hier einiges an Zündstoff für unangenehme Auseinandersetzungen verborgen.

 

Wir brachen am nächsten Vormittag auf und verließen Durban. Die gute Frau vom Campsite verabschiedete uns mit tausend guten Wünschen und Ermahnungen vorsichtig zu sein, wie in Gambia fuhren wir etwas wehmütig aus der Stadt. Eigenartig, wie schnell man sich an eine Umgebung gewöhnen kann. Nur damit wir erstmal loskommen, unterwegs sind, fuhren wir knapp dreihundert Kilometer nördlich. Das Schöne ist ab jetzt, daß die Hin- und Hergurkerei ein Ende hat. Zwar fahren wir nicht den geraden Weg, aber jeder Meter geht Richtung Hamburg. Gutes Gefühl.

 

ST. LUCIA

 

Wir finden einen Patz direkt am Meer eingezeichnet und steuern ihn an. Oh verdammt, wieder so ein wuderschönes Fleckchen mit Bootstouren zu den Hippos und Motorbootverleih und einem Craft Market und Superrestaurants und und und. Drei Campingplätze mit riesigen Bäumen und Rasen direkt am Meer. Da kann man nicht eine Nacht bleiben und weiterheizen, Swaziland und Mozambique können warten. So checkten wir auf dem Campingplatz ein und da es bereits 16.00 Uhr war machten wir einen kleinen Mittagsschlaf, um danach noch einen Haps zu essen und ins Bett zu gehen. Wenn wir das Tempo durchhalten, kommen wir Sylvester zur Jahrhundertwende über die Elbbrücken gefahren.

 

Wir fanden einen Kompromiß. Wir verbrachten einen faulen Tag auf dem Campingplatz bei den unzähligen Äffchen die durch die Bäumen zischten und den Müll filzten und einen weitern Halbarbeitstag. Wir ließen endlich die Briefmarken abstempeln, was wir nun schon seit fast drei Monaten vor uns herschoben und belohnten uns mit einer Bootstour um die Hippos zu besuchen. Das sind ja auch urgemütliche Gesellen und wir hatten sie noch nie zu Gesicht bekommen. Allerdings soll man sich nicht von ihrem harmlos-schnuddeligen Aussahen täuschen lassen. Von ihnen werden in Afrika mehr Menschen getötet als von jedem anderen Tier, wurde uns erzählt, und das traut man ihnen gar nicht zu. Wenn es denn stimmt. Dann allerdings setzten wir die Reise fort Richtung Swaziland.

 

SWAZILAND

 

Swaziland hat äußerlich fast die gleichen Bedingungen wie Lesotho. Es sitzt mitten in Südafrika, ist ein kleines Land und bergig. Es hat keinen See und kein Meer. Also, dachten wir, wird es mit Lesotho vergleichbar sein aber da haben wir uns schwer getäuscht. Ein ganz freundliches, sauberes und angenehmes Ländchen mit sehr zuvorkommenden und netten Menschen. Das kleinste in ganz Afrika, erzählten uns die Bewohner. Die ersten Kilometer merkt man schon immer was los ist, wir haben dafür mittlerweile einen Blick entwickelt. Wenn man sofort umzingelt ist und vor Bettlern und Schnorrern nicht ins Auto kommt, ist der Fall einfach, aber so kraß präsentieren sich die wenigsten Länder. Die Details machen es aus. Wieviel Müll liegt im Straßengraben. In welchem Zustand sind die Autos, die Häuser und die Straßen. Sieht man Leute schlafen oder pissen oder gar scheißen. Was steht auf den Werbeschildern. Sind sie handgemalt oder plakatiert. Wenn sich große Fast-Food-Ketten angesiedelt haben ist das immer das beste Zeichen. Wenn neue Modelle von Importautos beworben werden ist das noch besser und wenn dann noch Souvernirstände aufgebaut sind, in denen die Anbieter ruhig sitzen und nicht wild gestikulieren, dann hat man ein Superland erwischt. Das alles paßt positiv auf Swaziland. Wir fahren in die Hauptstadt Mbabane, ein übersichtliches, gepflegtes Städtchen hoch auf einem Berg und da es schon etwas spät war, entschließen wir uns, gleich einen Campingplatz aufzusuchen und finden einen im Reiseführer fünfzehn Kilometer außerhalb in einem Tal. Wir fahren also ohne Ende bergab, müssen viel mit der Bremse arbeiten und auf einmal wird das Ding wieder weich. Ich pumpe und pumpe, damit die Kiste nicht immer schneller wird und wir irgendwann aus der Kurve fliegen und wir erreichen den Campingplatz mit völlig fertigen Bremsen. Damit war jeder Zeitplan mal wieder gestorben. So können wir nicht weiterfahren, Boxenstop war angesagt mit Open-End.

 

Am nächsten Tag hatten sich die Bremsen zwar wieder etwas erholt, aber das war uns jetzt doch zu riskant. Irgendwann erholen sie sich nicht wieder und wenn das auf einer Serpentine in der Einöde passiert wird’s brenzlig. Wir fuhren wieder den Berg hoch und gingen, nachdem wir schnell noch die Briefmarken gekauft hatten, zu einer Mercedes Vertretung. Der Fall lag ja mehr oder weniger klar. Das Austauschen der Bremsflüssigkeit in Botswana hatte keine Dauerwirkung und jetzt mußte der ganze Hauptbremszylinder getauscht werden. Bloß hat niemand so ein Teil. In dieser Hinsicht sind wir in Südafrika und den umliegenden Ländern schlecht dran, für unser Modell gibt es keine Teile, nicht einmal seitenverkehrte. Sie telefonierten rum, suchten die Werkstatt durch und fanden ein Reparatur-Set. Gute Lösung. Es wurde gebastelt, der Reparatur-Set paßte nicht und sie besorgten aus der nächsten Stadt mit Benz-Niederlassung einen ähnlichen Bremszylinder, allerdings seitenverkehrt. Da paßte nicht ein einziger Anschluß und schon war Feierabend. Zwischendurch klebten wir Briefmarken, ließen uns zum Postamt fahren und stempelten ab, da wir nachmittags noch der Meinung waren, wir könnten mit Glück doch einen strammen Zeitplan durchziehen. Unser Auto konnten wir nicht bewegen und uns blieb nichts anderes übrig, als bei Benz auf dem Hof zu campieren. Die ganze Crew war äußerst zuvorkommend. Man brachte uns Strom und ließ die Büroräume offen damit wir eine Toiletten haben, es war für eine Nacht ganz in Ordnung. Das ist das Schöne an einem Wohnmobil. Wenn die Rollos runter sind dann ist es immer gleich und wo man steht ist eigentlich egal so lange der Platz sicher ist. Und das war er.

 

Um Sieben am nächsten Morgen begann der Werkstattlärm um uns herum. Vier Stunden tat sich an unserem Auto nichts, bis endlich ein anderer Reparatur-Set aufgetrieben wurde. Diesmal angeblichen den Richtigen. Das Teil wurde wieder eingebaut, das System entlüftet und wir bezahlten und fuhren los. Eintausend Rand futsch. Nicht weit, denn es war schlimmer als vorher. Konnte ich vorher immerhin durch Pumpen noch kurzfristig den vollen Bremsdruck aufbauen, so war die Bremse jetzt zwar hart und gab nicht nach, aber sie bremste auf den letzten paar Zentimetern und wenn ich das Pedal mit voller Kraft durchtrat, wurde der Wagen langsamer wie eine Lokomotive langsamer wird. Sehr verzögert und der Bremsweg war enorm lang. Blockieren der Reifen ganz unmöglich. Wir also wieder zurück, sie fummelten noch ein paar Stunden daran herum und gaben auf. Fünfzig Kilometer weiter gibt es eine Daimler-Benz Vertretung, die sich mehr mit Transportern befaßte, teilte man uns mit und wir ließen uns dort telefonisch einen Termin geben. Verdächtig war jetzt der Bremskraftverstärker, den es ebensowenig in ganz Südafrika gibt und wir fuhren vom Hof. Ich lernte wieder eine Menge neuer Vokabeln. Auch dieser Tag war rum. Ganz vorsichtig bewegten wir das Auto zum Campingplatz. Es ging einigermaßen und man hätte unter Notfallbedingungen fahren können, aber wir wollten lieber noch weiter versuchen, die Bremsen korrekt repariert zu bekommen. Wenn nichts Unvorher-gesehenes kommt und man gleichzeitig umsichtig und vorausschauend fährt, dann war’s ok und so gesehen besser als vorher, bloß wenn eine plötzliche Vollbremsung erforderlich wird, und davon hatten wir schon ein paar, dann wären wir aufgeschmissen. Schon jetzt war klar, daß wir mindestens noch drei weitere Tage in Swasiland bleiben werden. Selbst wenn sie es am folgenden Tag beheben werden, was alles andere als wahrscheinlich war, wären wir in Mozambique ins Wochenende gekommen und das muß nicht sein. Nichts Gutes hörten und lasen wir über das Land. Überfallgefahr, also Konvois bilden, der Campingplatz wird als eine herunter-gekommene Mischung aus Zigeunerlager und Autofriedhof beschrieben und bei Mercedes sagte man uns, daß in Mozambique alles geklaut wird was nicht festgesschweißt ist. Selbst die Schrauben an den Fahrzeuglampen muß man verkleben, denn sie holen alles weg was man sich nur denken kann. Besser, als wenn sie einen erschießen und das ganze Auto klauen, aber schön trotzdem nicht. Wir werden für Mozambique früh aufstehen, schnell rein, Briefmarken kaufen, kleben, stempeln und ab nach Südafrika in den Krüger-Park. Also frühestens Montag, und wir hatten Donnerstag abend.

 

Immerhin passierte es in so einem sympathischen Ländchen wie Swaziland. Nichts ist weit weg, es gibt Game-Resorts, gute Restaurants und Läden und so unangenehm ist das nicht. Bloß wir kommen nicht voran und wenn es hart auf hart kommt, müssen wir die Teile aus Deutschland schicken lassen und das dauert zwei Wochen. Von den Kosten gar nicht zu sprechen. Und dann liegt was Falsches im Paket, das kennt man ja. Also übten wir uns in afrikanischer Gelassenheit und hofften, daß sich mit dem Unfall in Durban und dem Ärger mit der Bremse das Pech genug ausgetobt haben wird und es danach wieder glatter weiter läuft.

 

Wir fahren fünfzig Kilometer weiter wieder zu Benz. Tragen unser Problem vor und man sagt uns, wir sollten mit dem Manager sprechen, es wäre ein Deutscher. Wir warten bis er kommt. Ein Mann von fünfundfünfzig, in bester Laune, sieht uns und sagt: "Seit ihr verrückt ? Mit dem Auto bis hier runter ! Was habt ihr für Sorgen ?" Wir erklären es ihm, er sagt, daß dieses Problem gelöst werden wird und läßt seine Jungs den Hauptbremszylinder ausbauen. Er kommt wieder und sagt: "Das konnte nicht gehen, die sind Irre. Habt ihr schon was bezahlt ? Gib mal die Rechnung, das kriegt ihr wieder." Fing gut an und während er alle zum Suchen ins Lager geschickt hatte erzählt er : "Seit zehn Jahren bin ich in Swaziland. Hier bin ich Manager, Zuhause nimmt mich keiner nicht mal mehr als Kraftfahrer. Ich habe ein kleines Haus gebaut, habe eine schwarze Frau und eine schwarze Freundin, fahre einen dicken Firmenmercedes und bin der glücklichste Mensch der Welt." Das merkte man auch. Das Ersatzteilproblem konnte auch er nicht lösen und wir fuhren ihm nach zu einem Portugiesen, der sich mit der Reparatur von Baumaschinen und Flugzeugen befaßte. Sie kannten sich privat und machten zusammen gerne Ausflüge mit der Chesna. Soviel Glück muß man erstmal haben, in Swaziland einen Deutschen und einen Portugiesen zu treffen, die sich zusammen um die Bremsen von unserem Auto kümmerten. Ich will es kurz machen, sie bekamen es in den Griff und die Kiste bremste besser als je zuvor. Sie besorgten einen gebrauchten Bremszylinder aus einem gecrashten Zweiachtziger. Der Mercedes-Manager lud uns zu sich ein in sein Gästehaus. Bester Standart. Es war Freitag abend und bis wir unser Geld nicht wieder bekommen hatten, waren wir seine Gäste. Wir klönten in seinem Garten und er war wirklich einer der glücklichsten Menschen die wir trafen. Dieses Swaziland ist tatsächlich ein kleines Paradies. Die Swazis stammen ursprünglich von den Zulus ab, wurden aber vertrieben, da sie zu faul sind. Wurde uns erzählt. Und wenn Schwarze andere Schwarze aufgrund von Faulheit vertreiben, dann sind die Vertriebenen wirklich faul, das kann als sicher gelten. Sie gehen schon ganz langsam und es gibt kaum Kriminalität. Viel zuviel Aufwand. Fünf Prozent haben einen Job und die ziehen die Anderen mit durch und irgendwie klappt das. Mit jeder Arbeit, die Zwei machen könnten befaßt sich ein halbes Heer aber jeder ist freundlich und lacht und winkt einem zu. Es wird nie zu heiß und nie richtig kalt, es ist ein Land, indem man es bestens aushalten kann. Es passieren auch hin und wieder Dinge die nur in Afrika passieren können. In einem Steinbruch mußten fünf Tonnen Dynamit ausgeladen werden. Es war kühl und die Arbeiter hatten klamme Finger und machten sich ein Feuerchen. Wo ? Natürlich unter dem LKW. Der Knall hat das ganze Land erzittern lassen, von den fünfzehn Leuten ist nie auch nur ein Teilchen gefunden worden und der LKW war überall verteilt. "Sorry Sir, it was a mistake." War nicht bös gemeint.

 

Nie gab es in Swaziland Apartheid und die wenigen Weißen die rumlaufen kommen gut mir den Schwarzen zurecht, es gibt in dieser Hinsicht keine Probleme. Wir wurden noch eingeladen und trafen ein paar Europäer, alle seit ewig im Land, und sie sind integriert. Die Buren heißen hier "weiße Kaffern", denn sie haben soviel versaut und so direkt vor der Haustür. Sie werden gehaßt. Schon deshalb, weil sie es nicht duldeten, wenn jemand seine schwarze Frau mit ins Hotelzimmer nahm. Natürlich stehen sich die Weißen alle gut, verdienen nicht wie zu Hause, haben aber die zehnfache Lebensqualität. Pool, Versorgung mit allem aus Südafrika, Golfplätze, dicke alte S-Klassen, feine Restaurants und Frauen mehr als genug, so geht’s doch. Das Land hat nichts Besonderes zu bieten. Die drei kleinen National-Parks haben keinen hohen Standart, da sich keiner richtig drum kümmert. Sie sorgen nur dafür, daß es nach wie vor ein paar Tiere im Lande gibt und das langt ja auch. Kein Touristenland, aber das macht überhaupt nichts, ist sogar gut so.

 

Unser Gastgeber hatte, als er von der Grenzöffnung der DDR hörte, auf einmal Sehnsucht und besuchte Deutschland. Wie so viele und wie auch ich dachte er, daß dort jetzt, wo die Karten neu verteilt werden, irgendwas machbar sein müßte. Also mal hin und checken. Er fuhr in die Zone und bemerkte, daß, wenn er in der Dritten Welt lebte, das die Fünfte Welt sein mußte. Im Ruhrpott, seiner Heimat, da war er nicht der Manager, sondern die gescheiterte Existenz. Um es wenigstens zu versuchen, nahm er einen Job als Fernfahrer an und wäre aufgrund polizeilicher Kontrollen bald im Gefängnis gelandet. Er hatte die Faxen dicke, fuhr ganz schnell wieder nach Afrika und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute.

 

Wir verabschiedeten uns, sagten, er solle die Gutschrift mit der erfolgreichen Reparatur verrechnen und besuchten das Hlane-Game-Reserve. Liegt direkt an der Grenze nach Mozambique. Liebenswert gemacht. Ganz einfach, aber mit Liebe. Die Toiletten und Duschen sind sauber und das warme Wasser wird in zwei großen Kanistern bereitet, die mit Rohren am Duschsystem hängen und unter denen den ganzen Tag ein kleines Feuer kokelt. Es gibt kein Restaurant oder einen Kiosk, nicht einmal Strom, die Wege durch den Park sind in schlechtem Zustand, aber zum Sonnenuntergang kam eine kleine Combo mit Trommeln und tanzte uns was vor. Das hat was, und wir taten gerne ein paar Taler raus. Wir blieben bis zum Morgen des Montags und fuhren los nach Mozambique.

 

MOZAMBIQUE

 

Kein besonders gutes Gefühl. An der Grenze wurden wir schon wieder an westafrikanische Verhältnisse erinnert. Es lungern haufenweise Leute rum die sich einem aufdrängen und viele von ihnen sprechen gut Deutsch. Mit sächsischem Akzent. Die Zöllner ebenso und man muß aufpassen, wenn man sich unterhält. Aber sie lieben die Deutschen, obwohl sie 1989 alle nach Hause geschickt wurden und auch vorher nicht gerade in den schönsten Ecken waren. Eisenhüttenstadt, Bitterfeld, Halle, Leipzig. Das sind die Ortsnamen die man hört. Wir fragen den Zöllner was er in Deutschland gemacht hat. "Grube." Morgens im Dunklen rein ins Loch, und abends im Dunklen wieder raus. "Und wie war’s ?" Wir mögen kaum fragen. Er bekommt einen ganz verklärten Blick und sagt: "Es waren herrliche drei Jahre in Deutschland." Mann oh Mann. "Und jetzt, wie ist es in Mozambique ?" fragen wir weiter. " Scheiße," sagt er, "kein Geld. Das Geld greift sich der Herr, dessen Foto ihr im goldenen Rahmen über jedem Schreibtisch seht." Also nichts Neues.

 

Es ist seltsam, daß Menschen, die drei Jahre in den Minen gearbeitet haben so einfach rausfliegen können und in den Parks und am Hauptbahnhof gegen Heroinhändler aus Afrika anscheinend kein Kraut gewachsen ist.

 

Wir reisten einmal mehr auf German-Bonus und fuhren auf exzellenter Straße die einhundert Kilometer nach Maputo, die Hauptstadt. Überfallgefahr, wie im Reiseführer berichtet wurde, hat sich erledigt, alles ok. Allerdings sahen wir wieder viele Police-Checks, die uns aber in Ruhe ließen, bewaffnete Soldaten an jeder Ecke und die Hauptstadt ist - wie soll ich sagen ... wir haben bessere und schlechtere Städte gesehen. Viel Müll, was immer schrecklich wirkt, wühlige Märkte, aber im Zentrum breite Straßen, Hochhäuser, Banken, Restaurants. Die Menschen lassen einen überwiegend in Ruhe, Kinder bieten sich zu dritt oder viert als Aufpasser fürs Auto an, was man annehmen muß. Wir fuhren direkt zur Post, holten tausend Marken, klebten im Auto ein, ließen sie abstempeln und fuhren den geraden Weg zur Grenze. Diese Fahrt war ereignislos, oberflächlich betrachtet. Aber wir hatten wieder das Westafrikagefühl. Wir nahmen eine andere Straße als auf der Hinfahrt und ständig muß man auf Schlaglöcher achten und wir sahen unglaubliche Mengen an Autowracks längs der Straße. Absolut unglaublich. Auf gerader Strecke gibt es Punkte, da sieht man links vier zertrümmerte Autos und rechts drei. Auf einen Blick ! Nicht alle von der letzten Woche, viele sind schon fast wieder Natur, aber trotzdem. Dann hat man immer das ungewisse Gefühl, daß hinter der nächsten Biegung irgendeine Nerverei lauern könnte und man will raus. Es war, wie gesagt, völlig ereignislos und alles hat vom Feinsten geklappt, der Streß war nur in unseren Köpfen, aber wir waren froh, als wir gegen nachmittag wieder südafrikanischen Boden unter den Reifen hatten.

 

 

KRÜGER NATIONAL PARK

 

Dieses Südafrika. Ein wunderschönes Land, in das wir nun endgültig zum letzten Mal einreisten. Gleich hinter der Grenze atmeten wir tief durch, entspannten, und fuhren nach diesem äußerst effektiven Tag in den Krüger-National-Park. Er beginnt direkt an der Grenze und läuft über vierhundert Kilometer an ihr entlang. Genau auf unserer Strecke. Es gibt kein schöneres Reisen als durch einen Nationalpark. Ganz Afrika müßte so sein. Zwölf Camps gibt es im Krüger-Park. Jedes ist in Ordnung. Man muß nicht als erstes die Toiletten und Duschen checken oder sich mit irgend etwas bevorraten. Man braucht keine Angst vor irgendwas haben, vor schlechten Straßen oder Diebstählen oder Überfällen. Man fährt Tempo vierzig oder langsamer, wie gewünscht auf Asphalt oder auf kleinen Umwegen über Sandwege, entdeckt hier einen Leoparden, dort einen Elefanten und ist umgeben von schönster Natur. Als wir im ersten Camp ankamen hatten wir wieder dieses Glücksgefühl, welches einen erreicht, wenn alles stimmt und sorgenfreie Tage bevorstehen.

 

Ein wenig Abschiedsstimmung von Südafrika erfaßte uns bereits. Nach drei Monaten mit Unterbrechungen in diesem Land Zeit für ein paar abschließende Worte, hoffentlich kein Nachruf.

 

So unwahrscheinlich angenehm, komfortabel, wunderschön und entwickelt dieses Land ist, so sehr scheint es auf dem falschen Weg zu sein. Geht man durch die Waterfront in Cape-Town, durch Sun-City oder an den Beach von Durban, besucht man die Garden-Route oder die Nationalparks oder durchfährt man diese gepflegten kleinen Ortschaften, kann man nicht glauben, daß diese Land jemals nieder gehen könnte. Aber uns scheint, daß es unvermeidlich passieren wird. Wir haben mit vielen gesprochen, Zeitungen gelesen und Nachrichten gehört. Wenn kein Wunder passiert, wird dieses Land den Weg gehen, auf dem sich Nigeria befindet. Es wird trotz Wohlstand in Kriminalität, Korruption und Brutalität versinken. Oder gerade deswegen. Es ereignete sich in der Zeit, als wir in Durban waren, folgendes Verbrechen. Eine weiße Touristenfamilie mit zwei kleinen Kindern wird auf dem Highway mitten in Durban Northern-Beaches nachts gestoppt. Der Vater und die Mutter werden per Genickschuß hingerichtet, die kleinen Kinder auf die Leichen der Eltern gesetzt und die Schwarzen fahren mit dem Auto weiter. Die Täter wurden nur gefaßt, da sich an den folgenden Tagen am Tatort Autokonvois gebildet hatten, die von den Sicherheitskräften nicht ignoriert werden konnten und die Teilnehmer teilten der Polizei die Namen der Täter mit. Jeder wußte wer es war, nur die Polizei nicht. Als die Täter dann verhaftet wurden, stellte sich heraus, daß einer von ihnen vor kurzer Zeit wegen Mordes verurteilt wurde und bereits wieder frei rumlief. Das ist nicht so ein großer Ausnahmefall, daß es unfair wäre ihn zu berichten. In den Details natürlich, aber dieses Maß an Skrupellosigkeit und Schlamperei paßt zu einem Land, welches vor die Hunde gehen will.

 

Da mag noch so oft betont werden, wie schwer es für die Schwarzen sein mag, die Ergebnisse dessen zu hören, was momentan die sogenannte Wahrheitskommission macht. Sie soll die Verbrechen der Apartheitsregierung und der damaligen Exekutive aufdecken und das läuft hart ab. Wenn irgendein weißes Stück Bullenmüll drei Schwarze erschossen hat, dann sagt dieser, daß er im offiziellen Auftrag handelte und er der Meinung war, daß dies im Interesse des Landes zu geschehen hatte. Dann geht er als pensionsberechtigter und freier Mann aus der Angelegenheit hervor. Das soll der Bewohner eines Townships erstmal begreifen und verarbeiten. Diese Verbrechen werden oft als Rache gewertet für die Jahre der Unterdrückung, aber das trifft den Kern nicht. Auch nicht die Erklärung mit dem ungerecht verteilten Gütern. Das würde Einbruch und Autodiebstahl erklären, aber keine Morde wegen nichts. Und Rache, was soll das, es trifft nie die Richtigen. Aber wie auch immer, es ändert nichts an der höchstwahrscheinlich düsteren Zukunft Südafrikas, im Gegenteil.

 

Ebenso das Schulwesen, sicherlich ein entscheidender Punkt. Mandela hat freie Schulen versprochen und überall wurden nagelneue Gebäude errichtet. Nach einem Jahr sehen diese aus wie Ruinen. Alles geklaut, von den Türklinken über sämtliche Sanitäreinrichtungen und in den Klassen sitzen Sechsjährige neben Fünfund-zwanzigjährigen. Die Einflüsse müssen nicht extra beschrieben werden. Das Geld ist alle und die Schulen verkommen zu nichts anderem als Brutstätten für neue Kriminalität.

 

Bedenkt man noch die Abwanderung von Spitzenkräften und den Verfall der Immobilienpreise, betrachtet man sich die Gestalten, die hinter dem alten Mandela bereits lauern, dann werden düsterste Visionen auf einmal greifbar nah. Ein Land, in dem nur noch der Bodensatz bleibt mit einer Regierung von unfähigen, korrupten und machtgeilen Existenzen wie sonst fast überall in Afrika, dort wird das Aufgebaute schnell ruiniert sein und Chaos wird um sich greifen.

 

Noch entdeckt man überall Versuche, das Ruder herum zu reißen und es sieht vielleicht so aus, als wäre es noch nicht zu spät. Mit viel Optimismus. Besonders erinnere ich eine bunte Leuchtschrift "D’ont stop the miracle. Stop crime" aber auch auf den Wegen nach Lagos steht "Jesus loves you". Ich glaube nicht, daß es etwas nützt, bestenfalls hat es eine aufschiebende Wirkung. An diese Stelle paßt ein Witz, der in Südafrika gerne erzählt wird: Was ist der Unterschied zwischen einem Rassisten und einem Touristen ? Zwei Wochen.

 

Es gibt noch unzählige warnende Indizien, weitere aufzuzählen ist müßig. Wir haben einige Länder gesehen, deren Perspektiven finster aussehen. Das Schlimme speziell in Südafrika ist, daß es vermutlich vermeidbar ist, daß die Ursachen so eindeutig scheinen. Und der Weg es zu vermeiden ist genau der, den keiner will, denn dieser schien gerade überwunden und droht jetzt zu scheitern. Und für den außenstehenden Betrachter entsteht der irrige Eindruck, daß der White-Trash doch recht gehabt hat und das ist sehr deprimierend.

 

Vorerst hatten wir aber noch ein paar Tage im Krüger-Park. Er ist mit dem Etosha-Park nicht zu vergleichen. Wäre ich ein Tier, würde ich den Krüger immer vorziehen, als Mensch allerdings nicht. Der Krüger-Park ist größer als Schleswig-Holstein. Es gibt Berge und Täler, Flüße und Teiche und überall dichten Busch. Beachtliche Tierbestände beherbergt der Park, bloß bekommt man sie kaum zu sehen, es verläuft sich zu sehr. In der dürren, flachen Steppe von Etosha sind die Tiere auf die Wasserlöcher angewiesen und dort kann man sie in Ruhe und in großer Zahl beobachten. Rund um die Uhr. Im Krüger haben die Tiere keinen Grund, bestimmte Stellen aufzusuchen und selbst wenn sie zwanzig Meter neben der Straße sind verschwinden sie im Unterholz. So fährt man Kilometer um Kilometer ohne ein Tier zu sehen, außer mal ein paar Zebras oder Impalas, und nur mit viel Glück sieht man einen der big five aus der Nähe. Wir sahen einen Leoparden, der wie gemalt keine fünf Meter vom Auto entfernt auf einem Felsen saß und die Lage peilte, das war beeindruckend. Aber sonst mußten wir das Fernglas benutzen, um Hippos, Büffel, Elefanten oder Löwen in geringer Stückzahl irgendwo weit weg auszumachen, wenn das Terrain etwas offener war. Elefantenherden von dreißig Stück, denen man beim Baden und Einstauben auf Bänken sitzend aus nächster Nähe im Sonnenuntergang zuschauen kann bietet der Krüger-Park nicht. Einen Löwen sahen wir, der sich frisch ein Zebra gerissen hatte, aber wir standen in einem Pulk etlicher Fahrzeuge voller Amateurfilmer und Hobbyfotografen, an denen sich Versorgungsfahrzeuge vorbei quetschten. Das ist irgendwie nicht das Gelbe vom Ei.

 

Der Krüger-Park ist irrsinnig professionell. Die Natur wird mit High-Tech überwacht, eine jährliche Inventur findet anhand von Infrarotaufnahmen aus der Luft statt, Buschbrände werden gelegt, Bestände korrigiert, per Computer alles genau errechnet. Die Camps laufen wie ein Uhrwerk, das Essen ist teurer und schlechter als im Etosha-Park, es erreicht bestenfalls das Niveau einer guten Betriebskantine. Souvenirs aller Preisklassen werden angeboten, vom Metallemblem für den Spazierstock bis zu ausgestopften Löwen für Stück 17.000 DM. Mit Zertifikat in jedes Land der Welt zu verschicken. Es gibt Nachtfahrten, Post und Bank, Autoverleih und einen Flugplatz.

 

Akribisch genau achtet die Verwaltung auf das Gleichgewicht der Natur. "Es ist ein wenig wie Gott spielen" sagte ein Mitarbeiter auf die entsprechende Frage einer Zeitung. Es berührt einen bisweilen seltsam zu sehen, wie jedes Tier umhegt und gepflegt wird, pedantisch genau ausgerechneten Lebensraum zur Verfügung bekommt, und jenseits des 1.400 km langen Zaunes, der elektrisch Tier vor Mensch und Mensch vor Tier schützt, gibt es das verarmte Homeland Venda und Towsships ohne Wasser, ohne Strom, ohne Straßen und die Felder vertrocknen oder sind überbewirtschaftet. Ich fühlte mich daran erinnert, daß in Deutschland ebenso der Platzbedarf eines Schäferhundes gesetzlich geregelt ist und der eines Kindes nicht. Diesen Vorwurf, wenn es denn einer ist, kennen die Betreiber des Krüger-Parks und sie erwidern, daß sie - egal ob für Schwarz oder Weiß - die ökologische Ethik für das neue Südafrika formulieren. Da ist was dran, es braucht eine Vorgehensweise und den Bewußtseins- und Wissensstand aus der Ersten Welt, um in der Dritten Naturschutz zu praktizieren. Für den besitzlosen Buschmann verspricht Holz eine warme Mahlzeit, ein Tier etwas zu essen und fruchtbarer Boden ist Ackerland. Und was ist der Umkehrschluß wert. Wenn man die These aufstellt, daß es erst dem Menschen gut gehen muß, bevor man sich derart intensiv mit dem Wohlergehen der Tiere befaßt, dann heißt das überspitzt und zuende gedacht, daß es keinem Tier gut gehen darf, bevor nicht das letzte Arschloch versorgt ist, und das kann es wohl nicht sein.

 

Ein Beispiel, welches die Bemühungen um das Wohlergehen der Menschen belegt, wird aus dem Homeland Transkei berichtet. Dort ist fruchtbarer Boden und die Schwarzen leben überwiegend von Rinderzucht. Ackerbau ist nicht ihr Ding, unter der Würde. Das kann der Boden langfristig nicht ab, er platzt auf und verdirbt, die Rinder haben nichts mehr zu essen.

 

Es soll kein falscher Eindruck entstehen. Der Krüger-National-Park ist ein Juwel und auch, wenn er zum Beobachten von Tieren nicht optimal ist, so fuhren wir gerne durch. Großartig zum relaxen, auf besten Straßen von Camp zu Camp rollen, Musik hören, an nichts denken, ab und an doch ein Tier entdecken, Essen gehen, in der Badewanne liegen, Frühstück am Büfett einnehmen und dabei noch in die richtige Richtung reisen. In einer wunderschönen Naturkulisse. Vielleicht spielte auch das nicht gerade optimale Wetter eine Rolle. Es war durchgehend bedeckt, es regnete mitunter und man erzählte uns, daß die meisten Tiere sich bei Regen irgendwo im Busch verstecken und nicht durch die Gegend laufen. Mag sein.

 

Am vierten Tag hatten wir dennoch genug. Wir trafen kurz vor dem Verlassen des Parks noch zwei Elefanten, einen links der Straße und einen rechts. Der Bulle war ein amtlicher Vertreter mir beachtlichen Stoßzähnen und wir halten genau zwischen den beiden an, um ein Foto zu machen. Der Bulle war nun durch unser schepperndes Auto von seiner Frau getrennt und fand das überhaupt nicht amüsant. Er klappt die Ohren vor, holt tief Luft, nimmt Maß und wir ließen das mit dem Foto bleiben und waren ganz schnell wieder im Dritten Gang. Daraufhin steuerten wir ein letztes Mal einen dieser exzellenten Burencampingplätze in Südafrika an. Machten noch die Wäsche in den Maschinen und am nächsten Tag fuhren wir nach Zimbabwe rein.

 

SIMBABWE

 

Schon die Grenze hat nicht mehr den gewohnt geordneten Ablauf. Drei Helfer scharten sich um uns, zeigen in den Formularen auf die Stelle, an der "Name" steht und informierten uns, daß wir dort unseren Namen hinschreiben müßten. Das selbe Spiel bei "Country" und "Destination" und was alles auf diesen Bögen steht. Sie vermuten wahrscheinlich, wir seien Analphabeten. Am Ende hatten wir die übliche Diskussion um die Entlohnung, was damit endete, daß alle unzufrieden waren und sie uns nachriefen, daß wir bloß nicht wieder kommen sollten. Hatten wir auch nicht geplant.

 

Am Nachmittag kamen wir in Bulawayo an, einer großen und übersichtlichen Stadt. Es war Sonnabend, der Geldautomat verweigerte wie meist die Auszahlung, die Banken geschlossen, und wir waren genötigt, auf der Straße zu wechseln. Ganz peinlicher Auftritt. Drei Jungs kommen ans Auto, wir erfragen den Kurs der ca 15% über dem der Bank lag. Nicht übel, und wir wechselten Dreihundert Mark. Sie holen das Geld, 2.700 Zimbabwe-Dollar, und zählen sie vor. Wir bekommen erst einen Stapel zum kontrollieren, 1.500$, den geben wir wieder raus, bekommen einen zweiten, 1.200$, der Typ legt die beiden Stapel zusammen und fragt nach den drei Hundertern. Ich gebe ihm einen zum testen, er gibt uns wieder den halben Stapel, damit wir sein Geld auf Echtheit prüfen können, ich gebe ihm den nächsten, wir bekommen im Austausch wieder die zweite Hälfte der einheimischen Währung. Nie hatten wir die volle Summe im Auto. Ich merke nichts, die drei Hundert-Mark-Scheine hatte ich wieder, der Typ den kompletten Stapel Dollars in der Hand. Er macht ein Gummiband um den Stapel, und die Übergabe lief Zug um Zug. Ich halte die drei Hunderter fest, er die Rolle mit dem Geld und wir lassen beide gleichzeitig los. Jeder hatte sein Geld. Wir fahren los, wollen noch mal nachzählen und statt siebenundzwanzig Hundertern hatte wir ein Bündel Fünfer mit einem Hunderter außen. Ich Idiot ! Spätestens, als wir nie den vollen Betrag in der Hand hatten, hätte ich Lunte riechen müssen. Das Austauschen der Geldrollen war nur noch ein Klacks, da ich mich ausschließlich darauf konzentriert habe, daß er die drei Hunderter nicht greift und abhaut. Auch das hat er gewußt. Die nächste halbe Stunde habe ich mir bald ein Geschwür geärgert. Nicht wegen den drei Scheinen, die bringen uns nicht um, auch nicht wegen den drei Jungs, denen kann ich nichts krumm nehmen, aber über mich, wie man so blöd sein kann. Kann jedem passieren, sagt man dann gerne, aber den Dümmsten zuerst, das steht fest.

 

Zu allem Überfluß hielten es die Geldwechsler nicht einmal für nötig, nach diesem Coup zu verschwinden und stellten sich rotzfrech wieder an die Straße und warteten auf die nächsten Opfer. Wir konnten nur freundlich winken wenn wir sie sahen, was bleib uns übrig. Naja, Lehrgeld.

 

Wenigstens waren es Fünf-Dollar-Noten und kein Papier, echt waren sie auch, so daß wir für unsere Dreihundert Mark gerade noch zwei Pizzas und Getränke bekamen. Wir müssen uns jetzt wieder vollkommen klar darüber sein, daß ab jetzt wieder mehr und mehr afrikanische Verhältnisse herrschen und wir wieder verschärft auf kleine Linkereien achten müssen. Südafrika liegt endgültig hinter uns.

 

BULAWAYO

 

Wir blieben noch vier weitere Tage auf dem Campingplatz im Central-Park von Bulawayo. Die Stadt ist von allen schwarzafrikanischen Städten eine der schönsten, die wir bislang besucht haben. Alles in Südafrika und Namibia nenne ich nicht schwarz-afrikanisch. Sehr sauber, gepflegte Geschäfte, ansprechende Steakhäuser mit Riesenfilets die im Munde zerschmelzen, breite Straßen, an denen nicht nur links und rechts Parkplätze sind, sondern auch in der Mitte. Wo immer man stoppen möchte ist Parkraum ohne Ende, keiner nervt einen, man kann ganz und gar unbehelligt durch die Straßen laufen. Das Postamt ist allerdings stark überfrequentiert. Vor jedem Schalter dreißig Mann Schlange und allein das Kaufen der Briefmarken dauerte eine Stunde. Ganz unmöglich, dort abstempeln zu lassen, sie würden uns mit Recht lynchen, wenn wir für eine knappe Stunde einen Schalter blockieren und unsere Bögen bearbeiten. Der Preis der Briefmarken dafür neuer Minusrekord, unschlagbar, nehme ich an. Für Eintausend Stück zahlten wir umgerechnet 1,20 DM, billiger als Rauhfaser. Durch Zufall entdeckten wir auf der Rückseite des Postgebäudes eine Paketannahmestelle, in der so gut wie nichts los war und dort stempelten wir in Ruhe mit dem Parcel-Stempel.

 

Zimbabwe ist prädestiniert für Afrikaeinsteiger. Es ist ohne Zweifel Afrika, aber kein Moloch, kein Township, kein Trouble-Country, kein besetztes schwarzes Land, kein religiöser Wahnsinn. Die Kriminalität ist akzeptabel, man muß auf seine Sachen aufpassen wie überall, aber nichts ist lebensbedrohlich. Die Bewohner halten ihr Land in Ordnung, sie sind freundlich und zurückhaltend, man sieht Bettler, aber nicht zu viele, und die Entbehrungen, die es gibt, halten sich sehr im Rahmen dessen, was jeder in Afrika erwartet. Mal ist die Dusche nicht warm, alles dauert für europäische Verhältnisse sehr lange, die Nebenstraßen sind abenteuerlich, aber wenn man nicht will, geht es ebenso auf bestem Asphalt. In den Nationalparks gibt es ganz simple Camps wie bei John Wayne und Hardy Krüger, wo nachts die Hyänen ums Auto und um die Zelte streifen, seltsame Geräusche aus dem Busch den Schlaf stören und Affen und Gürteltiere rumlaufen wohin das Auge blickt. Ebenso kann man in eine Lodge gehen oder eine Rundhütte mit Klimaanlage mieten, alles für sehr zivile Preise. Wenn ganz Afrika wie Zimbabwe wäre, hätte dieser Kontinent keine unlösbaren Probleme, wage ich zu behaupten.

 

Die Art der Reisenden wird schlagartig wieder interessanter. Auf den Buren-Camp-Sites in Namibia und Südafrika geht einem der übergewichtige und kurzgeschorene White-Trash mit der Zeit doch ziemlich auf den Keks. In ihren Vorzelten und Wohnwagen hängen sie in Jogging-Anzügen ab und grillen wie besessen, sie putzen ihre Autos und das Feeling ist wie in Travemünde. Wir wollten mit ihnen nichts zu tun haben, hatten keine Lust auf Gespräche, waren immer sehr für uns. Die vielen Jugendlichen aus Südafrika, die diese Camps ebenso bevölkern - unter zwanzig - haben auch nicht viel mitzuteilen.Das wurde anders. Wir trafen ein Franzosenpärchen, welches zu Fuß mit einem winzigen Zelt unterwegs war mit Geige und Gitarre. Sie sahen aus, als hätten sie den Knall nicht gehört und lebten immer noch im Sommer von 69. Sie schwanger, was immer dabei herauskommt, wenn man Chemie grundlegend ablehnt, und in ein paar Monaten stand eine Zeltgeburt an. Natürlich nahm keiner von beiden Malariamittel, schon wegen der Schwangerschaft und überhaupt, was sie nicht abhielt, sich langsam nach Malawi in die Regenzeit zu begeben, ein Hauptmalariagebiet. Wir finden zu solchen Leuten keinen Draht, aber ich mag sie irgendwie trotzdem, diese Träumer, die immer gute Laune haben, einen stets anlächeln und jenseits von Gut und Böse einfach so auf der Welt wandeln.

 

Ein alleinreisendes Mädchen kam mit einem Riesenrucksack angestiefelt, baute ihr Ultraleichtzelt auf und setzte sich unter einen Baum und schrieb einen Brief. Sowas sehe ich gerne, es interessiert mich, wie sie drauf ist, was ihre Motivation ist, was sie zu erzählen hat. Eine Hamburgerin, die - natürlich, was sonst - Heilpraktikerin war oder lernte, die ihre Wohnung aufgegeben hat und sich ein bißchen in Afrika umsieht. Danach erstmal wieder in die Freie- und Hansestadt zu ihrem Freund und dann weiter sehen. Respekt, Mädel, ich könnte das nicht. Nicht mehr.

 

Neben uns ein zerknautschter R5 mit südafrikanischem Kennzeichen und einem kleinen Zelt. Ein Pärchen aus Dachau mit bayrischer Mundart. Der R5 hatte schon mal besser ausgesehen, bevor er von einem Bus mit den beiden drinnen in die Böschung geschossen wurde. Er, Doktor der Physik, und sie - natürlich, was sonst - Sozialpädagogin. Beide hatten einen Job, lebten neben seinen Eltern in einem komfortablen Haus, alles war überaus einlullend aber sie hatten es geschafft, diese Mauern zumindest für den Moment einzureißen. Weg mit dem Job und per Rucksack für ein Jahr nach Afrika, das Gurkenauto gekauft und einfach durch die Gegend ziehen. Auch davor habe ich viel Respekt und wir hatten Mordspaß mit den beiden, haben lange geklönt und Geschichten erzählt. Bayrisch ist ein durchaus angenehmer und von Humor und Mutterwitz geprägter Dialekt, wenn ihn die richtigen Leute sprechen. Das ist bloß so selten.

 

Diese Zusammentreffen sind einfach erquicklich. Es ist nicht schwer ins Gespräch zu kommen. Woher kommst du, wohin gehst du. Und erst tauscht man Erfahrungen aus, welche Straßen, welche Plätze, Kringel in der Karte machen, dann kann man sich stundenlang Reiseerlebnisse berichten und wenn es nach zwei Tagen zwar vertrauter geworden ist, aber die Themen langsam ausgehen, trennt man sich wieder, tauscht eventuell Adressen und sieht sich in der Regel nie wieder. Trotzdem hat man viel erfahren, lernt von jedem dieser Kontakte irgendwas, bekommt eine Inspiration oder, was bei uns meistens eintritt, freut sich über die eigene Begründung für die Reise. Die Briefmarken lieben wir mittlerweile. Zwar nervt es häufig, sie zu kaufen und im heißen Auto einzukleben, die Boxen ins Amt zu schleppen und triefend naßgeschwitzt tausend Mal zu stempeln, aber sie nehmen uns die Langeweile, zeigen uns die Richtung und geben dem, was wir gerade tun, einen Sinn. Viele, die wir treffen, beneiden uns darum. Weniger um den möglichen Gewinn, denn der ist noch nicht konkret genug, sondern um den einfachen und klaren Plan, den roten Faden unserer Reise, um die Aufgabe.

 

Als wir aufbrachen, gab es eine kleine Abschiedsszene, aber eine angenehme. Tausend gute Wünsche von allen - ebenso, euch auch - und winkend verläßt man den Ort. In diesen Momenten wird uns jedesmal bewußt, wie stark man als Reisender spürt, wie Gegenwart zur Vergangenheit wird. Im heimatlichen Alltagstrott, in immer gleicher Umgebung mit immer den gleichen Leuten, merkt man bisweilen nur daran, daß die Kinder größer werden oder die Haare ausfallen, daß Zeit überhaupt ein fließender Faktor ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind ein und dasselbe, ein Brei. Unterwegs ist dies völlig anders. Wir verlassen Orte, von denen wir wissen, daß wir sie nie wieder sehen werden, treffen Menschen, die wir gestern noch nicht kannten, lachen mit ihnen, verabschieden uns, und sie sind aus dem Leben verschwunden. Die Zukunft rollt als schwarze Asphaltbahn oder Wellblechpiste unter dem Auto entlang, Landschaften erscheinen, verändern sich, verschwinden, neue tauchen auf. Man spürt, daß man lebt und fließt mit der Zeit dahin, eine Sache, die zeitweise süchtig machen kann bis irgendwann das Heimweh kommt und der alten, vertrauten Heimatumgebung zu neuen Reizen verhilft. Nicht täglich hat man ein Gespür dafür, aber es gibt Tage, da empfindet man diese Zusammenhänge ganz greifbar und real und das ist ein intensives und gutes Gefühl.

 

Schon wieder hatten wir ein paar Tage Leerlauf. Von dem nächsten Land, Sambia, hörten wir nichts Übles, aber alles soll eine Idee schlechter sein und dafür teurer. Also lohnt es nicht, dort ins Wochenende zu rutschen, so daß wir lieber noch einen kleinen Nationalpark besuchen wollten, zwei Tage an den Vic-Falls rumlaufen, und erst am Sonntagabend in Lusaka ankommen wollten. Auf der Fahrt dorthin eine typisch afrikanische Szene. Die Straße ist in erstklassigem Zustand und kaum befahren. Ein Mann steht mitten drauf und winkt wie wahnsinnig mit einer roten Fahne. Wir werden langsamer. Hundert Meter hinter ihm ein Rollstuhl, auch mit einer roten Fahne. Wir fahren bis zu dem Rollstuhlfahrer, der arme Kerl kann nicht laufen, weil er ein steifes Bein hat. Wir schmeißen ein paar Münzen in seine Blechdose, er lacht fröhlich und bedankt sich artig und im Rückspiegel sehe ich, wie diese kleine Gabe sein steifes Bein sofort kuriert hat und er es gemütlich anwinkelt und es sich im Rollstuhl bequem macht.

 

HWANGE NATIONAL PARK

 

Ich will über diesen Park nur deswegen kurz berichten, falls jemand dies liest, der gerade vor der Entscheidung steht, den Park links liegen zu lassen oder hindurch zu fahren. Unser Tip: Links liegen lassen. Es ist schade, das feststellen zu müssen, denn die beiden Camps, die wir aufsuchten, waren ok, von dem Rumpsteak im Hyena-Restaurant mal abgesehen, aber da haben wir die Warnung, die in dem Namen steckt, schlicht übersehen. Die Menschen sind freundlich, wir sahen Elefanten und einen Leoparden und noch so allerlei Getier, aber die Wege durch den Park sind unzumutbar. Kein Mensch verlangt eine sechsspurige Autobahn und ich spreche auch nicht von den Pisten, die den Allradfahrzeugen vorbehalten sind, ich meine die Wege, die man fahren muß, um überhaupt durch den Park zu kommen. Es beginnt mit den Fragmenten einer Teerstraße. Eine schlechte Teerstraße ist übler als eine einigermaßen gepflegte Piste. Ein einziger Schlaglochslalom. Diese hört nach achtzig Kilometern auf und eine fürchterliche Wellblechpiste beginnt für die nächsten neunzig Kilometer bis zum nächsten Camp. Schweres Wellblech und im Auto rüttelt und klappert es, daß unterhalten oder Musik hören ausgeschlossen ist, man kaum nach Tieren Ausschau halten kann und nur Nerven und Fahrwerk strapaziert. Von außen muß es geklungen haben, als hätten wir uns einen Schwanz aus Blechdosen hinter die Kiste gehängt wie man es öfters bei frisch Vermählten sieht. Von den Tieren sahen wir stets nur die Hacken, mit Glück mal ein Hinterteil, wie es panisch im Busch verschwand, wenn wir angerasselt kamen. Die mehr langmütigen Tiere wie Elefanten, unterbrachen ihre Tätigkeit, ob sie badeten oder grasten oder gerade einen Wald zerlegten, um uns entgeistert anzublicken als wollten sie sagen "ihr seid doch nicht bei Sinnen, uns mit diesem Krach zu belästigen". Und wenn mehrere Elefanten einen alle gleichzeitig entrüstet ansehen, dann sind sie nicht mehr die ruhigen und friedlichen Geschöpfe, sondern es taucht sofort die Frage auf, ob es nicht besser sei, zügig weiter zu scheppern. Wir haben in diversen Camps in diversen Nationalparks genug Fotos von Fahrzeugen nach einer Elephanten-Attacke gesehen, und das muß weiß Gott nicht sein. Der ganze Park macht deshalb keinen Spaß, außer Schlaglöcher und Wellblech kriegt das Auge wenig geboten.

 

Am Ende geht es weitere sechzig Kilometer zum Ausgang des Parks, zwar auf leicht besserer Piste, aber immer noch kein Genuß. Besonders schade, da der Park ansonsten überdurchschnittlich viel Abwechslung bietet. Er geht von dichtem Buschwerk bis in die Ausläufer der Kalahariwüste, und es würde bestimmt Spaß machen, ein paar Tage kreuz und quer hindurch zu fahren, doch wie gesagt, keiner verlangt eine Autobahn, aber was zuviel ist, ist zuviel.

 

VICTORIA FÄLLE

 

Am nächsten Tag erreichten wir die Vic-Falls. Ein touristisch hundertprozentig erschlossenes Gebiet. Es gibt alles, und natürlich wieder unzählige Geldwechsler mit Superkursen. Nicht noch mal !

 

Der Weg zu den Fällen führt durch einen toll angelegten Park für 12,- DM Eintritt pro Person. Durch die herunterstürzenden Wassermassen liegt der halbe Park in einem dauernden, ganz feinen Sprühregen und die Vegetation wuchert wie verrückt. Durch dichtesten Dschungel, in dem es ständig tropft, geht ein Plattenweg mit kleinen Querwegen bis zu der schroffen Felswand, der gegenüber diese gigantischen Fälle tosen. Durch die Feuchtigkeit gepaart mit gnadenloser Sonne entsteht Waschküchenklima und unsere Raucherlungen waren überfordert. Am Anfang ging es ganz gut, aber der Rückweg war für beide eine Qual. Wir schleppten uns durchgeschwitzt von Bank zu Bank wie Rentner und mußten, als wir das Auto erreicht hatten, erst jeder einen Liter eiskaltes Wasser nachfüllen, bevor wir ziemlich am Ende eine klimatisierte Pizzeria aufsuchen konnten, um wieder zu Kräften zu kommen.

 

Zwei Tage verbrachten wir noch auf einem ruhigen und gepflegten Campingplatz direkt am Ufer des Sambesi, bis wir Sonntags nach Sambia einfuhren.

 

 

Nachtrag: Drei Monate später, nachdem ich diese Prognose aufschrieb, saßen wir in einem Hotel in Äthiopien und sahen CNN World News. Dort wurde von Unruhen in Zimbabwe gesprochen, es gab Bilder von brennenden Autos, zerstörten Geschäften und schießenden Soldaten in Harare. Als Grund wurden steigende Lebensmittelpreise genannt, da die Produkte der weißen Farmen fehlten und Knappheit herrschte. Und das ist erst der Anfang.

 

SAMBIA

 

Wieder einen Schritt afrikanischer. Straßen langsam schlechter, Roadblocks, Kontrollen, und wieder Wechselbeschiß an der Grenze. Flinke Finger haben die Jungs. Obwohl ich diesmal, welch Wunder, besonders aufgepaßt hatte, fehlten nach einer Stunde, als wir unsere Scheine sortierten, die Hälfte des Geldes. Keine Ahnung, wie sie das hingekriegt haben, meine Hochachtung. Peanuts diesmal, Verlust etwa zwanzig Mark.

 

Lusaka hingegen ist besser als jede Stadt, die wir in Westafrika gesehen haben. Zwar hat sie nichts, aber auch gar nichts Europäisches mehr an sich, aber sie ist weder vermüllt noch fühlt man sich bedrängt oder belästigt. Wir hatten ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, insbesondere, was das nächste Land Zaire, oder jetzt Demokratische Republik Kongo, betrifft. Zaire war das Land, an dem selbst die größten Optimisten unsere Briefmarkenaktion scheitern sahen. Bürgerkrieg. Der ist ja nun vorbei, die Frage war nur die, ob das Land bereits wieder zur Normalität zurückgefunden hat oder nicht. Gibt es noch Rebellen oder Armee-Einheiten, welche die Straßen unsicher machen, werden noch Autos beschlagnahmt, Überfallgefahr, Wegezölle und so weiter. Wir trafen keine Reisenden, die diesbezügliche aktuelle Erfahrungen hatten. Zudem lautete unser Visum noch auf Zaire, würden sie uns damit überhaupt reinlassen ?

 

Wir begannen mit der Deutschen Botschaft. Dort las man uns Berichte aus der Hauptstadt Kinshasa vor, die drei Monate alt waren. Nachts nicht mit dem Auto fahren, allgemein unsichere Lage, Diebstahlgefahr. Allgemeinplätze, Bla Bla, nutzlose Informationen - geschenkt. Man sagte uns, daß, wären besondere Vorkommnisse gewesen, sie das wüßten, insofern sei keine Nachricht auch eine Nachricht. Gut, soweit, wenigstens keine Horrorgeschichten. Dann fuhren wir zur Botschaft der Demokratischen Republik Kongo. Das Visum, welches in Bonn 150,- DM pro Person gekostet hatte, war natürlich erledigt, aber dafür bekommen wir ohne Probleme für zehn Dollar eines an der Grenze. Da bin ich ja gespannt, hoffentlich weiß der Grenzer das auch. Wir fragten noch, ob es sicher wäre, das Land zu bereisen. "Aber selbstverständlich. Herzlich willkommen. Patt problemm." Grins, grins ! Was soll er auch sonst sagen. Es sprach also nichts dagegen, wir beeilten uns mit den Briefmarken und brachen auf Richtung altes Zaire.

 

Gleich am Ausgang von Lusaka stoppte uns eine Kontrolle. Routinemäßig, vor jeder Stadt ist eine Kontrolle, aber freundlich und nicht einer wollte uns ein Geschenk rausleiern oder Schmiergeld haben. An der Ersten saß ein kleiner Junge mit Reisetasche auf dem Seitenstreifen und als der Sergant heraus bekommen hatte, wohin wir wollen, fragt er uns, ob wir den Jungen mitnehmen könnten. "Warum nicht, wo will er denn hin ?" Die Mutter kam, auch in Uniform, zeigte uns auf der Karte eine Kreuzung in etwa dreihundert Kilometern Entfernung und sagt, dort wäre wieder eine Polizei-kontrolle und dort könnten wir ihn raussetzen. Wir waren einverstanden, und der Lütte, etwa neun Jahre alt - schwer zu schätzen - klettert ins Auto und ist völlig verschüchtert. So verschüchtert, wie ich gewesen wäre, wenn meine Mutter mich im Alter von Neun bei zwei fremden Schwarzern ins Auto gesetzt hätte. "Setzt den mal in Kassel an der Raststätte raus, dann hat er es nicht mehr weit." Wir gaben ihm erst einmal eine Cola, dann hielten wir an und spendierten ihm einen Hamburger mit Getränk, aber ich glaube, er hielt das alles für einen Trick. Wir fanden es ja irgendwie rührend, welches Vertrauen sie in uns hatten, uns den Sprößling für eine halbe Tagesreise an zu vertrauen. Unvorstellbar, stellt man es sich umgekehrt vor. In Europa fahren zwei Schwarze durch die Gegend und kriegen, ohne jeden Argwohn, einen kleinen, weißen Jungen in ihre Obhut. Völlig undenkbar. Sie können in Sambia noch nicht so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben und das stimmt doch hoffnungsvoll. Als wir besagte Kreuzung erreichten, war da weit und breit kein Bulle zu sehen, dem wir den Jungen hätten aufs Auge drücken können. So einfach raussetzen wollten wir ihn nicht. Wir fragten ihn, wohin er überhaupt wolle. Zu seinem Onkel. Und wo der wohnt. In der Nähe von einer Stadt in einem Dorf. Den Namen der Stadt. Luanshya. "Na gut, dann fahren wir dort erstmal hin, wir finden deinen Onkel schon". Er kramt einen Zettel raus. "Bitte geben sie meinen Sohn bei Officer soundso oder bei Sergant soundso ab". Aha, also zur Bullenwache in Luashya, was nicht besonders auf unserem Weg lag. Der Kleine saß nun nicht mehr hinten, sondern kauerte zwischen uns um irgendwas wieder zu erkennen. Sah aber alles gleich aus, links und rechts nur grüner Busch und Bäume und in der Mitte die Straße. Als wir in die Stadt einfuhren, sah man ihm die Erleichterung an. Wir brachten ihn zur Wache, dort gab es den gesuchten Officer und den Sergant, schenkten dem Lütten noch zwei Pakete Kaugummi und ein Schweizer Taschenmesser, aber es half nichts, geheuer waren wir ihm immer noch nicht. Er nickte kurz, der Anflug von einem Lächeln, und weg war er in der Wache.

 

Wir fuhren noch ein paar Kilometer weiter in eine größere Stadt, um eine Unterbringung zu finden. Campingplätze gibt es auf dieser Ecke nicht mehr, für wen auch. Zwei Hotels gab es und den Y.M.C.A. Die Hotels kosten dreihundert DM pro Nacht und der Y.M.C.A. dreissig. Dazwischen gibt es nix. Also übernachteten wir beim "Christlichen-Verein-Junger-Männer" für ‘nen Dreißiger. Sehr seltsam. Ich erinnerte mich an diese Mega-Schwulengruppe, dessen Namen ich vergessen habe, die mal einen Hit hatte, der "Wei-Em-Ci-Ey" hieß. "It’s fun to stay at the Y.M.C.A." Schreckliches Lied, absolut tödlich.

 

DEM. REP. KONGO (ex ZAIRE)

 

Wir brachen um sechs Uhr früh auf, um zu versuchen, dieses Land ähnlich wie Mozambique, Lesotho oder Guinea-Bissau in einem Tag zu erledigen. Wir erreichten die Grenze um acht Uhr, früher hätte sie ohnehin nicht aufgemacht. Den gleichen kleinen Jungen, den wir am Vortage mit hatten, gab es auch an der Grenze, bloß in Kampfuniform mit einem Schnellfeuergewehr und ganz und gar nicht verschüchtert. Er paßte ein bißchen auf, daß alles seinen geregelten Gang geht. Unmengen Gesindel an der Grenze, Geldwechsler, undurchsichtige Gestalten, Helfer und wahnsinniges Gewühl. Mit dem Helfer hatten wir diesmal Glück, er war sehr cool und wußte auch wo’s lang geht. Tatsächlich bekamen wir eine Visum an der Grenze, allerdings nicht für zehn US$ sondern für dreißig, aber was soll der Geiz. Es dauerte etwa eine Stunde, zwischenzeitlich erledigten wir Zoll und den Doktor. Unsere Choleraimpfung war nun wirklich abgelaufen, aber er war sehr verständnisvoll, als ich ihm sagte, daß eine Injektion nicht infrage kommt. Eine Spritze in Zaire, das klingt schon wie der sichere Tod durch Aids oder Ebola. Er verlangte pro Person zwei US$ für den Stempel in den Impfpass und das ist sehr in Ordnung, erspart uns dies weitere Diskussionen an den nächsten Grenzen. Unser Helfer bekam auch noch zwanzig US$ und wir waren drin. Die Straße ist natürlich Scheiße, aber nicht zu Scheiße. Wenn man langsam fährt, können die meisten Schlaglöcher umkurvt werden und die unvermeidlichen muß man eben im Schrittempo nehmen. Der Zeitplan war allerdings schon jetzt gestorben. Die erste Militärkontrolle. Der junge Soldat trägt eine Kette, auf der LOVE steht, um den Hals, in der Hand hat er eine Maschinenpistole, natürlich verspiegelte Sonnenbrille, und fragt, ob wir ihn und zwei Kollegen ein paar Kilometer mitnehmen könnten. "Aber mit dem allergrößten Vergnügen, die Herren." Jetzt waren wir wieder voll, selbst bei offenem Fenster veränderte sich die Geruchskulisse dramatisch zum Negativen und das absolut sorglose Hantieren mit den Automatikwaffen in unserem Rücken beruhigt auf der Schlaglochpiste auch nicht gerade. Wir erreichten den nächsten Militärstop, sie stiegen aus, andere steigen zu, als wären wir der öffentliche Nahverkehrsbus. "Bonjour, sa va, auf geht’s." Mit ihnen erreichten wir Lubumbashi. Eine bös heruntergekommene Stadt aus Ruinen und Schlamm und Schlaglöchern. Im Zentrum wird es etwas besser. Der Eine bedankte sich und verschwand, den anderen wurden wir nicht wieder los. Er hilft uns, wie toll. Ich gehe in eine Bank, um zu wechseln, Annett bleibt mit dem Typen am Auto. Gerammelt voll, keine Chance. Ich gehe in die zweite Bank, kein einziger Kunde, ich bin sofort dran, brauche aber trotzdem über eine Stunde, um 200 US$ Travellerschecks zu wechseln. Der Kassierer war damit beschäftigt, von einem Kollegen Krawatten zu kaufen, und da dieser bestimmt zehn verschiedene zur Auswahl hatte, dauerte es eben ein wenig. Er gibt mir dann trocken 170 US$ cash. Ich sage, daß kann nicht angehen. Wenn ich ihm 200 Dollar gebe kann er mir nicht 170 zurück geben, außerdem will ich Landeswährung haben, da ist der Beschiß nicht so offensichtlich. "Vergiß das", sagt er, "Dollar ist patt problemm, Landeswährung ist problemm." Und über das bißchen Kommission, da lohnt es sich nicht zu sprechen.

 

Wir also zur Post, tausend Briefmarken holen. Die Post ist groß, alt und menschenleer. Jeder Schalter besetzt, kein Kunde. Gleich vier Leute beschäftigen sich mit uns, den unfreiwilligen MP-Tramper hatten wir immer noch im Schlepp. "Tausend Stück ... hmm ... kommt in einer Stunde wieder, wir stellen was zusammen." Na gut, wir machen uns auf die Suche nach einem Hotel. Unser Helfer zeigt uns eines, welches nicht so teuer ist - laß mal - gegenüber der Post das Park-Hotel, sah doch nicht so schlimm aus. Wir dahin, sagen unserem Schatten, daß unsere Wege sich nun trennen, aber er hatte noch ein petit problemm. Wo soll er schlafen, er wohnt doch gar nicht hier ? Ich frage ihn, warum er denn überhaupt her gefahren sei und er antwortet, daß er morgen wieder mit uns zurück fahren wird. Is ja logisch, blöde Frage, hätte ich auch selbst drauf kommen können. Zwanzig Dollar für seine Übernachtung wären ihm noch genehm, und ich gebe sie ihm, um ihn loszuwerden, geschissen auf die zwanzig Dollar, hier geht es um mehr.

Wir checken im Hotel ein, 90 Dollar, aber da wir gerade einen 100 Dollar Traveller - Check hatten, paßte der auch. Auf ein paar Dollar mehr oder weniger scheint es niemanden anzukommen. Das Zimmer mit Blick auf den immer lauten Marktplatz - rund um die Uhr Alarm - die Betten wie Hängematten und Kopfkissen wie Allways-Ultra. Dafür kam nur kaltes Wasser aus der Dusche. Wir wieder rüber zur Post, das lag nun alles sehr günstig um die Ecke. Sie hatten die Marken zusammen, alle möglichen, und wollten dafür zweihundert Dollar haben. "Nein Nein, Monsieur, das ist zu teuer, was hältst du von fünfzig." "Och nöö, lieber einhunderthunderfünfzig..." "Ok, nicht lange reden, du bekommst sechzig." "Naja, hundert müssen es schon sein." usw... usw. Wir einigten uns bei achtzig, die aufgedruckten Zahlen auf den Briefmarken spielen überhaupt keine Rolle. Was kostet eine Postkarte nach Europa ? Keine Ahnung. Er holt fünf vorgedruckte Postkarten und verlangt Stück einen Dollar. "Zu teuer, Monsieur." "Die sind aber sehr alt." "Ja, das habe ich befürchtet, kann man die nach Deutschland verschicken ?" "Nein, oder, warte mal, doch, das geht." Die gleichen Postkarten benutzte er auch als Schmierzettel, um den Betrag zu errechnen, den wir für die Marken zahlen sollten. Wir bekamen dann sechs Stück für einen Dollar, natürlich alle von Zaire wie auch die Briefmarken, die Umbenennung des Landes hat anscheinend bloß außerhalb der Grenzen stattgefunden. Wir haben mal zwei losgeschickt, spaßeshalber, mal sehen, ob die ankommen.

 

Als wir die Marken einkleben, stellen wir fest, daß es nur knapp neunhundert sind. Ich gehe schnell noch mal rüber, hole weitere hundert. Auf der Straße läuft man unbehelligt, wenn man sich zügig und zielgerichtet bewegt. Rumstehen und blöd gucken darf man allerdings nicht, dann ist man sofort als Ansabbelopfer erkannt. Der Postler will noch mal Geld, ich sage, daß ich vorhin schon bezahlt hatte und das findet er auch, war ihm nur kurz entfallen. Au revoir, bis morgen zum stempeln ...

 

Wir haben nur gestaunt. Wir lasen bei der Einreise im Reiseführer noch, daß "das Land theoretisch ohne Personenschaden bereist werden kann". Das scheint Gott sei Dank vorbei, sie haben sich beruhigt und sind zu dem zurück gekehrt, was sie für normal halten. Für uns ein neuer Glanzpunkt. Daß man nicht einmal Briefmarken für das bekommen kann, was draufsteht, das ist neu. Und, daß keiner im Land mit den Millionenbeträgen der eigenen Währung auch nur das geringste anfangen kann, das haben wir auch noch nicht erlebt. Jeder schätzt in etwa, was es in Dollar wert sein könnte und dann wird gehandelt. Wie rechnen die bei der Post überhaupt ab, und wem gegenüber ? Vielleicht sagt dies der Generation mehr, die Inflationen und Währungsreformen schon einmal selbst erlebt hat, für uns, wie gesagt, eine neue Erfahrung. Nach Reiseführerinfo, die mittlerweile auch schon ein paar Jahre alt ist, liegt die Inflationsrate bei 4.000 % im Jahr. Daran hat sich in den letzten Jahren bestimmt nichts verbessert. In Sambia wird von 500 % gesprochen, das klingt dagegen schon fast wieder stabil.

 

Eine sehr merkwürdige Stimmung herrscht in dem Land. Unser Hotel ist das beste am Platze, vor der Tür neben unserer alten Karre S-Klassen. Abends Stimmengewirr. Ich gehe auf den Balkon, etwa zwanzig Mann bepöbeln einen Anderen. Ein Soldat kommt, greift sich den Einzelnen, bringt ihn über die Straße und steckt ihn auf die Rückbank eines dicken Mercedes’. Die anderen kommen hinterher und sind immer noch am Schimpfen. Sie schimpfen jetzt mit dem Mercedes. Der Soldat nimmt seine Maschinenpistole, lädt durch, schreit ein paar Worte und die anderen machen, daß sie fortkommen. Er stellt sich vor den Benz und der andere bleibt im Auto. Es kehrt wieder Ruhe ein. Alltag in der demokratischen Republik Kongo.

 

Wir frühstückten noch und bezahlten die Rechnung. Es gibt Posten wie "Report = 23 US$", was das Frühstück etwa 50,- DM teuer werden ließ. Bloß rüber zur Post, abstempeln lassen und raus. Klappte gut, bloß entdeckte unser Anhalter das Auto und kam zu uns. Er hätte sehr gut geschlafen und holt eben seine Freunde, damit wir alle zusammen zurück fahren können. Wir sagten ihm, er solle sich nicht beeilen, wir treffen uns alle um zehn vorm Hotel und als wir in der Post fertig waren, fuhren wir geraden Weg zur Grenze. Es kam uns jetzt zugute, daß wir auf dem Hinweg so gut wie jeden Soldaten mitgenommen hatten, sie winkten uns zu, wünschten gute Reise und bekamen noch ein paar Kugelschreiber. Keine Probleme. Die Straße gab unserem Auspuff allerdings den Rest, klingt nicht so, als würde er bis Hamburg durchhalten, vielleicht in Kenia eine Werkstatt mit Stern suchen. Es folgte das Beste, was man in der Demokratischen Republik Kongo überhaupt nur machen kann, nämlich die Ausreise. Wir hatten noch das Vergnügen, daß uns einer der Kindersoldaten vorgestellt wurde, zehn Jahre alt, in voller Bewaffnung. Er konnte seine Maschinenpistole kaum tragen, ließ sich aber nichts anmerken, blickte grimmig um sich. Sie waren ganz stolz auf ihren Benjamin, die Arschlöcher. Eisen erzieht, Monster züchten, das Ergebnis kam man heute schon in Liberia bewundern. Was soll man als Reisender dazu sagen. "Klasse, ein Land mit Zukunft ..." und alle nickten zustimmend. Das war’s dann. Rein nach Sambia und wieder ins Y.M.C.A. Hostal. Die knapp zwei Tage hatten uns fast tausend Mark gekostet, imgrunde für nix und wieder nix. Je beschissener das Land, desto teurer wird’s, das hatten wir bereits und es bestätigt sich immer wieder. Man kann in solchen Ländern einfach an nichts sparen und bekommt obendrein keinen adäquaten Gegenwert für sein Geld. Um nur halbwegs das Gefühl von Sicherheit zu haben, und dazu gehört ein bewachter Platz für das Auto, ein Hotelzimmer ohne zuviel Ungeziefer und eine Küche, die einem nicht für zehn Tage den Magen umdreht, muß man löhnen ohne Ende.

 

WIEDER IN SAMBIA

 

Jetzt kam uns Sambia sehr komfortabel vor uns wir haben schon seit langem ein kleines Belohnungssystem eingeführt. Nach strapaziösen Abschnitten, die immerhin effektiv und erfolgreich waren, gibt es eine Belohnungsrunde. Wir nehmen schwarze Anhalter freiwillig mit - manchmal - dann geben wir den Bettlern großzügig ein paar Kröten, lassen das Auto waschen, kaufen irgendeinen Quatsch und solche Sachen. Zaire stand uns echt bevor, wie demnächst Somalia, Burundi und Ruanda, und das war uns eine etwas größere Belohnung wert. Wir aßen noch im ersten Haus des Ortes Kitwe in einem First Class indischen Restaurant und kauften den Ganoven auf der Straße noch einen Stein für zweihundert Mark als Souvenir ab. Ein komisches Geschäft. Zwei kommen ans Auto und zeigen uns geschliffene Aquamarine. "Nee, brauch ich nicht", sage ich, "wo hast du denn deine Diamanten ?" Er packt Diamanten aus, ich hole das Testgerät raus, die beiden staunen nicht schlecht, und natürlich waren es keine Diamanten. Ich gebe sie ihnen wieder, sie sollen es bei einem anderen Versuchen, und sie erklären, daß Diamanten in Sambia auch gar nicht vorkommen, nur Aquamarin und Emerald. Die Diamanten kommen aus Angola und da kenne man sich selber nicht so gut aus. Sie geben mir einen Emerald, Fünf-Mark-Stück groß, roh, mit schwarzer Schlacke herum. Leuchtet grün wie das Glas von Beck’s-Bier, wenn man ihn gegen das Licht hält. Wird es wohl auch sein, ‘ne eingeschmolzene Beck’s-Bier-Buddel mit etwas Dreck dran. "Emerald, nie gehört. Kryptonit kenne ich, ist auch grün." Aber von Kryptonit hatten die beiden wiederum noch nie was gehört. "Naja, ganz nett, haut einen aber nicht gerade um" sage ich, "als Souvenir an euch beiden Betrüger würde ich ihn vielleicht nehmen, was denkt ihr denn, was der kosten soll ?" Für mich, Sonderpreis, 600 US$. "Hasta la Vista, boys, enjoy your day." Sie lassen natürlich nicht locker und wollen ein Gegenangebot hören, und ich denke mir, eine Null wegstreichen ist immer gut und runde ab auf fünfzig Dollar. Ich bin so ein Idiot, ich bin schon bald wie sie, und feilsche um ein Produkt, von dem ich keine blasse Ahnung habe nur so aus Bock. Irgendwann habe ich das Teil dann tatsächlich für Zweihundert Deutsch-Mark erstanden. Nicht, daß es irgendwie hübsch ausgesehen hätte, wie ein Stück Kohle, und brauchen tue ich es noch weniger, aber ich habe es gekauft und mich auch noch darüber gefreut. "Guck doch mal, ist doch geil, oder nicht ?" Annett zweifelt in solchen Momenten immer an meinem letzten Fünkchen Verstand und schaut mich an, wie ein Arzt seinen unheilbaren Patienten ansieht. Hoffnungslos. Ich glaube sie hat recht. "Für jeden Scheiß, den du hier kaufst, kaufe ich mir in Hamburg auch was in gleicher Höhe, ich schreib das alles auf !" "Mal sehen ..." Jetzt habe ich den Stein an den Backen und um der Sache überhaupt einen Anschein von Sinn zu geben, habe ich ihn zum Talismann ernannt. Das Auto ist ohnehin voll von Talismännern, es ist mehr oder weniger ein einziger Talisman, aber den mußte ich unbedingt noch haben. Ich glaube, es ist das Vernünftigste, ich lege mich erstmal hin und schlafe mich aus.

 

Kaum richtig aufgewacht, begann der Tag gleich mit Ärger. Wir gehen zum Auto, Schloß aufgebrochen und am Heckfenster rumgehebelt. Auf einem bewachten Parkplatz. Genauso wie tags zuvor, als man uns auch auf einem bewachten Parkplatz die Glühbirnen des kaputten Rücklichtes geklaut hatte. Reingekommen ins Auto waren sie nicht, sie hatten wohl nicht genug Ruhe und konnten keinen Lärm machen, aber das Schloß ruiniert und das Heckfenster zog ab sofort Wasser. Jede Wette, es waren die Edelsteinhändler. Der Diamantentester und die vielen Imitationen zur Bestimmung von Farbe und Größe müssen für sie wie die Kronjuwelen gewirkt haben. Damit kann man vorzüglich betrügen und sich selbst vor Betrug schützen. Recht leichtsinnig von uns die Sachen so gezeigt zu haben. Wir hatten die Reisedokumente im Fahrzeug gelassen, Kameras, Radio - wir sind noch nicht wieder richtig fit, die Instinkte sind noch eingelullt von den zivilisierteren Ländern. Noch mal gut gegangen, da es halt Betrüger waren und keine gelernten Autoknacker. In Westafrika war auf die Watch-Männer immer Verlaß. Hier unten hat man mit ihnen nie ein gutes Gefühl. Ich glaube, die paar Mark für’s Bewachen werten sie geringer als den Tip, daß man das Auto jetzt über Nacht aus dem Auge läßt. Rein rechnerisch ist das sicher richtig gedacht. Der beste Teil Afrikas, von Süden aus gesehen, hört an den Vic-Falls auf, so unsere Befürchtung. Danach kann man mit Glück noch mal gute Läufe haben und hier und da einen schönen Platz entdecken, aber durchgängig sorglose Tage ohne Probleme und Ärger, das scheint mit Zimbabwe vorbei. Der Tag lief beschissen weiter. Waren wir von Cape Town bis bis zu den Vic-Falls ungefähr 15.000 km ohne Bullenbelästigungen und Roadblocks gefahren, kamen sie jetzt wieder alle fünfzig Kilometer vor. Kugelschreiber liegen hoch im Kurs, davon haben wir ja genug. Bis uns eine fette Politesse auf die zwei fehlenden Glühbirnen anspricht. Sind geklaut worden, wir besorgen uns in der nächsten größeren Stadt neue. "Nein", sagt sie, "das kostet Strafe, gehen sie da vorne zu dem Kommandanten." Der schreibt mir tatsächlich zwei Strafzettel aus, pro Glühbirne 70,- DM. In Worten: Siebzig Deutsche Mark. Ich nehme den gar nicht für voll und sage, daß ich soviel Geld überhaupt nicht besitze, mehr als seinen Monatslohn, er solle sich was anderes ausdenken. Wieviel ich denn hätte. Nun packe ich immer die großen Scheine in meine Weste, und die kleinen, die man als Wechselgeld erhält, habe ich mit einer Klammer in der Hosentasche. Ich sage, ich schaue gerne mal nach, ein wenig müßte er mir lassen für ‘ne Cola oder so, über den Rest können wir sprechen. Ich greife in die Hose, fühle die Geldklammer, hole sie raus und lege ihm das Geld auf den Tisch. Zehn bis zwanzig Mark, umgerechnet, denke ich. Zwischenzeitlich hatte Annett jedoch unsere Barschaft sortiert und alles Geld von Sambia schön säuberlich von meiner Westentasche in den Geldclip gepackt, so wie ich es normalerweise gerne habe. Kopf auf Kopf, der Größe nach sortiert. Ich packe dem Kerl also mit doofen Gesicht ca. 170,- DM auf den Tisch und ich lasse ihn das auch nehmen, damit er sich von meiner Armut und Ehrlichkeit überzeugen kann. "Oh, that’s very good !" Er eröffnet mir freudig, daß es dicke reicht und ich sogar noch viel mehr als eine Cola übrig hätte. Dumm gelaufen, das Ding war vergurkt. Meine ganze Argumentation den Bach runter und 140,- DM dazu. Unter diesen Umständen hätte es wenig Sinn gehabt, das Spielchen fortzuführen. Ich habe mich wieder schwarz geärgert, ich spürte förmlich, wie mir ein Mördergeschwür wächst. Das gibt Ärger-Dünnschiss. Schon wieder eigene Blödheit, sowas Nachlässiges, das häuft sich allmählich. Zwei Mal beim Geldwechseln anscheißen lassen, dann nachts die wichtigsten Sachen im Auto liegen gelassen und jetzt das Geld nicht getrennt aufbewahrt. Wir ermahnten uns zu mehr Disziplin, was jetzt kommt, ist nichts mehr für Träumer, wir müssen einfach wieder wacher werden. Der neue Talisman arbeitete bis dahin nicht besonders beeindruckend.

 

Wir fahren also mit eben noch dreißig Mark und halb leerem Tank weiter. Stimmung gedämpft, als wir feststellen, daß die Karte mit den Kilometerangaben sehr großzügig verfährt und wir fahren und fahren, aber das eingezeichnete Dorf taucht nicht auf. Die Tankanzeige geht immer tiefer in den roten Bereich, links und rechts nur Busch und Hügel. Nicht auch das noch. Ohne Geld mangels Diesel liegenbleiben, Spritleitungen entlüften, Autos anhalten, mit einem Kanister losfahren usw, was ist das für ein Schweinetag. Aber jetzt griff der neue Talisman endlich in die Abläufe ein. Mit dem letzten Tropfen erreichten wir eine Tankstelle, der Besitzer war persönlich da und wechselte uns 100 US$ zu einem fairen Kurs. Na bitte ! Wieder flüssig, den Tank voll Sprit, jetzt sahen wir Sambia wieder mit anderen Augen und würdigten auch die vielen freundlich winkenden Leute an der Straße - das Land ist nicht so übel und verdient es nicht, daß ein korrupter Police-Check das ganze Image versaut. Es ist allerdings auch in keiner Weise sensationell.

 

Wir schafften an diesem Tag über siebenhundert Kilometer, weil wir noch bis zu einem Punkt kommen wollten, den uns die Bayern in Bulawayo empfohlen hatten. Hot Springs. Außerdem ist die Auswahl auch sehr gering, weit und breit kein anderer Campingplatz und von Hotels mit bewachten Parkplätzen waren wir erstmal bedient. Der Weg dorthin führt über dreissig Kilometer Piste mitten durch den Wald und als wir ankamen, war es stockfinster. Zwei Schwarze begrüßten uns sowas von freundlich, mit Hände schütteln und in den Arm nehmen. Ein alter Mann namens Ernest, der Chef oder Chefverwalter oder was auch immer, war ganz aufgeregt und mußte uns auf der Stelle alles mit der Taschenlampe zeigen. Er wußte gar nicht, was zuerst. Die heiße Quelle. Absolut begnadet ! Mitten im Nichts sprudelt da eine Quelle und füllt ein etwa 50 m² Natursteinbecken mit kristallklarem Wasser in Badewannentemperatur. Dann mußten wir in den kleinen Park, direkt an einem Fluß mit kleinen Stromschnellen gelegen und uns auf die Sessel setzen und ausprobieren, wie gut man da relaxen kann. Alles mußten wir uns sofort ansehen. Er kam direkt ins Stottern vor Aufregung, und immer wieder "feel free, f-f-feel like home, you are very w-w-wellcome". Als er noch heraus bekam, daß wir aus Deutschland kommen, war er überhaupt nicht mehr zu bremsen. Die Deutschen, also nein, das beste Volk der Welt, gar keine Frage. Welch eine Ehre, euch als Gast bewirten zu dürfen. Was sie alles in seinem Bezirk gemacht haben. Lehrer geschickt, ihnen Ackerbau und Lesen und Rechnen und, ach, überhaupt alles haben sie gezeigt und wenn man krank war, konnte man zum Arzt gehen. Der hat den Kindern geholfen und den Alten und jedem, für umsonst. Die Deutschen, das Allerbeste von der ganzen Welt. Und dann haben sie Zuckerrohr angebaut und uns Arbeit gegeben und wir hatten zu Essen und alles war gut. Ist einem ja direkt unangenehm. Er bedankte sich bei uns, daß die Deutschen so toll sind, noch mal Danke für alles, Danke, was ihr für mich und meine Familie alles getan habt. "... keine Ursache, it was a pleasure ..." Der neue Talisman hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, fast übertrieben, aber besser so als anders.

 

Wir verbrachten den nächsten Tag bei Ernest. Morgens spaddelten wir in der heißen Quelle rum, kreislaufmäßig sehr anstrengend, wie wir erst später bemerkten und klönten noch ein wenig. Die Engländer hatte er gefressen, weil er, oder sein Vater, habe ich nicht genau verstanden, einmal einen Engländer auf den Schultern durch einen Fluß tragen mußte. Den Gipfel fand er, daß der Herr dabei frühstückte, und zwar ein weich gekochtes Ei. "Ist er ein Baby, oder was, daß er getragen werden muß ...?! Fuck the British !" Wir versuchten ihm noch zu erklären, daß die Deutschen als Kolonialmacht mit Sicherheit nicht besser gewesen wären, aber seine Liebe zu diesen "wonderful people" wollte er sich auf keinen Fall trüben lassen. Er brachte uns riesige Waldpilze, bis es dann gegen Mittag aus Eimern anfing zu schütten und bis in die Nacht nicht mehr aufhörte. Wir verkrochen uns ins Auto und hatten einen sehr gemütlichen Lesenachmittag. Uns kamen langsam bedenken, ob wir überhaupt wieder weg kommen würden, solche Massen von Wasser kamen vom Himmel. Rings um uns herum überall strömende Bäche, alles matschig, aber am nächsten Morgen war das Meiste versickert und wir machten uns auf die Socken nach Tanzania.

 

TANSANIA

 

Keine Roadblocks auf der Schlaglochstraße da Sonntag war. So hat der christliche Glauben doch auch seine positiven Seiten. Die Einreise nach Tanzania war langwierig und teuer. Man ist um zweihundert Mark ärmer, bis sich der Schlagbaum öffnet. Visa, Straßennutzungsgebühr, Einreisegeld und Versicherung, das läppert sich und immer in US$. Wenn man nur mit Restbeständen der letzten Währung, Travellerschecks und Kreditkarte kommt, hat man ein Problem. Sie gehen wie selbstverständlich davon aus, daß man neben dem Paß, dem Carnet de Passage, Internationalen Führerschein und dem Impfzeugnis auch noch abgezählte Dollars dabei hat. Auch Deutsch-Mark wird nicht akzeptiert. Nun gut, wir hatten noch Dollars, bald ist allerdings Ende, und wir kamen rein. Bei Gelegenheit mal ein paar Neue besorgen.

 

Der krasseste Unterschied zu Sambia ist der, daß auf einmal wieder links und rechts der Straße Felder, Beete und Viehzeug zu sehen ist. In Sambia ist nur Busch, soweit das Auge reicht. Sie machen gar nichts, außer an der Straße Zeichen zu geben, daß sie Hunger hätten und sich der Hoffnung hinzugeben, daß man eine Vollbremsung macht und anfängt Schnittchen zu schmieren.

 

Wir checkten mangels Campingmöglichkeit in ein Hotel ein - mittelmäßig - bekamen sofort Kredit, als wir sagten, daß wir erst am nächsten Morgen zur Bank gehen könnten und obendrein ein vernünftiges Essen. Noch ist Schweinefleisch auf der Karte, das ist ein gutes Zeichen. Wir ließen uns noch eine Wanne braunes Wasser ein, kippten ordentlich Dusch-Das dazu um wenigstens weißen Schaum zu haben und wußten hinterher nicht, ob wir wirklich sauberer geworden waren. Aber wir rochen besser. Dann legte ein Blitz die Elektrizität lahm und wir gingen zu Bett.

 

MALAWI

 

Bevor wir weiter Richtung Kenia fahren konnten, hatten wir noch einen kleinen Abstecher nach Malawi zu machen. Eine frisch gemachte Straße führt über hohe Berge, vorbei an Tee- und Kaffeeplantagen zur Grenze. Das Gestikulieren und Brüllen begann schon auf der Fahrt dorthin abzuebben und wurde später, mit jedem Meter weiter rein nach Tanzania weniger und hörte dann ganz auf. Es scheint sich da um ein spezielles Gebiet gehandelt zu haben, Malaria-Schwerpunkt oder nur weil Sonntag war, weiß der Geier. In Malawi ist alles sehr arm, sehr freundlich, sehr friedlich. Wir fanden wenige Kilometer nach der Grenze einen Ort mit Bank, Campingplatz, Post und winzigem Supermarkt. So lief Malawi bei uns generalstabsmäßig ab. Wir kauften Briefmarken, checkten auf dem Campingplatz ein, klebten ein und ließen tags darauf vormittags abstempeln. Abends traf noch eine englische Reisegruppe in einem alten Doppeldeckerbus ein und wir fragten sie, ob sie über Burundi oder Ruanda gekommen seien, um eventuell Informationen über Straßenzustände und Sicherheitslage zu bekommen. Waren sie nicht, aber sie hatten die Nachrichten gehört. Gerade vor ein paar Tagen hatten die Hutsi die Tutsis oder umgekehrt - ich kann mit das nie merken - achtausend Leute in einem Flüchtlingslager im Kongo massakriert. Also geht das Schlachten immer noch weiter und für uns war sofort klar, daß wir keines der beiden Länder befahren werden. Es klingt für uns Außenstehende so unbegreiflich, daß diese Stämme sich in einer Tour abmurksen. Hutsis und Tutsis, das klingt fast niedlich, aber es müssen ganz üble Gestalten sein, wer nun auch immer gerade Täter und wer gerade Opfer ist. Ein Flüchtlingslager im Kongo, wie mag es da bloß aussehen ? Der Kongo - das alte Zaire ist gemeint - sieht so schon aus wie ein Flüchtlingslager. Und da setzen Mördertruppen nach um Frauen und Kinder und alte Menschen zu vernichten die eh den Hungertod vor Augen haben. Schwarze gegen Schwarze. Wir fragten uns, ob es die gleichen Menschen sind, die achttausend Flüchtlinge ermorden, die an der Straße die Kontrollen durchführen ? Bestimmt. Und mir welchen Augen sehen sie uns, was zählt für einen solchen Typen ein Menschenleben ? Indiskutabel dort mit einem Wohnmobil einzureisen. Wir werden noch prüfen, ob ein Flug in die Hauptstadt vertretbar ist, aber im Zweifel lassen wir beide Länder links liegen. Dieses Gemetzel zusammen mit dramatischen Aids-Zahlen, da würde einem in Südafrika jeder lächelnd raten, noch ein wenig zu warten und dann gemütlich durch ein menschenleeres Land zu fahren und dem letzten überlebenden Postbeamten Briefmarken und Stempel abzukaufen. Darauf könnte es hinaus laufen.

 

Es war sehr schwül, es gab nichts besonderes, es regnete, und wir sahen keine Veranlaßung länger im Land zu bleiben. Es ist sympatisch, wir verschenkten viele Kugelschreiber, erhielten dafür als Dank strahlende Kinderaugen und fuhren wieder zur Grenze. Schade, daß der Grenzer den sympatischen Eindruck trübte. Er wollte uns nicht raus lassen, da wir den Ausreisestempel von Tanzania und den Einreisestempel von Malawi in verschiedenen Pässen hatten. Von internationalen Verwicklungen war die Rede. Dann fing er an, daß wir nicht nach einem Tag schon wieder ausreisen könnten, wenn wir ein Visum für zehn Tage bekommen hätten. Ein absurder Wortwechsel begann:

 

"Sorry, ich wußte nicht, daß wir zehn Tag im Land bleiben müssen. Ich dachte, nur länger bleiben wäre eine Problem, nicht kürzer."

 

"Sie verstehen mich falsch. Wenn sie ein zehn Tage Visum haben und nach einem Tag schon wieder das Land verlassen, ist das verdächtig."

 

"Was wollen sie von uns ? Wir können ja hier noch acht Tage auf der Zollstation campieren, bis die zehn Tage rum sind und uns freuen, daß das Visum nicht für drei Monate ausgestellt wurde."

 

"Sie verstehen mich falsch. Nach zwei Tagen ausreisen bei einem Zehntagesvisum ist nicht richtig."

 

"Wieviel Tage müssen wir denn warten, bis wir einen Ausreisestempel erhalten können?"

 

"Sie verstehen mich falsch. Das Visum ist für zehn Tage ....bla bla bla..."

 

Das ging so eine ganze Weile, bis ich sagte "Jetzt verstehe ich sie. Das Visum ist für zehn Tage und wir reisen schon nach zwei Tagen wieder aus." "Na bitte", sagte er, "jetzt haben sie mich verstanden", und stempelte den Ausreisestempel ein und schmollte mit bösem Blick. Abends wird er seiner Frau erzählen, wie blöd die Weißen sind, die partout nichts begreifen. Ein ziemlicher Schwachkopf, der die Erinnerung an Malawi ein wenig dunkel färbt, zumindest die letzte Stunde. Bei der Einreise waren Zoll, Polizei und Immigration ausgesucht freudlich, der Spinner paßte so gar nicht ins Bild.

 

WIEDER IN TANZANIA

 

Wir fuhren den ganzen Tag weiter bis kurz vor die Dunkelheit. Nicht eine Bullenkontrolle. Die Regenzeit, durch die wir jetzt schon seit Wochen fahren, war ungewöhnlich heftig. Schwarze Fronten kamen auf uns zu, wir fuhren durch wasserfallähnliche Güsse, am Himmel zuckten Blitze und es donnerte mächtig. Dunkel wie am frühen Abend, die Straße glich einem Fluß, links und rechts in der Böschung strömten die Wassermassen die Berge runter, da wird einem Angst und Bange.

 

Abends in einem preiswerten und angenehmen Hotel, in dem das Leitungswasser allerdings die Farbe von Tee hatte, trafen wir ein deutsches Pärchen, welches von einer weggespülten Brücke sprach, genau auf unserem Weg, über die sie gerade noch fahren konnten, da sie nur mit einem kleinen Bus gekommen sind. Die großen Busse und LKW’s haben keine Chance. Alternativ zu dieser Straße führt eine Piste quer durch die Landschaft, von der keiner sagen konnte, wie sie wirklich beschaffen ist. Wir starteten am nächsten Morgen auf genau der einzigen guten Straße, auf der angeblich wegen der Brücke nur kleinere Fahrzeuge passieren können. Unser Auto muß vergleichsweise als klein angesehen werden, also, was soll sein.

 

Auf dem Weg dorthin kamen uns große Reissebusse und LKW’s entgegen, die ja irgendwo her gekommen sein mußten. Es wird also einen Weg geben, und wir genossen die Landschaft. Von den Bergen strömte immer noch überall Wasser über die Straße, gelöste Felsbrocken mußten umfahren werden und viele Wasserfälle waren entstanden. Der im Tal verlaufende Fluß war wieder auf normales Level abgesunken, aber noch deutlich sichtbare Spuren und entwurzelte Bäume zeugten von dem Unwetter, welches über das Land herab gegangen war. Die Bussfahrer in Tanzania sind absolute Wahnsinnige. Die Bayern vom Camp-Site in Zimbabwe waren ihnen bereits zum Opfer gefallen, und wir verstanden jetzt besser, wie das passieren konnte. Unser Auto sieht recht wuchtig aus, es ist hoch und sie sehen es rechtzeitig. Das hindert sie nicht, jede Kurve zu schneiden, ohne Rücksicht auf Verluste zu überholen um in den Serpentinen nicht an Schwung zu verlieren und wenn man nicht bremst oder auf den schmalen Grünstreifen fährt, rammen sie einen von der Straße. Wieviel ruppiger müssen sie sich einem kleinen R5 gegenüber verhalten. Wir erreichten die Brücke, und drei Busse standen vor uns, sie hatten uns alle überholt. Die linke Spur war komplett fortgespült, auf der rechten war ein LKW eingebrochen und hing halb über dem Abgrund. Ein wahnsinniger Busfahrer hatte versucht, sich noch daran vorbei zu drängeln, war dabei restlos im Modder festgefahren, lag mit dem ganzen Heck auf, und bei dem Versuch, wieder heraus zu kommen, hatte er den Motor ruiniert. Zwanzig Leute versuchten, ihn wieder in Gang zu bringen, jeder schraubte ab, was er gerade lockern konnte, ein anderer schraubte es wieder fest und damit war der Motor restlos geliefert. Teile lagen im Dreck, Haube offen, verstreutes Werkzeug. Es kann gerade zwanzig Minuten vor uns passiert sein, und es war unvorstellbar, daß sich diese Situation am gleichen oder am nächsten Tag beheben lassen wird. No chance. Immer weitere Busse kamen an, alle bis auf den letzten Platz besetzt, jeder stieg aus und die Straße war ratz-fatz schwarz von Menschen. Die ersten boten Kekse und Getränke an, ein Truck versuchte, den Bus raus zu ziehen, aber der bewegte sich um keinen Millimeter. Andere versuchten, eine Nebenstrecke durch den Fluß zu eröffnen. Ein Allradfahrzeug testete an, versank im Schlick, und wir wußten, daß es nur noch einen Weg gab, nämlich zurück nach Iringa. Und zwar bevor weitere Busse die zweite Spur dichtparken und wir nicht mehr raus kommen werden. Sehr ärgerlich, wären wir eine halbe Stunde früher gestartet, wären wir wahrscheinlich noch durchgekommen, oder hätten anstatt des Busses im Schlamm festgesessen, wer weiß.

 

IRINGA

 

Also die einhundertachtzig Kilometer zurück zum Hotel. Zwei Möglichkeiten standen uns offen. Entweder ein paar Tage zu warten, bis die Brücke wieder repariert sein würde oder die Piste über Dodoma zu probieren. Die beiden Deutschen vom Vortage hatten sich zwischenzeitlich ein Busticket für die Piste am nächsten Tag besorgt, und der Busfahrer sprach von neun Stunden Fahrzeit für 250 km. Und das bei der irrsinnigen Fahrweise, für uns bedeutet das zwölf Stunden. Die Zeit ansich ist ja egal, aber wie muß diese Piste beschaffen sein ? Das wollten wir nicht ohne Not riskieren und entschlossen uns zu warten. Es handelt sich bei der eingestürzten Brücke um die Hauptstraße, die Dar-es-Salaam mit Sambia, Zimbabwe, Malawi und alles was dahinter kommt verbindet, das können sie nicht einfach so lassen, es gibt keine Ausweichsstrecke, über die der Schwerlastverkehr umgeleitet werden könnte. Also lieber ein paar gemütliche Tage, als Mensch und Material einer Härteprüfung auszusetzen. Wir wollten die Briefmarken erledigen, den Auspuff schweißen lassen und bei der Elektrik was nachsehen lassen, da die Ladekontrollleuchte seit zwei Tagen brennt. Nicht so schlimm, da die Solaranlage die Batterie ebenso läd, aber für den Dauerbetrieb der Kühlbox reicht es nicht und auf kalte Getränke während der Fahrt wollten wir ungern verzichten. Es soll auch noch einen schönen Markt geben und ein Canyon, insofern kann die Wartezeit auch ganz angenehm werden.

 

Am Abend gingen wir zu einem Inder essen und auf dem Hof stand der alte Mercedes 220 S, den John Wayne während der Dreharbeiten zu HATARI gefahren hat. Mit Hardy Krüger, und das ist doch witzig - ein schöner Grund, sich diesen Spitzenfilm noch einmal anzusehen und an den alten Benz zu denken. Mit Rechtslenker. Wir haben schnell ein paar Fotos gemacht.

 

Was wir die nächsten Tage von der Stadt sahen riß uns nicht gerade vom Hocker, deprimierte uns allerdings auch nicht. Der Markt und die Restaurants, die Straßen und das Postamt, die handwerklichen Arbeiten, alles hatten wir woanders schon vielfach so oder ähnlich gesehen. Die Menschen lassen einen in Ruhe, geben gerne Auskunft und sind freundlich. Auf eine Autoreparatur verzichteten wir jedoch lieber, da sie so akut nun wieder auch nicht war. Lieber zu Benz nach Nairobi. Wir haben extra der Werkstätten wegen einen Mercedes genommen und dann wollen wir diese auch aufsuchen.

 

Wir hofften auf eine gute Nachricht bezüglich der Brücke. Es kam nicht auf den Tag an, nicht einmal auf die Woche, es war nur, daß wir uns Weihnachten in Kenia vorgestellt hatten. Einfach nur so, ohne speziellen Grund, das heißt, irgendwie doch mit Grund. Und zwar ist Kenia eine Etappe. Nicht irgendeine, sondern die letzte Große. Wie Gambia und wie Südafrika. Auf einmal wird Afrika überschaubar. Bislang fuhren wir von einem Land ins nächste, ohne uns den endlosen Rest jedesmal vor Augen zu führen. Das wird ab Kenia anders. Ein paar Flugreisen, nach Somalia und Sudan, auf die Inseln Komoren und Seychellen - Burundi und Ruanda klammere ich mal aus - einen kleinen Abstecher nach Uganda und dann geht es in wenigen Tagen Fahrzeit durch Äthiopien über Eritrea nach Djibouti. Zumindest hatten ir uns das so vorgestellt. Von da eine kleine Überfahrt, von Ägypten die Mittelmeerküste nach Tunesien entlang und rüber nach Italien. Sicher, auch da kann noch ‘ne Menge schief gehen, aber das Risiko bestand vom ersten Tag an, bloß, das es auf einmal überschaubar ist. Ein ganz anderes Gefühl. Vielleicht finden wir auch noch die Kraft, angesichts des greifbaren Endes der Reise nach Zentralafrika zu fliegen - was weg ist, ist weg - und dann ist selbst der dritte Anlauf, den wir noch machen müssen um die Restländer abzuklappern, nicht mehr so gewaltig. Es sind ein paar Länder darunter, in die man ohne Grund bestimmt nicht einreist, aber mit dem Flieger in die Hauptstadt, mit der Taxi Hotel-Postamt-Hotel, das geht fast immer irgendwie. Und laß es kosten, wenn es sich um die letzten fehlenden Marken handelt, rechtfertigen sich auch größere Ausgaben. Das Ziel rückt ganz langsam in greifbarere Nähe.

 

Nach drei Tagen trafen Reisende aus Dar-es-Salaam ein. Sie waren mit großen Überlandbussen gekommen und berichteten, daß am Unglücksort eine stationäre Winde installiert sei, die alle Autos, die im Schlamm stecken bleiben, herauszieht. Es regnete täglich, nicht immer heftig, aber nahezu ständig. Im Januar sollte die Regenzeit ihren Höhepunkt erreichen, also lohnte weiteres Warten in dieser Hinsicht nicht. Die beiden Deutschen, die vor zwei Tagen mit dem Bus über die Piste fortgefahren waren wollten anrufen, sobald sie Dodoma erreicht hätten, aber kein Anruf kam an. Das muß nichts heißen, es kann an der Rezeption oder an der Telefonverbindung liegen, aber es ist allemal keine Ermutigung, die einen Versuch über die Piste rechtfertigen würde. Die Restaurants in Iringa waren allesamt drittklassig bis lausig, besonders übel das Frühstücksangebot. Kaffee oder Tee verbot sich von selbst, wenn man das Leitungswasser einmal gesehen hatte, ein Omelett, welches angeboten wurde, bestand nur aus Eiweiß, sah bläulich aus und schmeckte gräßlich. Käsetoast wurde ohne Käse serviert und auf einem Extrateller lagen gebratene Hühnermägen. Ich habe mich bereits an das englische Frühstück gewöhnt, ziehe es sogar an Tagen, an denen man ausgeschlafen und hungrig an den Tisch kommt, dem Continental-Breakfast vor. Ich esse mit Appetit und Freude einen Teller mit gebackenen Bohnen, Geflügelleber, Würstchen, Speck, Spiegeleiern, Champignons und warmen Tomaten, aber Hühnermägen mit Margarinetoast geht doch zu weit. Seit der Ankunft leide ich an chronischem Dünnschiss, nur durch Immodium-Akkut auf erträgliche Konsistenz eingedickt. Wie soll das besser werden, wenn man nur mit Abscheu ißt und dann auch noch höchst fragwürdige Sachen? Wir waren die einzigen Gäste im Hotel, und das Hotelrestaurant öffnete abends um sieben und wartete mit fünf Mann extra auf uns. Zwei zum Kochen, Einer brachte die Speisen, ein Anderer die Getränke und noch ein Weiterer schrieb die Rechnung. Trotz dieses Aufgebots an Personal war das Essen nicht doll - Hühnchen mit Pommes, Fisch mit Gräten oder Leber mit Sehnen - und wir versuchten es in einem Restaurant im Ort. Annett bekam einen Cheeseburger ohne Fleisch und ohne Käse, mehr braucht dazu nicht gesagt werden. Überall belästigten einen Mücken - Malariamücken - und nachts unter dem Moskitonetz hörte man sie aggressiv, nervös und blutrünstig surren, wie sie Masche um Masche auf einen Durchschlupf abscannten. Man schläft schwer dabei ein. Wir machten also einen zweiten Versuch weiter zu kommen. Man muß nicht unbedingt Weihnachten in Iringa/Tanzania verbringen, obwohl selbst das gegen das letzte Weihnachtsfest in Nouâdibou/Mauretanien schon eine gewaltige Verbesserung wäre. Nicht zu früh starten, wie man uns riet, damit die vom nächtlichen Regen eventuell aufgeweichte Ausweichstrecke schon wieder etwas befestigt worden ist und nicht zu spät, damit der große Schwung schwerer Fahrzeuge aus Dar-es-Salaam diese Stelle noch nicht erreicht hat und alles wieder zu tiefen Matschgräben umgepflügt haben wird. Start gegen zehn Uhr.

 

Während wir nach völlig mißglücktem Frühstück zum zweiten mal die Serpentinen durchkurvten, kamen uns deutlich mehr von diesen Irrsinnsbussen entgegen. Sie machen die Fahrt durch Tanzania tatsächlich zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit. Schrottreif, schrillbunt bemalt und mit Texten versehen. "In God we trust", "Victim", "Adidas", "California Love", "Rubbish" oder "Video Comfort Coach", alles was cool klingt und dazu Lichterketten und "Turbo" und "Power" Aufkleber. "Der Tag, am dem du stirbst, den kennt nur Gott. Darauf haben wir sowieso keinen Einfluß", wird gern erzählt. Die Missionare haben den Schwarzen diese wertvolle Weisheit mit auf den Weg gegeben, bloß gab es da noch keine Busfahrer. An diesem Tag jedoch waren sie für uns ein Zeichen, daß es einen Weg über den Fluß geben muß, und so war es auch. Hilfskräfte hatten einen Weg knapp neben der Brücke kurz vorm Abgrund errichtet, links und rechts je zwanzig Männer mit Spaten, die nach jedem Fahrzeug sofort wieder Ausbesserungsarbeiten vornahmen. So kamen wir gut rüber und gleich danach fuhren wir durch den Nikumi-Nationalpark. Dort, wo sie HATARI gedreht haben.

 

Die einzige Hauptstraße führt mitten durch den Park. Es gibt komischerweise keine Zäune und keine Pforten, nicht einmal diese Gitterroste, über die Tiere nicht gehen. Trotzdem sahen wir in den paar Kilometern direkt von der Straße aus mehr Tiere als in den vielen Tagen, in denen wir durch den Krügerpark gefahren waren. Große Elefantenherden, viele Giraffen und Zebras und Mengen von Huftieren. Sogar Hippos in einem Wasserloch genau neben der Straße, auf der Lkws und Busse, die Geschwindigkeitsbegrenzung ignorierend, mit Karacho vorbei donnern. Wieso die Tiere in dem als Nationalpark ausgewiesenen Gebiet bleiben und sich nicht über das ganze Land verteilen blieb uns ein Rätsel.

 

Es goß nach wie vor heftig. Zeitweise ließ der Regen nach und es nieselte, manchmal kam sogar die Sonne durch und das verdampfende Regenwasser machte alles zu einer Sauna. Kein schönes Klima und in unserem Fahrzeug war alles klamm und feucht. Zügig gen Norden, kann die Devise nur heißen, bloß mußten wir noch einen Tag langsam angehen lassen, um vor den letzten siebenhundert Kilometern in Tanzania noch einmal eine vernünftige Unterkunft zu haben. Man kann nicht in irgendeinem Ort abends stoppen und ein Hotel suchen, man muß die wenigen größeren Orte nehmen. Die Hotels in den Dörfern, sofern überhaupt vorhanden, verdienen den Namen nicht und sind absolut Schrott. Da gab es nur noch Morogoro, und dann eben siebenhundert Kilometer gar nichts aber dann Vollausstatter im Touristengebiet am Kilimanjaro. Hotels und Campingplätze, Pizza, Steakhouse und Chinese-Food, wie es sich gehört. Also fuhren wir hinein nach Morogoro, obwohl wir noch gut ein paar Stunden bei Tageslicht hätten weiter fahren können. Eine fürchterliche Stadt. Die Zufahrtswege, nein, falsch, der einzige Zufahrtsweg, besteht aus einem kilometerlangen Loch-an-Loch-Parcours aus rotem Schlamm. Das Auto, am Vortag noch für achtzig Pfennig von Kindern mit einem alten Lappen mehr feingeschliffen als gewaschen, sah aus, als wären wir wochenlang auf Nebenstrecken durch den Dschungel gefahren. Der ganze Ort eine Schlammwüste, die Straßen unter Wasser, kleine reißende Bäche überall. Überholende Bussen spritzten uns den roten Schlamm bis übers Dach und es war schon fast verwunderlich, daß uns das Hotel überhaupt reinließ.

 

Ein gutes Hotel, akzeptiert sogar Traveller-Checks, und wir bekamen endlich mal wieder etwas Appetitliches zu essen, bloß die Preisstaffel hatte etwas Bemerkenswertes. Sie unterschied zwischen Ausländern und Einheimischen, und Ausländer zahlten glatt das Doppelte. Sechzig US$ für uns, was ja noch gerade so im Rahmen bleibt, aber frech ist es trotzdem. Man stelle sich das in Europa vor, Ausländer das Doppelte, es würde mit Recht stürmische Proteste geben. Sie formulieren es natürlich anders herum: Einheimische die Hälfte.

 

Den nächsten Tag verbrachten wir nur im Auto und schafften siebenhundert Kilometer. Erschwerend kam hinzu, daß wir nachts auf einer Ameisenstraße geparkt hatten und die Mistviecher über die Reifen ins Fahrzeuginnere eingedrungen waren. Überall winzige Ameisen, es krabbelte am ganzen Körper, teils Einbildung, teils Ameisen. Die Straßen in Tanzania machen wenig Freude. Meist sind sie schlecht und man kann nie entspannt vorwärts rollen, sondern muß stets konzentriert die Fahrbahnbeschaffenheit überwachen, da auch in guten Passagen ohne Vorwarnung bösartige Schlaglöcher auftauchen. An den Stellen, an denen die Straße frisch gemacht ist, hat ihnen jemand erzählt, daß Schwellen - Speed-Bumps - eine feine Sache sind. Wenn nur drei Rundhütten links und rechts der Straße stehen, gibt es sechs brachiale Speed-Bumps, die man im ersten Gang überfahren muß damit einem die Vorderachse nicht rausfliegt. Nervtötend ! Anstatt den dafür vergeudeten Asphalt in die hunderte Löcher zu kippen ... Am Abend erreichten wir das Masai-Camp in Arusha, bekamen eine Pizza und hauten uns hin.

 

KENIA

 

Wir verließen Tanzania, welches insgesamt enttäuschte. Wir fuhren direkt am Kilimanjaro vorbei, er war aber aufgrund von Wolken nicht zu sehen. Darüber kann ich hinwegsehen, bin eh kein großer Freund von Bergen, ich finde, sie sind hauptsächlich im Weg. Die Nationalparks, besonders Serengeti, sind nur über schlimmste Straßen zu erreichen und kosten für uns pro Tag 120 US$. Das ist schwer unverschämt, zudem war nicht klar, ob sie nach den Regenfällen überhaupt befahrbar sein werden. Also ab nach Kenia und gleich durch bis Nairobi. Auf dem Weg dorthin an der Straße Masai-Krieger. Sie rennen mit buntem Ohrschmuck durch die Gegend, ein Gewand um und immer einen Speer dabei. Große Krieger, die ein wenig in die Sackgasse geraten sind. Sie glauben, Gott hätte ihnen alle Rinder der Welt geschenkt - kleiner Scherz der Missionare wahrscheinlich - und so klauen sie überall Viehzeug zusammen, auch gegenseitig, da ja jeder glaubt, es gehöre ihm sowieso. Das führt zu kriegerischen Verwicklungen und der Masai ist in seinem Element. Außer Vieh besitzen und ein bißchen Krieg führen haben sie an nichts richtig Spaß. Ackerbau oder Lohnarbeit ist entwürdigend für das stolze Volk, welches nicht mehr so ganz in die Zeit paßt. Wer gerade kein Vieh hat, macht dicke Backen und steht voll kampfbereit an der Straße und winkt oder guckt mürrisch. Die Frauen tragen Glatze und noch mehr Ohrgehänge, sie bieten etwas fürs Auge. Sie sehen immer etwas aus wie Zippy aus den U-Comics, wem das was sagt. Ihre Aufgabe besteht darin, ihren kämpfenden Männern Gefährte zu sein. Als aggressive Bettler soll man die großen Krieger bisweilen auch antreffen können.

 

NAIROBI

 

Auf den ersten Blick eine afrikanische 2,5 Mio. Stadt mit allem drum und dran. Die Straßen in einem unerfreulichen Zustand, die Parkplatzsituation kann als angespannt bezeichnet werden, aber es gibt wieder alles, vor allen Dingen vernünftiges Essen. Das Klima ist sehr angenehm, sonnig und trotzdem kühl und klar, auf den Straßen wird man wenig belästigt. Nairobi ist für uns eine sehr wichtige Station, insofern waren wir besonders erfreut, daß nicht gleich der erste Eindruck zu abturnend war. Wir können nicht weiterfahren, wenn’s uns nicht gefällt, denn hier werden wir planmäßig bestimmt zwei Monate bleiben. Wir brauchen einen preiswerten und sicheren Platz, an dem wir das Auto alleine stehen lassen können und der muß auch noch in etwa in Airportnähe liegen. Dann müssen wir jede Menge Infos einholen um zu checken, wie die Reise weiter verlaufen wird. Dieses Einholen von Informationen ist eine schwierige Sache. Man erfährt Gerüchte, unbestätigte Storys und Angebereien und muß daraus versuchen, ein realistisches Bild zu formen. Afrikareisende jagen einem gern Angst und Schrecken ein, da sie stets nur das Negative erzählen. Das mag vielfach durchaus geschehen, um vor Gefahren zu warnen, aber wenn man das nicht relativiert, fährt man nirgendwo mehr hin. Beiseite wischen kann man dies ebensowenig, dann bräuchten wir nicht erst zu fragen, aber die Einschätzung ist kompliziert. Wenn einer beklaut wurde, handelt es sich um ein Land voller Diebe, wenn einer nachts um zwei angetrunken im Rotlicht-Distrikt ausgeplündert wurde, spricht er von Nairobbery. Dazu noch die ausgeschmückten Storys von bestandenen Abenteuern, um das eigene Erleben aufzuwerten und dazu die Patt-Problemm-Typen, die nicht zugeben wollen, daß sie vor irgendwas auf der Welt Angst haben könnten. Wir werden also viele Gespräche mit den verschiedensten Kapeiken führen müssen und dann entscheiden, was dran ist und was wir tun werden. Manchmal ganz lustig, manchmal auch nur blöd. Es ist nicht einmal klar, ob die Grenze nach Äthiopien offen ist, da haben wir widersprüchliche Angaben bekommen. Wenn es da nicht weiter geht, müssen wir komplett umstellen. Aber erst einmal abwarten und checken.

 

Den ersten Tag fuhren wir zu dem Campingplatz, der die ansprechendste Beschreibung im Reiseführer aufwies. Waterfalls-Inn. Fünfundzwanzig Kilometer außerhalb, und dann noch entgegengesetzt zum Flughafen, aber wir wollten ihn uns wenigstens ansehen. Tolle Lage mit Blick über die Stadt und die Berge, langer und sehr übler Zuweg, schlechte Sanitäreinrichtung, ziemlich teurer - kommt als Station nicht in Frage. Wir blieben eine Nacht und setzten die Suche fort. Zum Frühstüch eine Szene, die uns mal wieder in ungläubiges Staunen versetzte. Weit und breit gab es nur uns. Wir setzten uns in das Restaurant und bestellten Frühstück und bekamen es. Zu einem Stapel Toast, Tee und Spiegelei brachte der Kellner sieben Teelöffel, fünf Messer und drei Teller nebst ein paar Gabeln. Das fand der völlig normal.

 

Alles lief schwieriger als vermutet. Überhaupt sahen wir uns nach kurzer Zeit mit einem Bündel von unerfreulichen Gegebenheiten konfrontiert, die alle spezielle Maßnahmen erforderten. Angefangen damit, daß in Kenia, besonders in Nairobi, eine Cholera-Seuche grassiert. Dazu standen historische Wahlen vor der Tür, die den langjährigen Präsidenten Moi eventuell abwählen sollen, was zu Unruhen führen könnte. Dazu, als Krönung von Allem, rafft eine unbekannte Krankheit im Nord-Osten des Landes hunderte Menschen dahin, der Verdacht heißt Ebola. Alle hierzu verfügbaren Zahlen sind ungenau und stellen bestenfalls die Spitze des Eisberges dar. Dies alles greift ineinander, dazu später mehr.

 

Wir fanden keinen Campingplatz, der unseren Ansprüchen genügen konnte. Der zweite von Dreien existierte nicht mehr, nehmen wir an, auf jeden Fall konnten wir ihn nicht finden. Der Dritte, Mrs. Roche, wird von einer liebenswerten aber überdrehten alten Dame aus Polen geleitet. Sie begrüßt uns wie alte Freunde, aber alles ist sehr einfach, kein Strom, Sanitäranlagen so lala, Dusche nur manchmal warm und undurchsichtige Freaks aus allen Ländern auf dem Gelände. Wir fragten nach der Sicherheit, und sie sagte, daß das letzte mal, als Räuber über die Mauer kamen, die Hunde wie verrückt angeschlagen hätten und sie die Eindringlinge verscheuchen konnte. Der Kern der Information ist der, daß nachts Räuber über die Mauer kommen und das langt. Hier kann man unmöglich ein vollbepacktes Auto allein stehen lassen. Wir blieben eine Nacht und klönten mit anderen Reisenden. Erst jetzt erfuhren wir, daß die extremen Regengüsse, die uns in Tanzania schon das Fürchten lehrten, seit Monaten über ganz Ostafrika hereingebrochen waren und überall erhebliche Schäden angerichtet hatten. Ganz und gar ungewöhnlich, und man gibt "El Niño" die Schuld, einem Wetterverschiebungsphänomen, von dem keiner weiß, was es genau bedeutet, außer den T-Shirt-Herstellern. Daher auch die Cholera-Epidemie und die vielen Malariafälle. Der Regen hat alles durchgeweicht und den Müll über das ganze Land verteilt und milliardenfache Vermehrung aller Viren und Bakterien war die Folge. Straßen hinüber oder ausgewaschen, so daß die Weiterreise nach Norden politisch zur Zeit wohl kaum ein Problem darstellt, aber technisch. Sowieso angeblich nur im Konvoi wegen Überfallgefahr, aber angesichts der vielen anderen Nachrichten werteten wir dies als positive Neuigkeit. Über Ruanda und Burundi weiß kein Mensch irgendwas, außer, daß seit Jahren noch nie einer auf die Idee gekommen ist, dorthin zu fahren. Am Rande berichteten wir über den komischen Emerald den wir gekauft hatten, und ein Reisender sagte, Emerald ist englisch für Smaragd. Aha ! Wir kramten ihn vor, er mochte ihn gar nicht anfassen vor Respekt " ... wenn der wegkommt ..." und wir ritzen damit eine Glasflasche um die Härte zu prüfen, betrachteten ihn durch die 10x-Lupe und kamen zu dem Ergebnis, daß es sich wohl tatsächlich um einen rohen Smaragd von knapp einhundert Karat handeln müsse. Kann man das glauben ? Freuen wir uns, solange wir kein gegenteiliges Wissen haben. Annett sah diesen Ankauf schlagartig mit ganz anderen Augen, mehr aus der weiblichen Perspektive, und erwähnte das bevorstehende Weihnachtsfest am nächsten Tage. "Ist sowieso deiner, mein Schatz, du wolltest ihn doch vom ersten Moment an gleich haben." Mit hundert Karat Smaragd steht man nicht schlecht da am Heiligabend.

 

Wir fuhren durch die Stadt, die immer eine Verkehrsdichte hat, die an der Grenze des Erträglichen liegt. Man kommt mit der Zeit überall an, aber immer im Gestank von Fahrzeugen, die teilweise hinter ihrem eigenen, dunklen Auspuffqualm nicht zu erkennen sind und immer muß man hellwach sein, da zwischen den Schlaglöchern und Kreisverkehren nach nicht erkennbaren Regeln gefahren wird. Tiefschwarze, dicke Popel pult man sich abends aus der Nase. Parkplätze sind äußerst rar und zudem kann man das Auto nicht für Minuten aus dem Auge lassen. Wir verzeichneten den nächsten Einbruchsversuch auf einem bewachten Parkplatz, Nairobbery ist ein heißes Pflaster, auf dem wir besonders auf alles acht zu geben hatten.

 

DAS ZWEITE WEIHNACHTEN

 

Heiligabend suchten wir vormittags Benz auf wegen der Ladekontrolleuchte. Es ist nicht der Tag, um die Effizienz einer Firma zu beurteilen, das will ich gerne einräumen, aber wie dreißig Angestellte im Blaumann in drei Stunden nichts, aber auch gar nichts, an Arbeitsleistung vollbringen ist schon eine besondere Beobachtung. Es wird mit dem Feuerlöscher gespielt - Zisch, Zisch - , Hand in Hand über den Hof geschlendert, debattiert, gescherzt, gestritten und gelacht, Kaffee getrunken, ein bißchen gerangelt und rauchend rumgesessen. Vor dem Hintergrund dieses Szenarios erklärt mir der schwarze Chef, daß Präsident Moi unbedingt verschwinden müsse. Das sehe man allein an dem traurigen Zustand der Straßen. "Wo ist das Geld geblieben, welches in einem Land, in dem jeder Einzelne hart arbeitet, doch vorhanden sein müsse", fragte er mich. Da konnte ich auch keine Antwort drauf finden. "Selbst die Bauern", ergänzte er noch "die haben eine Kuh, die sie melken und die Milch verkaufen." Also, jeder schuftet wie verrückt. Naja. Immerhin gab es Einen, der es schaffte, im Alleingang in drei Stunden mit unendlichen Pausen den mitgebrachten Regler zu tauschen und das Problem war behoben. Da Weihnachten war, hatte man auch keine Lust, eine Rechnung zu schreiben, sagte "Merry Christmas" und der Fall war erledigt. Wir gaben ihm zwanzig Mark, wünschten ebenso frohe Weihnachten und hatten das erste Erfolgserlebnis in Nairobi. Wir wußten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß diese Reparatur keine tausend Kilometer halten sollte.

 

Schräg gegenüber von Mrs. Roches seltsamen Etablissement, entdeckten wir ein kleines Hotel umgeben von stattlichen Villen mit hohem Zaun und Watchman. Doppelzimmer 50,- DM inklusive Frühstück und wir kamen überein, daß wir umsonst das Auto während der Flugreisen auf dem bewachten Hof stehen lassen können, wenn wir die übrige Zeit in diesem Hotel wohnten. Hoffentlich ist der Platz so sicher wie behauptet wird, so richtiges Vertrauen wie in Gambia oder Durban konnten wir nicht aufbringen, so übersichtlich war der dunkle Hof wiederum nicht. Aber etwas Besseres war zu akzeptablen Preisen nicht zu finden. Wir können nicht über mehrere Wochen hundertachtzig Dollar pro Nacht im Hilton bezahlen.

 

Ganz in der Nähe gab es ein afrikanisches Einkaufszentrum mit allen möglichen Imbißbuden und Geschäften, Supermärkten und Restaurants und da aßen wir in einer kleinen vegetarischen, indischen Bude ein ganz hervorragendes Weihnachtsessen für zwanzig Mark zusammen. Alles bunt auf Weihnachten geschmückt, Lichterketten in den Palmen, Girlanden und Kränze. Das erste Mal hielten wir es für angebracht, für die zweihundert Meter unbeleuchteten Weg lieber den Elektroschocker und den Schlagring einzustecken. Nairobi ist nicht ganz geheuer. Trotzdem muß Weihnachten 1997 als gelungen bezeichnet werden. Das Hotelzimmer sehr in Ordnung, das Geschenk angemessen und auf dem Weg vom Essen zurück wünschten uns drei Schwarze fröhliche Weihnachten, das ist doch nett.

 

Die Gesamtsituation jedoch eher unbefriedigend. Zunächst hatte das ganze Land zwei Wochen geschlossen. Zum Einen lagen die Weihnachts- und Neujahrstage arbeitnehmerfreundlich, dazwischen fiel die Wahl, also begann alles erst wieder am fünften Januar. Kleine Geschäfte und Buden werden wohl geöffnet haben, aber die Großen, wie Fluggesellschaften und Reisebüros und Botschaften, die sicher nicht, und genau die brauchten wir. Lehrlauf war angesagt. Schreiben, lesen, Briefmarken kleben und schlafen.

 

CHOLERA, MALARIA, EBOLA UND AIDS

 

Zurück zur Epidemie, die nur deswegen so große Ausmaße annehmen konnte, da sie offiziell von der Regierung kurz vor der Wahl herunter gespielt wird. Man will keine Probleme und auch keine schlechte Stimmung. Am 12. Dezember, als Präsident Moi mit Pomp die Unabhängigkeit feierte, erschienen die großen Zeitungen mit Berichten über den Ausbruch einer Cholera-Epidemie. Der Präsident ließ tags darauf mitteilen, daß er das sehr unkooperativ fände. Er hat nicht gesagt, ob er die Cholera meinte oder die Berichterstattung darüber. Unsere Informationen holten wir überwiegend aus dem SPIEGEL, der recht aktuell auf den immer verstopften Kreuzungen angeboten wird. Die Deutsche Welle brachte auch hin und wieder etwas zwischen den Weihnachtsliedern, BBC-International informiert ebenfalls recht ausführlich über Afrika. An der Küste, dort, wo die wenigen Touristen, die trotz Unruhen nach Kenia gekommen waren, sich verlustieren, dort wird die Cholera bekämpft. Aber hinten im Land können sie verrecken. Die Bevölkerung will mehrheitlich die Regierung nicht mehr, so schätzt es wenigstens jeder ein, aber eine Abwahl wird Präsident Moi aller Wahrscheinlichkeit ignorieren und Bürgerkrieg scheint nicht ausgeschlossen. Die Gegenstimmen splitten sich wiederum auf vielzählige Parteien - jeder will Präsident werden - so daß möglicherweise selbst relativ wenige Prozente dazu führen könnten, Moi an der Macht zu belassen. Welche Reaktionen daraus entstehen werden, ist nicht absehbar. Das Land ist in jedem Fall politisiert, die Wahl ist ständig präsent durch Presse, Plakate, Lautsprecherwagen und Gespräche. Dazu die Seuchen. Helfer, die in den Slums arbeiten, berichten, daß so gut wie jeder Tropfen Blut der Kranken, den sie untersuchen, Aids positiv ist. Diese so Geschwächten verrecken wie die Fliegen an Malaria und Cholera.

 

Noch eine angebliche Tatsache, wo ich gerade dabei bin. Mir ist bekannt, daß Entwicklungshilfe selten aus reiner Nächstenliebe gewährt wird sondern meist dem Absichern politischer und wirtschaftlicher Interessen dient, aber die Organisation derselben scheint nicht immer zu funktionieren. Wir hörten von einer Dame, die bei der Ausgleichsbank arbeitet, folgendes: Die Ausgleichsbank, das vorweg, bewilligt Mittel für Entwicklungshilfe an Organisationen unter anderem in Afrika. Ein Mitarbeiter einer solchen Organisation hat nun, sagen wir, eine bewilligte Million Mark zu vergeben. Er geht zu einem Häuptling und sagt: "Willst du umsonst einen Brunnen haben ?" Der Häuptling kennt das Spiel und sagt: "Nein, keinen Bock auf Brunnen." Nach einiger Zeit kommt der Entwicklungshelfer wieder. Der Häuptling sagt: "Ich hätte da ein Projekt, will ich nicht so drüber reden. Ich halte mich vorläufig lieber noch bedeckt. Aber gib mir mal das Geld. Ich kaufe dem Dorf einen Traktor oder mir ein Auto oder beides, weiß noch nicht so genau." "So geht das nicht !", sagt der Entwicklungshelfer und zieht wieder ab. Nun geht das Jahr ins Land und es tritt ein Zustand bei dem Entwicklungshelfer ein, für den ich ein neue deutsche Behörden-wortschöpfung lernen mußte. Hoffentlich habe ich es richtig behalten, es heißt GELDMITTELABFLUSSDRUCK. Es bedeutet, daß er die Million los werden muß, irgendwie, um seinen Job zu rechtfertigen und um die nächste beantragen zu können und am Ende geht er zu dem Häuptling, überreicht ihm das Geld und sagt "gib mir ‘ne Quittung und mach damit was du willst" und im nächsten Jahr geht das Spiel von vorne los. Ob es ein Einzelfall ist, der unzulässig verallgemeinert wurde oder zu plump geschildert wurde, ich weiß es nicht, aber die ganze Entwicklungshilfegeschichte ist ohnehin meist recht fragwürdig. Wenn sie nicht in den Taschen der Veruntreuer der Regierung landet, was selten genug der Fall ist, ist sie meist, selbst so angewendet wie vorgesehen, verschwendet. Es hat einfach keinen Zweck, ihnen Maschinen und Anbaumöglichkeiten zu geben oder sonstige Technologien. Die Maschinen verrosten oder werden kaputtgefummelt und angebaut wird solange, wie jemand dahinter steht. Dann ist Schluß. Die vielen Entwicklungshelfer, die wir trafen, sind alle frustriert und stehen in ihren Heimatländern oftmals in dem Ruf, Rassisten zu sein. Weil sie realistische Einschätzungen ihrer Arbeit in den jeweiligen Ländern abliefern. Aufbau bringt nichts. Nach zehn Jahren Aufbau und einer zweimonatigen Pause muß wieder bei Null begonnen werden, weil nichts hängen bleibt, nichts fortgeführt wird. Fertig eingedoste Lebensmittel versenden ist sinnvoller wenn man denn meint, eingreifen zu müssen. Die bewirtschafteten Felder existieren daher, weil ein paar Leute schlau genug sind und Geld verdienen wollen und sich Arbeiter halten, nicht, weil initiierte Eigeninitiative in Gang gekommen ist. Behindertenheime oder so etwas, von Entwicklungshilfegeldern finanziert, sind schneller verfallen als eröffnet, sobald das importierte, weiße Personal verschwunden ist.

 

PLANUNGEN

 

Gut, oder auch nicht gut. Bürgerkriegsgefahr, Malaria und Cholera, Ebola und Aids, wir nahmen uns vor, jeden weiteren Schritt in Kenia ruhig, überlegt und wohl bedacht zu unternehmen, dann erschien uns das Risiko nach wie vor kalkulierbar. Wir verdoppelten als erste Maßnahme die tägliche Dosis Multivitamintabletten. Malaria, dagegen nehmen wir Prophylaxe und treiben Insektenabwehr. Cholera, das ist eine Arme-Leute-Krankeit, die mit allgemeiner Abwehrschwäche und Wasserhygiene zu tun hat und betrifft uns nicht. Aids, da weiß man, wie man Ansteckung vermeiden kann. Ebola - oder was immer es ist - da ist allerdings äußerste Vorsicht geboten, also nicht in das Gebiet fahren, bevor keine weiteren Infos da sind. Es ist auch noch nicht raus, um was es sich handelt und wie man es bekommt, man rätselt noch. Die Menschen bekommen Fieber, bluten aus Mund und Nase und sind in wenigen Stunden tot, das wurde beobachtet. Ebola soll angeblich diese Symptome haben. Kenia ist ganz und gar nicht der stabile Stützpunkt für weitere Unternehmungen, den wir uns erhofft hatten. Alles war momentan ungewiß.

 

PRESSESCHAU

 

Wir besorgten uns alle verfügbaren Zeitungen und fanden so zu einer Entscheidung bezüglich Ruanda und Burundi. Dabei half uns die Lektüre der Wochenzeitung "The East African", die unter dem Titel "AGAIN, HUTU GENOCIDE AGAINST TUTSI TEARS AT RWANDA" folgendes berichtet:

 

Der Kopf des kleinen Mädchens war von einer Machete geteilt worden. Eine lange, zerfranste Naht lief von ihrem linken Auge über ihren gespaltenen Schädel. Ihr Atem hechelte flach und zart und ihr zerbrechlicher Körper schien sich an die Welt der Lebenden zu klammern mit nicht mehr Kraft als der eines Schmetterlings. "Wir fanden das Baby zwischen den toten Leibern der Eltern", sagte die Tante des Mädchens, Esperance Dusabi, und wischte Blut vom Kopf des Kindes im grünen Licht eines behelfsmäßigen Krankenhauszeltes in Gisenyi. "Sie töteten meine jüngere Schwester, ihren Mann, ihre Kinder. Dies ist die einzige Überlebende. Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben kann. Es sind Leute, die alle Menschheit ausrotten wollen". Das vierjährige Mädchen, Alice Mukeshimana, war eine von 227 verletzten Opfern, die in das Hutu Gisenyi Krankenhaus gebracht wurden, nachdem Hutu Guerilla das Tutsi Flüchtlingslager im Nordwesten Ruandas vor zwei Wochen angriffen. Sie töteten mindestens 272 Menschen und sie hinterließen nichts, außer verbrannten Zelten und Flugblättern, die von Völkermord predigten. Drei Jahre, nachdem Hutus eine halbe Million Menschen massakrierten, ist das Töten und das ethnische Blutvergießen zurückgekehrt und ist intensiver denn je.

 

(...) In den letzten Monaten starteten die Guerilla eine Kampagne, die darauf gerichtet ist, Ruanda unregierbar zu machen. Sie ermordeten lokale Beamte, legten Hinterhalte auf der Straße, massakrierten zahlreiche Tutsi-Zivilisten in ihren Häusern und griffen Gefängnisse an und befreiten hunderte von Hutu-Männer, die ihre Prozesse wegen Völkermord erwarteten. Im letzten Monat waren die Angriffe auf den Nordwesten beschränkt , aber die Guerilla scheint besser organisiert und unverschämter als in der Vergangenheit zu sein, sagen Militärexperten. Sie bewegen sich oft in Gruppen von 500 bis 1.000 Mann und greifen ihre Ziele während des Tageslichtes an.

 

Dazu paßte ein Artikel des "Daily Nation", auch vom Heiligabend, über das Nachbarland Burundi unter dem Titel BURUNDI MILITARY CHANGES TACTICS :

 

Burundis Verwaltung hat begonnen, Waffen an Zivilisten zu verteilen, so daß diese sich gegen wachsende bewaffnete Angriffe durch Hutu Rebellen verteidigen können, erklärte ein älteres Mitglied des Gouvernements heute offiziell. Herr Salvador Mikumbi, Presssprecher im Innenministerium sagte, daß Waffen verteilt wurden, "unter der Prämisse der Selbstverteidigung, weil wir nicht überall und in jedem Haushalt Soldaten stationieren können".

 

Herr Mikumbi präzisierte nicht, wie viele Schußwaffen an Zivilisten ausgehändigt wurden, aber er sagte, daß alle betroffenen Zivilpersonen welche erhalten werden, sobald sie die obligatorische, militärische Schulung beendet hätten.

Burundi befindet sich im Zustand des Bürgerkriegs zwischen bewaffneten Regierungs-truppen, die von der Tutsi-Mehrheit dominiert werden, und einer Hutu-Rebellion, schwerpunktmäßig im Westen des Landes. "Die Rebellion bewegt sich mehr und mehr in Richtung Terrorismus", sagte ein Diplomat. "Sie bekämpfen keine militärischen Ziele mehr oder infrastrukturelle Einrichtungen, sie greifen Schulen an, entführen Zivilisten und begehen Massaker." Ein Dorfbewohner in der Bururi Provinz, jüngster Schauplatz schwerer Kämpfe, sagte AFP, daß sein Dorf nach einer Offensive der Rebellen Waffen erhalten habe. "Wir wissen, daß auch anderswo Zivilisten Waffen erhalten haben." (AFP)

 

In unserem Hotel trafen wir einen Apotheker pakistanischer Abstammung, der in Ruanda geboren war und zu einem Weihnachtsbesuch nach Kenia gekommen war. Er erzählte uns ein wenig über die beiden Länder. Hutsis und Tutis sind durch nichts zu unterscheiden. Gleiche Sprache, gleiche Hautfarbe, gleiche Religion. Er hat ebenso keine Ahnung, was diese beiden Gruppen so verfeindete. Mittlerweile hat die Angelegenheit eine eigene Dynamik entwickelt. Die Einen vertreiben die Anderen und beziehen ihre Häuser und fahren ihre Autos. Kein Gesetz wird in keinem der Länder angewandt. Die Flüchtlinge strömen zurück, finden ihr Eigentum beschlagnahmt und bringen die neuen Besitzer um. Dann flüchten die Überlebenden, rüsten auf, und töten nach einer Phase des Kräftesammelns nun ihrerseits diejenigen, die dort sind, wo sie eigentlich meinen, sein zu dürfen und so weiter. Die Tutsis sind zahlenmäßig unterlegen, so daß die Hutsis sich ausgerechnet haben, daß sie langfristig die Oberhand behalten werden. Die Hutsis sind zudem brutaler und religiös aufgrund anderer Auslegung besser eingenordet, etwa wie die Busfahrer in Tanzania. Ihnen ist es egal, wann sie sterben, und wenn drei Millionen von ihnen drauf gehen und eine Million Tutsis, dann ist der Krieg gewonnen, da es nur eine Million Tutsis gibt. Schwarze Logik. Den Nachbarländern ist das schon lange zu doof und Burundi ist komplett isoliert. Tanzania hat für alle Zeiten die Grenzen dicht gemacht, es gibt keine Personenflüge weder rein noch raus aus Burundi und nur der Norden Ruandas hat Kontakt zu Uganda. Östlich erstreckt sich das alte Zaire, wo nichts funktioniert, und aus dortigen Flüchtlingslagern brechen die Mörder auf, sofern sie nicht vorher nächtens in diesen Lagern massakriert wurden. Frohe Weihnachten.

 

Das langte nun wirklich zu diesem Thema. Aber wir fanden zwischen Cholera-Berichten mit erschreckenden Zahlen und Artikel über vielzählige, grausame Verkehrsunfälle auch Informationen zu dem Ebola-Gerücht. Ebola wurde bestritten, und wir wußten nicht, ob dies eine strategische Zensur zur Wahl ist oder ob es uns, als wahr angenommen, überhaupt beruhigen sollte. An vier aufeinanderfolgenden Tagen fanden wir folgende Berichte (auszugsweise):

 

MYSTERY DISEASE CLAIMS 28 MORE

 

DAILY-NATION, 24.12.97

 

Anerkannte medizinische Experten flogen gestern in die nordöstlichen Provinzen, um die mysteriöse Krankheit zu untersuchen, welche weitere 28 Todesopfer forderte und die Gesamtzahl auf 171 in vier Tagen anwachsen ließ. Die Krankheit, dessen Opfer sich erbrechen, Durchfall bekommen und sich zu Tode bluten, hat Furcht und Panik unter den Menschen der Semi-Arid Region verbreitet.

 

Der Direktor des medizinischen Dienstes, Dr. James Mwanzi, erklärte, die Experten hätten 12 mögliche Krankheiten aufgelistet, darunter das gefürchtete Ebola, welche umfassend untersucht würden. Er sagte weiter, daß Ebola wegen der Erscheinungsform und der Art und Weise der Übertragung der aufgetauchten Krankheit unwahrscheinlich sei. "Ebola ist normalerweise sehr lokal begrenzt und tritt in Haushalten auf. In dem Zeitraum bis zur ersten Entdeckung wäre die Zahl der Opfer nicht so hoch, wie es sie in diesem Fall gegeben hat," sagte Herr Maima Kahindo, Chef des Communicable Disease Control beim Gesundheitsministerium. "Die gegenwärtige Krankheit tritt sehr vereinzelt auf. "

 

Dr. Peter Tukei, ein führender Virologe aus Kemri, schloß ebenso die Möglichkeit aus, daß es sich um Ebola handeln könne. "Ebola tötet alle, die in engem Kontakt zu den Opfern gestanden haben, das ist bei dieser Krankheit nicht der Fall," erklärte Dr. Turkei Journalisten des WHO im Capital Hill Tower in Nairobi.

 

Er behauptete, daß die örtlichen Gesundheitszentren mit der Krankheit zurecht gekommen wären, wenn sie nur betriebsbereit gewesen wären. Gesundheitszentren und Apotheken in den von der Epidemie heimgesuchten Bereichen sind seit Beginn des Krankenschwesternstreiks geschlossen. Herr Serem, der mit Reportern in seinem Büro sprach, sagte, daß Antimalaria-Medikamente aus Mogadischu geschickt werden, und es gäbe keine Ursache für Furcht, da Malaria in dieser Region nach den Regenfällen schon immer geherrscht hätte und sie könne kontrolliert werden.

 

DISEASE SAMPLES FOR TESTS

 

EAST AFRICAN STANDARD, 25.12.97

 

Ausscheidungsprodukte von Opfern der mysteriösen Krankheit, die bis jetzt geschätzt 200 Menschen getötet hat, werden in ungefähr einer Woche auf dem Luftwege zu Analysezwecken ins Ausland transportiert .

 

Dr. James Mwanzi sagte, daß Stuhl-, Urin- und Blutproben dieses Wochenende per Flugzeug nach Atlanta, USA, und nach Südafrika zu Analysen versandt werden, um den mysteriösen Erreger, der in den nordöstlichen Provinzen die Menschen tötet, nachzuweisen. Patienten, die unter der fremdartigen Krankheit leiden, reagieren mit Fieber, Kopfschmerzen und Unterleibsbeschwerden. Innerhalb von einigen Tagen entwickeln sie blutigen Durchfall, geben blutigen Urin von sich und müssen sich Erbrechen. Sie erliegen bald nach dem Erreichen dieser Stufe der Krankheit.

Dr. Mwanzi sagte, daß mehrere Dörfer betroffen sind, die nicht durch Kommunikationsmittel miteinander verbunden sind. Sie haben nur gemeinsam, daß sie alle am Ewaso Nyiro Fluß liegen, der verdächtigt wird, der Ursprungsort des Virus zu sein.

 

KILLER DISEASE CLAIMS 48 MORE

 

DAILY-NATION, 26.12.97

 

Mindestens 48 weitere Leute sind in den letzten 24 Stunden in Wajir Bezirk an der Krankheit gestorben, die Experten als schwerwiegende Malaria diagnostiziert haben. In Garissa starb Herr Sais Abdurahi, 20, der sich in Malariabehandlung befand, gestern Nachmittag. Dieser Krankheit fielen in den letzten zwei Wochen 217 Menschen zum Opfer. Hunderte von Bewohnern entlang des Ufers des Uwaso Nyiro Flusses klagen über diese Leiden.

 

Die Todesfälle bestätigen, sagte der für Gesundheitsfragen zuständige Offizier der Provinz, Dr. Abdi Hassan, daß sich die Gesundheitsbedingungen und der Mangel an medizinischen Einrichtungen in Wajir verschlechtert haben. Herr Abdi erklärte weiter, daß die meisten der Toten Hirten waren und fügte hinzu, daß es schwierig sei, die tatsächliche Zahl der Opfer zu ermitteln, seitdem islamische Tradition erfordert, daß die Toten umgehend zu beerdigen sind. Er sagte, daß Dysenterie und Malaria die Hauptursachen für die Todesfälle sind. Er räumte ebenso ein, daß die Zahl der Todesfälle in einigen Bereichen durchaus höher sein könnte, da einige Gebiete abgeschnitten und unzugänglich sind.

 

Telefonisch mit der Redaktion des "Daily National" verbunden, sagte das frühere Mitglied des lokalen Parlamentes, Herr Omar Abdi, daß die Situation "sehr schlimm" (too bad) sei. Er sagte mehr Tote voraus, es sei denn, es würden umgehend dringend notwendige Maßnahmen eingeleitet, um eine Katastrophe abzuwenden. In Wajir Stadt gibt es keine einzige Toilette mehr und es wird das benutzt, was im Volksmund "Eimertoilette" genannt wird, verursacht durch Überschwemmungen, Geröll und gelöste Felsbrocken.

 

Inzwischen ist eine weitere mysteriöse Krankheit in der Provinz beobachtet worden, die Kamele, Ziegen und Schafe zu hunderten getötet hat. Der Vorsitzende vom Verband Junger Moslems in Garissa befürchtet, daß aufgrund der weit verbreiteten Hungersnot viele Leute das Fleisch von den toten Tieren gegessen haben.

 

Er benannte als die am schwersten von der mysteriösen Tierkrankheit betroffenen Gebiete als Habaswein, Lagh Dera und Bereiche, die den Lorian Sumpf bis zum Wajir Bezirk begrenzten. Obgleich frühe Tests die Krankheit als schwerwiegende Malaria identifizierten, sagte der Direktor von medizinischem Dienst, Dr. James Mwanzia, daß erst endgültige Analysen am Mittwoch, die sowohl im Inland wie im Ausland stattfinden werden, Klarheit bringen können. Die Symptome der Krankheit sind Erbrechen, Diarrhöe und Bluten.

 

MALARIA IN DOUBT AS ANOTHER 28 DIE

 

DAILY NATION, 27.12.97

 

"Inzwischen", sagte der Direktor des medizinischem Dienstes, Dr. James Mwanzi, gestern, erreichten uns Berichte von Hunderten toter Kamele, Ziegen und Schafe in den betroffenen Gebieten und das könnte die frühere Diagnose ändern. Dr. Mwanzi sagte, daß Veterinärexperten und medizinischen Fachleute zusammenarbeiten würden, um mögliche Verbindungen zwischen toten Menschen und totem Vieh zu überprüfen.

 

"Ich bin sicher, daß wir zum Ende dieser Epidemie kommen werden, sobald die Ursache wissenschaftlich identifiziert sein wird," sagte er.

Berichte von der Region zeigen, daß die Art des Sterbens bei Mensch und Vieh ähnliche Symptome aufweist, als da sind schwere Blutungen aus den Körperöffnungen. Untersuchungen verweisen auf das mögliche Vorhandensein von Anthrax im verendeten Vieh. Anthrax ist eine tödliche Viruskrankheit, die große Tierbestände in sehr kurzer Zeit dezimieren kann und die selbst durch einen leichten Riß in der Haut von einem infizierten Skelett auf ein Opfer übertragbar ist. Ein offizieller Mitarbeiter des UN Gesundheitsdienstes erklärte inzwischen, daß es sich um etwas anderes als Malaria handeln müsse, wenn Tiere und Menschen der Krankheit gleichermaßen zum Opfer fielen.

 

Mitarbeiter vom Roten Kreuz meldeten 42 weitere Todesfälle im Nachbarland Somalia. Proben wurden nach Nairobi zur Analyse gesandt.

 

Was soll man von all dem halten ?! Auch in den folgenden Tagen lasen wir täglich über die Krankheit und jeden Tag gab es andere Interpretationen. Die Ausbreitung nach Somalia betraf uns speziell, denn gerade dort müßten wir in der ersten Januarwoche hinfliegen, wenn das Visum nicht verfallen soll. Nur einmal die Woche geht ein Flug, soviel hatten wir bereits herausgefunden. Das heißt, sieben Tage in Mogadischu absitzen, klingt nicht besonders einladend. Zur Zeit war keine sinnvolle Entscheidung möglich, wir konnten nur weiter abwarten und die Dinge beobachten.

 

Dann verdichtete sich der Verdacht auf Anthrax und wir erfuhren per Telefon aus Hamburg, daß es sich dabei um Milzbrand handelt. Nicht viel besser als Ebola. Sadam Hussein wurde einmal vorgeworfen, Milzbrand als Biowaffe kultiviert zu haben, also kann es sich nur um etwas aus dem oberen Regal des Teufels handeln. Die Reise nach Somalia stand in Frage.

 

Draußen verstärkten sich die Sicherheitskräfte, von Tränengaseinsätzen und Warnschüssen bei letzten Wahlveranstaltungen war die Rede, und alle Stunde schrie ein Lautsprecherwagen Parolen durch die Gegend. Wir verließen das Hotel nicht öfters als nötig und suchten die Milzbrandgebiete auf der Michelin-Karte. Wenigstens sind wir weder auf der Fahrt nach Uganda noch bei der Abreise nach Äthiopien gezwungen, dort hindurch zu fahren. Wenn sie sich nicht ausbreiten.

 

DIE WAHL

 

In den letzten Zeitungsausgaben vor der Wahl fanden wir mehrseitige Werbeanzeigen von Präsident Daniel Arap Moi. Der Mann ist schon an der Macht, seit Helmut Schmidt Kanzler war, und seinen ehemaligen Spitznamen "Funny Danny" wagt keiner mehr in den Mund zu nehmen. Er ist ein typischer Diktator eines afrikanischen Landes. Seine Polizei geht gegen Demonstranten vor, wie es übler kaum vorstellbar ist. "Ratten, die man jagen muß", so der Kommentar des Präsidenten. Sein Privatvermögen wird auf fünf Milliarden Mark geschätzt und zu seinen Verdiensten gehört in erster Linie, ein ehemals blühendes Land zu einer Ziegenwiese heruntergewirtschaftet zu haben. Aids, Elend, Cholera, Korruption, konjunkturelle Talfahrt, Unruhen, Seuchen, so präsentierte sich Kenia uns nach 20 Jahren Funny Danny. Die Industrie klagt über ständig wachsende Verluste aufgrund unpassierbarer Straßen, der Tourismus am Ende aufgrund instabiler Verhältnisse und Übergriffen auf Reisende. Der SPIEGEL berichtet, daß in Washington eine geheime Liste von Staaten kursiert, denen vom CIA eine ungünstige politische und wirtschaftliche Entwicklung vorausgesagt wird. Kenia, Schwarzafrikas ehemaliges Musterland Nummer Eins, figurierte darauf als eines der "Höllenlöcher erster Ordnung", wie sie von Eingeweihten genannt werden.

 

Und trotzdem sieht es so aus, als ob er es wieder schaffen wird. Die Massai wählen keinen Mann, der keine Kühe hat, Kamba-Christen wählen keine Muslime, weil das Sünde wäre und Kikuyu wählen keine Lou, weil Lou-Männer nicht beschnitten sind. Zerlumpte Schwarze rennen mit Moi-T-Shirts rum, weil es die umsonst gibt und die weibliche Gegenkandidatin Charity Ngilu, die verspricht, im Falle des Wahlerfolges das Präsidentenflugzeug zu verkaufen und dafür Schulbücher, Malaria-Tabletten und Wasserleitungen zu kaufen, ist zwar sympathisch und volksnah, scheint jedoch chancenlos in dem Wirrwarr aus religiösen und stammesgebundenen Vorgaben. Ein Irrenhaus mit Schlaglöchern. Die fünfhundert Kilometer lange Hauptstraße zwischen Nairobi und Mombasa ist dermaßen am Ende, daß für die Fahrt 19 (!) Stunden kalkuliert werden muß. Aber wir haben Schlimmeres gesehen, das steht fest. Schlimmeres Elend, schlimmere Straßen, schlimmere Atmosphäre, schlimmere Polizei, schlimmere Versorgungslage. In Kenia ist es noch recht gut auszuhalten, das Bedrückende ist nur, daß es rapide bergab geht und nicht bergauf. Aber wo tut es das nicht? Das einzige Land mit Aufbruchsstimmung und optimistischer Attitüde war bislang The Gambia, ein Jahr nach einem Umsturz, und es bleibt abzuwarten, wie es sich entwickeln wird.

 

Die Wahl ging los. Es gab ein paar Tote, einige verbrannt, andere erschossen und wieder welche totgetrammpelt. Vor den Wahllokalen Schlangen, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Fünf bis sechs Stunden anstehen ist völlig normal. Es gab nicht genug Wahlzettel, immer mal wieder Randale, und es wurde ein zweiter Tag drangehängt. In den Zeitungen standen Kommentare und die am häufigsten verwendeten Worte waren rigging, irregulations, complaints, fiasco, confusion und chaos. Funny Danny beschwerte sich schon mal vorbeugend über eine Verschwörung und Wahlmanipluation um ihn aus dem Amt zu hebeln - der kluge Mann baut vor - so daß der Ausgang allemal fest stand. Gewinnt Moi, ist alles gut, verliert er, war es Betrug. Demokratie made in Afrika.

 

REISEVORBEREITUNGEN

 

Da es nicht wie in Europa zehn Minuten nach Schließung der Wahllokale relativ verbindliche Hochrechnungen gibt sondern keiner eine Ahnung hat, wann denn die Stimmzettel ausgewertet sein werden, gab es immerhin einen normalen Tag, nämlich Sylvester, an dem alle Läden geöffnet hatten. Wir begannen, unsere Flugreisen in Angriff zu nehmen.

 

Wir starteten damit, einen Flug nach Somalia buchen zu wollen. Der Flugplatz sei weggeschwemmt, sagte man uns, aber es sei möglich, einen Passagierplatz auf einem UN-Flugzeug zu bekommen. Die landen auf einer provisorischen Behelfspiste irgendwo. Allerdings gäbe es dort keine Taxen oder sowas, wir stünden dann dort knietief im Schlamm mit unseren Koffern unterm Arm. Und nicht nur das. Neben Krankheit, Seuchen und Überschwemmung loderte auch ein Krieg wieder auf und in Mogadischu würde zur Zeit geschossen. Warlords, Chef irgendwelcher Clans, bekämpften sich dort äußerst ruppig, wie in Afrika üblich. Dankeschön, das genügt. Somalia war damit nach Burundi und Ruanda ebenfalls gestrichen.

 

Zentralafrika, wie sieht es denn damit aus ? Es gibt keinen Direktflug, nur über Westafrika. Das ist nun auch Quatsch, da wir dort sowieso noch einmal hin müssen. Es wäre eine Geldverschwendung erster Güte, über Libreville zu fliegen. Wenn wir dort wenigstens einen Drei-Tage-Stop hätten, aber selbst der würde uns nichts nützen, da wir kein Visum für Gabon haben und es in Nairobi keine Botschaft gibt. Also: Auch gestrichen. Das Restprogramm für die übergangenen Länder wird immer umfangreicher.

 

Was bleibt denn da noch außer den Inseln ? Sudan ! Und, es war kaum zu glauben, wir bekamen einen Flug mit dreitägiger Aufenthaltsdauer. Teuer wie Sau allerdings. Die Inselflüge sind anscheinend kein Problem, das hatten wir auch nicht erwartet. Erstmal das Unangenehme, die Inseln danach zur Erholung bevor wir weiterfahren.

 

Die Erledigungen in Nairobi sind anstrengend. Die Stadt wimmelt von Sicherheitskräften, Helme, Knüppel und Waffen überall. Bisweilen laufen schwer Angetrunkene durch die Straßen, feiern die wahrscheinliche Wiederwahl ihres Kontenverwalters in der Schweiz. Manchmal betrinkt sich halt der Sklave und spielt torkelnd den Herren, wie Tucholsky einmal formulierte. Viele abgemagerte und halbnackte Kinder betteln dauernd nach Essen oder Geld, kleben förmlich am Auto, und das ist zum Steine erweichen. Gibt man einem was, wird man sie nie wieder los und im Nu ist man Mittelpunkt einer ganzen Horde. Verständlich, aber der einzige Weg, das zu vermeiden, ist niemanden auch nur einen Cent zu geben. Es gibt reichlich dieser bedauernswerten Geschöpfe, wirklich schrecklich und bedeutend mehr als wir es je sahen, aber bedauernswert hin oder her, sie nerven. Der extremste Fall ist der, daß eines dieser Kinder mit Scheiße ankommt und droht, einen damit voll zu schmieren, wenn man nichts gibt. Elektroschocker, was sonst, aber da man das nicht wirklich machen kann, hofft man, daß einem das einfach nicht passiert. In dieser Hinsicht hatten wir Glück und dieses Erlebnis blieb uns erspart.

 

Wenn man durch die Straßen geht verfolgt einen ständig irgendwer. Immer freundlich dabei. Er hofft, man geht in ein Reisebüro und er schlüpft mit rein und gibt sich als derjenige aus, der den Kunden angeschleppt hat um eine kleine Provision zu kassieren. Wir hatten Mühe, diese Bazillen abzuwimmeln.

 

ALFRED

 

Selbstverständlich warf sich die Frage auf, ob wir wieder einmal einem schlaueren Betrüger aufgesessen waren. Weiß der Henker. Natürlich gaben wir uns der Hoffnung hin, daß es nicht so ist, aber klären kann man es nicht. Wie der Typ in Dakar mit seinen Ampullen. Aber uns war es am Ende auch egal, die Entscheidung war gefallen und die Postkarte wird es zeigen. Was wir auf jeden Fall für die knapp fünfhundert Mark bekommen hatten war das Gefühl, vielleicht einem verzweifelten Menschen mit etwas beschissenem Geld ein ordentliches Stück weiter geholfen zu haben. Uns trifft der Verlust von fünfhundert Mark nicht übermäßig hart, was soll’s also.

Dann entdeckten wir das Hard-Rock-Café Nairobi. Diese Hard-Rock-Scheiße mit ihrem aufdringlichen Merchandising kotzt mich geradezu an und ich kenne nichts widerlicheres als die Leute, die mit ihren Hard-Rock-Café-T-Shirts rumrennen von möglichst weit weg. In diesem Elend wirkt es geradezu pervers. Hard-Rock-Café Entenhausen habe ich mal gesehen, das einzige, was mir bislang gefallen hat. Wir gingen trotzdem rein, da es auch ein integriertes Cyber-Café gab. Zwischen goldenen Schallplatten, signierten Stratocastern und einem rosaroten Cadillac gab es ein paar Online-Computer und eine süße Schwarze half einem, E-Mails für drei Mark zu verschicken. Wir gaben Michael in Südafrika eine Nachricht und hatten sogar die Möglichkeit, Antworten zu erhalten, die man ausgedruckt bekommt. Das ist natürlich ein Superservice und so gelang es auch dem Hard-Rock-Trust, uns zwei Cola und zwei Ham-and-Cheese Toast für dreißig DM anzudrehen. Aber es war wenigstens lecker.

 

SYLVESTER

 

Wir kauften uns noch ein paar Süßigkeiten, fuhren ins Hotel zurück und verbrachten die Sylvesternacht gemütlich und ruhig im Bett. Sylvester macht sehr deutlich, wo einer der gravierenden Unterschiede in der Lebensqualität selbst der Besitzenden liegt. Beispielsweise Hamburg, wo sich jedes Jahr Tausende am Hafen treffen, um überwiegend angeheitert gemeinsam ihr Feuerwerk in den Himmel zu schicken. Ich habe noch nie gehört, daß bei dem Gedränge überhaupt nur einer in die Elbe gefallen ist. So etwas würde in Afrika in einem Blutbad enden. Es gibt vereinzelte Raketen, abgefeuert aus den gesicherten Hotelanlagen, aber ansonsten verläßt kaum einer die sicheren Horte. Niemand will nach 20.00 Uhr draußen sein, nur der Mob treibt sich auf den Gassen rum. Mal abends durch die Straßen schlendern, Veranstaltungen besuchen und sein Auto vor der Tür stehen lassen, in einem Straßencafé sitzen und um Mitternacht anstoßen, das alles fällt aus. Das Maß an Selbstdisziplin, welches in Europa - bei allen Ausfällen - selbst auf alkoholisierten Massenveranstaltungen aufgebracht wird, gibt es in Afrika nicht. Es scheint so, als bilde sich das Maß an Würde, welches Grundlage dieser Disziplin ist, erst ab einer gewissen Stufe würdevoller Lebensbedingungen. Wer hinter seine Strohhütte scheißen muß, an Seuchen verreckt, keine Schulbildung hat, weder Wasser, Strom noch Perspektive noch gar nichts besitzt, wie soll sich ein solcher wie ein zivilisierter Mensch verhalten können. In Westafrika, und das ist besonders bedenklich, erlebt man diese gewalttätige Grundstimmung überwiegend nicht. Mir fiel der Satz des Bullen in Togo ein, der mir nach der vierten Kontrolle auf einem Kilometer sagte: "Oui Monsieur, c’est sécurité." Scheint tatsächlich was dran zu sein. Diese Art offenen Bullenstaat trafen wir nicht wieder an. Die bewaffneten Sicherheitskräfte sind überwiegend privat und machen Feierabend, sobald diejenigen, die sie bezahlen, in ihren Häusern verschwunden sind. In Gambia oder Marokko oder auch Togo, Benin und noch ein paar Länder mehr, da kann man ohne Sorge um seine physische Integrität abends losgehen. Es handelt sich um die gleiche Sicherheit, von der Adolf 1933 sprach, um so schlimmer, daß es das Einzige zu sein scheint, was in Afrika funktioniert. Und es funktioniert obendrein nur dann, wenn die Gefängnisse menschenunwürdiger sind als die ohnehin menschenunwürdigen Bedingungen draußen und es kaum eine Familie gibt, in der nicht mindestens ein Mitglied aus erster Hand davon zu erzählen weiß. Besser ein überschaubar korrupter und strenger Polizeistaat als gar keiner, soll man das für Afrika so feststellen? Diese Feststellung ist mir zutiefst zuwider. Und wenn mir einer entgegenhält, daß die Lösung darin liegt, menschenwürdige Verhältnisse und Schulen zu schaffen, dann kann ich nur bitter schmunzeln. Träum weiter, Alter.

 

Die Deutsche Welle berichtete von einem Rekordfeuerwerk in Deutschland, von 160 Millionen verknallter Mark, von Zigtausenden am Brandenburger Tor, von über Hundert Rockmusikern, die dort Konzerte gaben und nicht von einem einzigen Verletzten. Dafür hat hier Ramadhan begonnen. Ich will nach Hause.

 

Das Warten ging weiter. Die Wahl, oder was sich so nennt, war abgeschlossen und jede Partei hatte bereits erklärt, daß sie das Wahlergebnis nicht anerkennen werde. Bis auf den Gewinner natürlich und Moi lag anscheinend vorn. In den nächsten zwei Tagen wird sich entscheiden, so die allgemeine Einschätzung, ob ein Aufstand folgen wird oder ob die Talfahrt mit Funny Danny still weiter gehen soll. Unangenehme Spannung lag in der Luft.

 

Und tatsächlich kam noch ein Tag, an dem die Geschäfte geöffnet hatten. Der zweite Januar, danach erst einmal wieder Wochenende. Wir wollten die Komoren und die Seychellen fest machen. Schon wieder tauchte eine Hürde auf, diesmal teilweise unser Fehler. Es gab keinen Flug auf die Komoren. Wir hatten uns auf die Angaben im Reiseführer verlassen, der von einem wöchentlichen Direktflug von Nairobi sprach. Pustekuchen. Es wäre schlauer gewesen, dies in Südafrika überprüft zu haben, aber diese Erkenntnis kam zu spät. Über Joh’burg, dann nach Madagaskar, von dort auf die Komoren, über zweitausend Mark pro Person nur der Flug. Das sprengt die Relationen. Wir bekamen noch einen Cargo-Flug über einen persönlichen Bekannten des Besitzers des Reisebüros angeboten, aber das sagte uns doch nicht so zu. Man kann die Briefmarkenbögen auf die Komoren bringen oder die Briefmarken plus Stempel zu den Bögen. Also boten wir an, daß der Cargo-Pilot Stempel und Marken mitbringen solle und sich tausend Dollar verdienen könne. Die Schwierigkeit liegt im Stempel, den gibt kein Postler gerne aus der Hand, aber, er sollte es wenigstens versuchen. Ein paar Mark Schmiergeld sind bei tausend Dollar ja drin. Am Ende klappte dies nicht.

 

Wenigstens die Seychellen machten wirklich keine Schwierigkeiten. Die teuerste Insel, die man bereisen kann, wurde uns gesagt, und wir buchten vorsichtshalber wieder pauschal. Allein der Unterschied zwischen Bed-and-Breakfast zu Halbpension macht einhundert Dollar pro Tag und pro Person aus, das ließen wir bleiben. Für zweihundert Dollar täglich werden wir doch wohl auch außerhalb des Hotels ausreichend zu beißen kriegen, so teuer ist es nicht einmal auf Capri. Wir werden es sehen.

 

Die Dinge waren damit überschaubar geworden. Moi hatte endgültig die Wahl gewonnen, die Bevölkerung nahm dies vorläufig ohne Aufstand hin, obwohl die zerstrittene Opposition sich einig darin war, daß alles mit Betrug zugegangen sein mußte. Annullierung, Neuwahlen, von Allem war die Rede. Solange sie reden, ist alles gut. Redet noch ein paar Wochen, dann werden wir verschwunden sein. Die komische Krankheit verschwand aus den Schlagzeilen, die Sterbefälle gingen zurück. Nur zwei Flugreisen standen an, dann kurz nach Uganda, wieder zurück und nix wie weg. Es sah auf einmal wieder ganz gut aus, abgesehen davon, daß wir zu viele Länder auslassen mußten.

 

SUDAN

 

Schon als wir uns die Visa besorgten, schwante uns nichts Gutes. Zweimal vertröstete uns die Botschaft, bis wir lieber im Foyer sitzen blieben, um zu erreichen, daß sie uns nicht sofort wieder vergessen, nachdem sich die Tür hinter uns geschlossen hatte. Ramadhan ! Das Botschaftspersonal verschwand umschichtig hinter einer Tür mit der Aufschrift "Privat", betete und betete, kam mit hochgekrempelten Hosen und nassen Füßen wieder raus und jeder lief mit diesen Flip-Flop-Badelatschen rum. Es dauerte entsprechend, bis einer die Zeit fand, zwischen Füße waschen und Beten die Visa einzustempeln, aber es klappte irgendwann.

 

Wir flogen dann los. Nicht mit Sudan-Air. Inch-Allah-Booking, wurde uns gesagt, da die Fluggesellschaft ständig pleite ist und sie die Landegebühr bar bezahlen muß. Das klappt nicht immer. Am Spätnachmittag ging’s los mit Kenya-Airways, das war in Ordnung, und abends saßen wir in einem Hotel in Khartoum mit überwiegend sehr freundlicher Bedienung. Sie nehmen alles ganz genau, Zoll und Immigration, und einem Hinweis des Reiseführers folgend ließen wir Kamera, Computer und Camcorder im Auto. War auch gut so, denn sie filzten alles. "Keinen Computer dabei ?" war gleich die erste Frage- die konfiszieren sie anscheinend gerne - aber wir hatten statt dessen oben im Koffer eine Deutsche Ausgabe des Korans liegen und das wirkt Wunder. Die Eheringe vom Flohmarkt, der Koran, vielleicht noch eine Betkette lässig ums Handgelenk und Chalala-Halala brummeln, hin und wieder eines der A’s lang betonen, etwa wie Chalalaaa-Haaalala, das kommt gut für die einfachen Gemüter. Ich will es etwas vorweg nehmen, dieser Ausflug gab einen Vorgeschmack auf Teil Drei der Afrika-Tour. Nichts ist furchtbar schlimm, alles wunderbar gegen Westafrika, aber brandteuer, im Hotel langweilig, außerhalb des Hotels ärgerlich und obendrein anstrengend. Diese moslemische Gesellschaft stellte meine Toleranz und Geduld erneut auf eine schwere Prüfung. 99,9% Moslems, dazu Ramadhan, das ist etwas heftig. Ich weiß gar nicht, seit wann ich das so empfinde, in Marokko bin ich immer gut mit den Leuten klar gekommen. Haben die Mauretanier mich versaut ? Im heiligen Monat Ramadhan ist alles noch extremer.

 

Im Zimmer stand ein Fernseher, und diese Programme, die übersteht keiner schadlos. Auf drei verschiedenen Sendern Live-Übertragungen aus Mekka. Stundenlang immer das gleiche Bild. Unendliche Menschenmassen in Schlafanzügen mit Picknick-Körben beten küchenschabenmäßig zu immer der gleichen Litanei ab. Allah Ug Agbar oder wie das heißt, mit leierigem, langgezogenem A, einen Tick ins kehlige O gesprochen, wieder und wieder. Draußen, sofern wir das Fenster öffneten, der gleiche Sound gemischt mit hektischem hupen. Auf CNN wurde über die neusten Massaker in Algerien berichtet. Über Tausend Kinder, Greise und Frauen in der ersten Ramadhanwoche massakriert, mit Messern und Feuer, ganz stilgerecht. Allah Ug Agbar. Es scheint sehr wichtig zu sein, daß man beim Morden nichts ißt oder trinkt, das würde Allah sicher nicht gefallen. Aber solange man fastet ... Der neue persische Präsident gab ein Interview und schleimte sich bei den Amis ein, weil es wohl auf die Dauer doch nicht so erquicklich ist, Erdölgeschäfte nur mit Russen und Chinesen zu machen. Dabei preist er schaumgebremst und ganz vorsichtig die Vorzüge des islamischen Gottesstaats, nicht ohne vorher besonders der amerikanischen Bevölkerung ein frohes neues Jahr und ein glückliches Weihnachtsfest zu wünschen - ich hätte kotzen können.

 

Wenn nicht gerade moslemisches über den Sender ging, berichtete CNN über den Pimmelskandal des amerikanischen Präsidenten, der - unbestätigten Berichten aus gut unterrichteten Kreisen zufolge - seinen Wurm rausgeholte und eine Sekretärin um einen Blow Job bat. Glaubt man der Aussage der Sekretärin, hat Billy einen Knick im Schwanz und das nahm ihm die Dame offensichtlich nicht nur krumm, sie war sogar geknickt, was verständlich ist. "Kreisch ! Igitt ! Ein Knickpimmel !" So wurde nichts aus dem neuen Job. Nebenbei blieb unklar, in welche Richtung der Knick verlief, ich denke, das ist für eine Frau nicht so egal, wie der Laie denken könnte. Obwohl diese Enthüllungen aufs schärfste dementiert wurden, rutschte der Dollar, was ich Mr. Clinton angesichts unserer restlichen Traveller-Checks persönlich übel nahm, anderseits bewunderte ich diesen Effekt als Mann schon. Wenn ich mein Ding raushole rutscht gar nichts, außer vielleicht der Stimmung, und selbst bei Helmut Kohl wage ich zu bezweifeln, daß er auf diese genitale Art und Weise das internationale Währungsgefüge zu beeinflussen vermag. Wie wohl der fastende Moslem mit Informationen dieser Art aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und verbogenen Pimmel umgeht. Allah hat übrigens generell nichts dagegen mehrere Frauen - gegen mehrere Esel hat er auch nichts - aber das ist nicht so spaßig wie es klingt und wird kaum noch gemacht. Fragt man beim Herren des Hauses nach, wo denn die anderen Frauen abgeblieben sind, antwortet das Familienoberhaupt meist mit "one woman, one problem, two women, two problems, tree women... " lacht und macht eine entschuldigende Geste. Es ist nicht wie bei Billy, daß eine Frau im Hauptprogramm läuft und die anderen im Nebenprogramm, sondern alle müssen im Hauptprogramm laufen und das kostet richtig. Wahrscheinlich denkt er: "Amerika, kannst knicken, Alter."

 

 

Ich bin mit dieser Abhandlung mehr als unzufrieden aber ich gestehe, ich kann es nicht besser. Imgrunde sehr unangmessen, dieses Thema, welches eine Grenze überschreitet, für die ich keine Ausdrücke finde, in lockerem Stil abzuhandeln mit etwas bitterer Ironie und humoristischen Einlagen. Es könnte der Eindruck der Verhöhnung der Opfer entstehen und das ist bestimmt nicht meine Absicht. Ich kann mich problemlos in dieser Art über Jack The Ripper auslassen, über die Inquisition, über die Nazis, über ethnische Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien, über Giftgaseinsätze von Sadam Hussein und über Völkermord in Ruanda und Burundi. Diese gesammelten Abscheulichkeiten unterscheiden sich von den islamischen Barbareien in einem wesentlichen Punkt: In keinem der Fälle liefen die Mörder mit ihren Taten auch noch Reklame und glaubten, sie täten etwas Gutes. Sie haben wenigstens ein schlechtes Gewissen, versuchen zu verheimlichen und zu vertuschen, was für die Opfer wenig trostreich sein mag, aber nichts desto Trotz hat es eine andere Qualität. Ich las den Bericht des Französischen Philosophen André Glucksmann, den er nach einem Besuch in Algerien verfaßte. Folgende Stelle fiel mir auf: "Der Mörder, der sein kleines Opfer mit durchgeschnittener Kehle an die Haustür nagelt (so geschehen Weihnachten 1997), konfrontiert die Welt mit der Frohen Botschaft, die ihn umtreibt." Auch er bedient sich eines ironisch-sarkastischen Untertones, es ist zwar hilflos, aber es hilft. Wie sonst soll man damit klar kommen ? Ich las dies gerne, konnte ich mich doch ein wenig hinter ihm verstecken denn ich hatte das Gefühl, meinen Schreibstil in diesem Fall rechtfertigen zu müssen. Es geht mir nahe, so nahe, daß ich nicht anders kann als flapsig zu reagieren.

 

KHARTOUM

 

Zurück zum Sudan und seiner wunderschönen Hauptstadt. Khartoum ist nichts. Eine Ansammlung von meist verfallenen oder halbfertigen Häusern und hupenden Schrottautos. Dazwischen schleichen Massen von Schlafanzugträgern auf kaputten Gehwegen umher. Wir hielten aus dem Taxi, das uns zum Postamt fuhr, nach irgendwas Interessantem Ausschau. Wo man mal hingehen könnte, was kaufen, was ansehen, was essen oder trinken, aber vergiß es. Einen Weg machten wir trotzdem, aus Langeweile, zu einer Apotheke und holten uns zwei Riegel Valium - kann man immer brauchen - und das war es auch schon. Der Apotheker fragte mich, ob ich Depressionen hätte von Khartoum, ein Anflug von Humor. Auf dem Weg dahin nur mürrische Gesichter. Sie haben Hunger und Durst im Monat Ramadhan, ist ja klar, aber selber schuld, will ich meinen. Die Jungs, die sich als Schuhputzer aufgebaut haben, flüchten auf einmal und rennen in die schmuddeligen Seitengassen. Lassen sogar ihre wenigen Sachen wie Schuhcreme und Hocker liegen. Militär kommt die Straße runter. Schuhe putzen verboten, aber das Militär greift heute nicht ein, läßt mal Fünf gerade sein. Ein kleines Mädchen, um die vier Jahre alt, hält sich an meinem Hemdzipfel fest und läuft völlig selbstverständlich neben mir her als wäre sie meine Tochter. Sie zeigt keine Regung, guckt mir nicht in die Augen, bettelt nicht, kommt einfach nur mit. Ich streichle ihr über den Kopf, schau mich verlegen um ob da jemand ist, der sich der Lütten zugehörig fühlt, löse ihre winzige Hand von meinem Hemd, die sich richtig festgekrallt hat, drehe sie um und schicke sie weg. Sie haut auch ab. Kein schönes Erlebnis. Wir gehen wieder ins Hotel zurück. Allerdings, und das macht die ganze Sache noch erträglicher als Westafrika, sie lassen einen vollkommen in Ruhe, beachten einen nicht die Spur. Kein Gequatsche und kein Gelaber. Abends, wenn’s dunkel wird, grölt der Vorbeter seinen Sermon über die Stadt und dann darf wieder gegessen werden. Oder massakriert, kommt auf die Auslegung des Koran an. Im Hotel fanden wir eine Gratisbroschüre auf dem Nachtschränckchen über den Sudan. SUDANOW, tolles Wortspiel, klingt wie ein Ort in der Ostzone. Böse Zungen behaupten, der Sudan wäre ein autoritärer und fundamentalistischer Polizeistaat mit Militärdiktatur, der zudem seine Nachbarstaaten mit Krieg überzieht und die südlichen Provinzen unterdrückt und aushungert. Dagegen verwehrte sich SUDANOW vehement. Bloß weg hier. Es stimmt auch nicht, zumindest ist diese Aufzählung unvollständig. Der Süden im Sudan wird nicht nur ausgehungert und unterdrückt, er dient auch aktuell im Jahre 1998 noch als Sklaven-Jagdgebiet für Milizen der sudanesischen Regierung., die dann von den Arabern im Norden Sudans gehalten werden. Auf "mehrere Zehntausend" wird die Zahl von einer Schweizer Wohlfahrtsorganisation geschätzt, die gerade für rund 25.000 DM 800 "Stück" zurückgekauft hat, um sie wieder zu ihren Familien in den Süden zu bringen. Sie berichteten nichts Gutes über ihre Behandlung, aber wen überrascht das ?

 

Der Flieger ging um 4.45 Uhr, eine Unzeit, zudem man zwei Stunden vor Abflug dort zu sein hat. Diese zwei Stunden braucht man tatsächlich, bis man alle Hürden passiert hat und in unserem Fall mußte noch unter Hinzuziehung des Sicherheitschefs geklärt werden, ob die Briefmarken nicht irgendwie die Sicherheit des Landes gefährden könnten. Nein, Nein, kein autoritärer und fundamentalistischer Polizeistaat mit Militärdiktatur, wer kommt bloß auf sowas.

 

Als wir morgens in Nairobi landeten, fühlten wir uns richtig wohl. Die Stadt liegt 1.700 Meter über dem Meeresspiegel, ist daher selbst unter dem Äquator immer angenehm kühl und es gibt wieder Frauen im Stadtbild. Wir kauften uns zwei Tageszeitungen, die Verkehrstotenzahl der letzten zwei Tage lag über Einhundert, wobei ein Bus, der nur knapp die Brücke verfehlte und in den Abgrund fuhr, schon zwei Drittel geschafft hatte. Der Rest läpperte sich zusammen im täglichen Berufsverkehr. Burundi und Ruanda waren auch fleißig, die mysteriöse Krankheit war mit drei Toten deutlich auf dem Rückzug, also alles beim Alten. Ein halbes Jahr Auto fahren in Nairobi ist vom Risikoquotienten schätzungsweise so hoch wie drei Leben lang in Europa, soweit mein persönliches Gutachten. Zwei Tage ausspannen, und dann geht’s auf die Seychellen. Seit längerem mal wieder ein Unternehmen, welches wir mit Vorfreude erwarteten.

 

Einen Nebeneffekt dieser Reise allgemeiner Natur will ich noch erwähnen. Meine Flugangst ist verschwunden. Schon länger, eigentlich mit dem Abflug aus Sierra Leone, es ist mir nur wieder bewußt geworden, als ich völlig ruhig im Flieger nach Khartoum saß als wäre es ein Bus. Mit Gewöhnung ist dies nicht ausreichend erklärt, denn ich war schon vorher oft genug geflogen, da meine Angst nie so groß war, daß ich sie nicht überwinden konnte, und sei es mit Tabletten. Ich erklärte es mir damit, daß ein Flugzeug in Sierra Leone eine andere Bedeutung hat als ein Urlaubsbomber auf die Kanarischen Inseln. Man verläßt sein sicheres Zuhause und begibt sich in eine dieser schweren Flugmaschinen, die eigentlich physikalisch betrachtet nie und nimmer fliegen können dürften. Angst. In Sierra Leone verläßt man eine äußerst kritische und gefährliche Umwelt in einem Apparat, der täglich tausendfach, und dies bereits seit Jahrzehnten, seine Zuverlässigkeit bewiesen hat. Erleichterung. Es gibt keinen Raum für Ängste, denn nirgendwo ist es sicherer als im Flugzeug. Klingt doch plausibel.

 

SEYCHELLEN

 

Erneut flogen wir in einem leeren Flugzeug. Eine riesige 747 brachte uns rüber, wenn zehn Prozent der Plätze besetzt waren, ist das eine hohe Schätzung. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, als würde man morgens seine Brötchen mit dem Tieflader holen. Mischkalkulation, aber wo ist die Mischung ? Wir fliegen fast ausschließlich in leeren Fliegern. Egal, Britisch Airways wird schon wissen was sie tut. Preispolitisch ist Afrika sowieso erstaunlich. Der Chef in unserem Hotel verbrachte Weihnachten an der Kenianischen Küste in einem Beach-Hotel. Er zahlte ab Nairobi, um die fünfhundert Kilometer, für eine Woche Bed-and-Breakfast um 1.000 US$. Er traf dort auf europäische Touristen, die drei Wochen dort waren, Halbpension, eine Safari inklusive, und dafür mit Transfer 700 US$ bezahlt hatten. Er fand das ungerecht. So ungerecht wie der Umstand, daß Touristen in Kenia normalerweise für die National-Parks oder Museen bis zu zehn mal mehr löhnen müssen als Einwohner des Landes.

 

Die Seychellen sind einfach traumhaft. Wir waren auf der Insel Mahè. Eine unglaubliche Vegetation. Die hervorragenden, teilweise tunnelmäßig überwachsenen Straßen führen durch die Berge durch dichte, dschungelmäßige Wälder aus umrankten Palmen und Bäumen, von denen Lianen herunterhängen. Wasserfälle, und immer wieder der Blick auf weiße Sandstrände vor hellblauen und türkisfarbenem Meer. Nur gute Hotels, gepflegte Häuser, intakte und blitzblanke Autos. Ein eindeutiges Versehen, daß diese Inseln zu Afrika gehören. Preislich allerdings - Schluck - ausgereizt, würde ich es gutwillig nennen. Aber wen es nicht stört, für eine Flasche Mineralwasser acht Mark und für einen Cheeseburger zwanzig Mark zu bezahlen oder ein abendliches Buffet für siebzig Mark ohne Getränke zu besuchen, den erwartet nur Angenehmes. Selbst Kokosnüsse, die auf den Seychellen in einer besonderen Form wachsen, erzielen wirre Preise. Sie sehen aus, wie der wohlgeformte Unterleib eines jungen Mädchens, mit knackigen Pobacken und Schamhaaren, eine nette Einlage der Natur. Sie werden auch recht groß, fast Originalgröße, und man kann sie für ungefähr 800 DM kaufen. 800 DM für ‘ne Kokosnuß ! Aber alle scheinen sich für dieses Preisgefüge eine Sichtweise zurechtgelegt zu haben, die sie zufrieden aussehen läßt. Man macht nur einmal im Jahr Urlaub, die schönsten Wochen des Jahres, das haben wir uns schießlich verdient, so jung sehen wir uns nie wieder und so weiter. Da will man auch nicht so knickerig sein. Für uns stellt es sich ebenso nicht so dramatisch dar. Wir sind Schlimmeres gewohnt, nämlich, daß man genausoviel oder mehr bezahlt, dafür aber kaum etwas an Gegenleistung empfängt. Auf den Seychellen ist es wenigstens schön und angenehm, und selbst in der Regenzeit, in welcher viele Wolken am Himmel hängen und nur selten die Sonne durchkommt, ist es warm und die UV-Strahlen, die durch die Wolkendecke dringen, sind extrem sonnenbrandgefährlich. Dafür gibt es eine tiefe Bräune in kurzer Zeit, und darauf kommt es schließlich an. Genau das Richtige, um es mit allen drum und dran plus Taschengeld und Leihwagen in der Glücksspirale zu gewinnen. "Ich nehme die Waschmaschine, das Fragezeichen und die ganze blaue Gewinnpalette. Den Einkaufsgutschein von Leonardo schenke ich der Uschi, die soviel Pech gehabt hat." Applaus. Uschi lächelt säuerlich.

 

In den Hotels, die trotz der Regenzeit gut besucht sind, erinnert alles an das Traumschiff. Es wäre kein Stilbruch, wenn Sascha Hehn in Kellneruniform um die Ecke käme und einem mit blödem Grinsen eine Cocktail servieren würde. Die Hintergrundmusik, von einer Creolischen Combo live intoniert, paßt ebenso. Marina, Marina, Marina, Let It Be, Green Green Grass Of Home und andere unverfängliche Evergreens als Instrumentalversion. Am Pool rumliegen oder am Strand, um 35° C das ganze Jahr über rund um die Uhr, 90% Luftfeuchtigkeit - feines, sorgloses Tropenfeeling ohne Kriminalität, ohne angequatscht zu werden, in angenehm gekühlten Räumen und mit hoteleigenen Videokanälen in allen Sprachen. Abends ein bißchen Terminator oder Ben Hur - kommt gut.

 

Æroflot landet auf den Seychellen ebenfalls an. Diese Fluggäste fallen auf, sie sind anders als die Anderen. Schwer zu sagen, was sie unterscheidet, irgendwie grobschlächtiger, vielleicht sogar eine Idee Gewaltätiges im Ponum, die Frauen überschminkt, ein bißchen zu blond, ein bißchen zu schlank und daher etwas ordinär wirkend, die oft tätowierten Typen übergewichtig und stämmig mit Goldkettchen und Türsteherimage und eigentlich - besser kann ich es nicht ausdrücken - deplaziert. So deplaziert wie an der Küste Spaniens, wo ihre Anwesenheit schon zu Abwanderungs-strömen der früheren Villenbesitzer geführt hat und Preisverfall auf dem Immobilien-sektor verursachte. Sie wirken wie düstere Gangster, die Urlauber spielen weil man es von ihnen erwartet und die sich in dieser Rolle nicht besonders wohl fühlen. Sie lächeln oder scherzen auch so gut wie nie, meistens machen sie einen mürrischen und damit etwas bedrohlichen und gleichzeitig fast hilflosen Eindruck. Das andere Europa. Wenn sie nicht mit finsterer Miene ihre Runden im Pool ziehen, rennen sie mit ihren Camcordern durch die Gegend als sei es ein Minensuchgerät. Im Dauerbetrieb, sie filmen alles, für den KGB wahrscheinlich. Wir versuchten es damit zu erklären, daß sie vielleicht unheimlich froh sind, in ihren Heimatländern keine Holzattrappe erwischt zu haben und sie sich schon darüber, daß der Apparat überhaupt Bilder festhält, über alle Maßen freuen. Bloß nicht abschalten, dieser Urlaub muß bewiesen werden können.

 

Wir liehen uns einen kleinen Mini-Moke, so ein Winzauto ohne Dach und ohne Türen und fuhren einen Tag über die Insel. Sie ist wirklich phantastisch und bezüglich der Seychellen kann ich schon verstehen, wenn man den längsten Weg in Kauf nimmt. Die Botanik ist atemberaubend. Überall blüht und wuchert es, verträumte Buchten tauchen auf, an denen wir anhielten und badeten. Das Wasser warm und klar, helles Türkis, weißer Sand und beim Baden sahen wir bunte Fische und einen Rochen durchs Wasser segeln. Die Brandung ist sanft, wir ließen uns treiben und legten uns zum Trocknen unter die Palmen am Strand. Nicht einen Krümel Müll findet man, alles ist topgepflegt und es wird auch nichts angebaut. Zumindest nicht dort, wo man es sieht. So mußten wir keine Pestizide vermuten, keinen Qualm abgebrannter Zuckerrohrfelder einathmen wie in Mauritius und uns kein Elend anschauen wie in Madagaskar. Die Preise werden auch moderater, sobald man die Hotelanlage verläßt und sich in die Restaurants begibt, die dem freien Wettbewerb unterliegen. Wir sahen Guest Houses mit Selbstverpflegung in ansprechender Lage und kleine Supermärkte, so läßt sich sicher auch ein traumhafter Beach-Urlaub auf ganz bestimmt einer der schönsten Inseln der Welt auf nicht zu arg überhöhten Kursen erleben. Mal vormerken.

 

Die Tage gingen harmonisch vorbei. Per Speedboat auf eine kleine Insel zum Lobster essen und Sonnenbrand holen, am Pool ein paar kalte Cola, Schweinebraten mit Thymiansauce uns so weiter. Alle Aggregate voll aufgetankt. Ein bemerkenswertes Gesetz kam uns noch zu Ohren, und zwar, daß auf das Entfernen von Sand vom Strand ein halbes Jahr Gefängnis steht. Nicht dumm, denn was nutzen die schönsten Hotels, wenn der Strand zu Beton verarbeitet wurde. Ebenso ist die Bettenanzahl auf der Insel streng begrenzt, Abholzen von Bäumen bei Strafe verboten, Übernachten oder Fußballspielen am Strand untersagt und so erhalten sie sich ihr exzellentes Paradies. Wir fanden es ok, soll es ein paar Mark mehr kosten, aber dafür gibt es keine überfüllten Strände, kein Ballermann-6-Feeling, keinen Ball an Kopp beim Sonnen und für Apartheid by money bringe ich mit jedem Tag, den ich älter werde, mehr Verständnis auf.

 

NAIROBI SCHON WIEDER

 

Wenn man von den Seychellen statt aus Khartoum kommt, ist Nairobi alles andere als gemütlich. Während unserer Abwesenheit waren weitere dramatische Regengüsse herunter gekommen und nun ging nichts mehr. Die Verbindung zwischen Nairobi und Mombasa war völlig zusammengebrochen. Immer wieder ein Erlebnis, die Zeitungen zu studieren. "Madness on Mombasa Highway" lautet die Überschrift, wobei die Madness schon damit beginnt, von einem Highway zu sprechen. Diesmal gab es 86 Tote auf diesen 500 Kilometern, Schlägereien um Trinkwasser zwischen den Busreisenden, die tagelang im Stau steckten, Überfälle durch Banden mit Pfeil und Bogen (kein Scherz !), Herzattacken, Hunger, eingestürzte Brücken, Autos die in kraterähnlichen Schlaglöchern versanken, umgekippte Lkws und so weiter. Sogar ein Löwe griff eine Frau an, die sich dem Ruf der Natur folgend in die Büsche verdrückt hatte und sich nur noch knapp in ihr Auto retten konnte. Der Löwe sprang dann auf einen Transporter mit Lebendvieh, räumte dort kräftig auf und verschwand mit fetter Beute im Unterholz. Das große Programm auf dem Highway des Todes, wie er in der Presse auch gerne bezeichnet wurde. Highway To Hell, jetzt weiß ich endlich, was gemeint ist. Dieses Kenia ist imgrunde widerlich und vollkommen am Arsch. So widerlich und am Arsch wie afrikanische Länder und ihre korrupten Regierungen fast überall sind. Nebenbei die normalen Verkehrstoten, eine Hand voll Morde, Choleratote wieder dramatisch angestiegen da erneut alle Gullys und Scheißegruben übergelaufen sind, nebenbei eine kleine Heuschreckenplage und das vermehrte auftauchen der Nairobi-Fly, einer besonders ätzenden Fliegensorte. DIE FLIEGENDE BEDROHUNG titelt die East African Standart und gibt folgenden Hinweis: "If the Nairobi-Fly lands on you, don’t panic, don’t touch it with your bare hands, just flip it away using something." Nette Fliege, denn berührt man sie oder haut sie einfach breit wie üblich, gibt es chronische und schmerzhafte Entzündungen und Blasen, die nicht nur langwierig sind sondern auch noch amtliche Narben hinterlassen. Gerne greift die Nairobi-Fly die Augen an, die dann zuschwellen und nicht einmal Antibiotika hilft. Urlaub in Nairobi und du siehst aus wie Freddy Krüger. Aber Hauptsache, Funny Danny hat noch mal fünf Jahre gekriegt, um weiter per Privatjet seine Freunde in der Schweiz zu besuchen. Für den Regen kann er nichts, aber für alles andere. Selbst für die Fliegen, finde ich.

 

Wir starteten bei der Botschaft von Ägypten. Geschlossen. Wir finden einen Pförtner, der uns folgendes sagt. "It’s closed. They come at 11.00 or 12.00. It’s Ramadhan. Do you know Ramadhan ?" Und ob ... Für die, die das afrikanische Zeitsystem nicht so genau beherrschen: Die Angabe 11.00 or 12.00 bedeutet, gar nicht oder überhaupt nicht. Der Hinweis auf Ramadhan bedeutet, daß, sollte doch einer kommen, dieser mit Sicherheit nicht arbeiten wird sondern beten. Der Tag fing gut an. Wir fuhren auf Tip zu einem Auspuffservice mitten in der Stadt, der aber zum Einen nur mit Allradfahrzeugen erreichbar war und zum Anderen eine Toreinfahrt hatte, durch die wir nicht durchgekommen wären. Also doch wieder zu Benz. Ölwechsel ging nur mit mitgebrachtem Filter, sowas hat Mercedes-Nairobi nicht auf Lager. OK, wir hatten noch einen und er tauchte am Ende tatsächlich nicht auf der Rechnung auf. Den Ölwannenschutz wollten wir wegen des Highways wieder anschrauben lassen und das Rücklicht sollte erneuert werden. Auspuff reparieren ging nicht. Er zeigte auf die Gasflaschen und sagte, es wäre keine Strom da wegen der Regenfälle. Es gibt keinen Zusammenhang, als würde man mit dem Hinweis, daß kein Strom da wäre, einen Reifenwechsel ablehnen, aber Afrika folgt anderen Gesetzen. Nach einer Stunde begann der Ölwechsel, danach passierte nichts mehr. Wir warteten zwei Stunden, dann ging ich zum Chef und sagte, er solle die Rechnung klar machen, wir suchen uns eine andere Werkstatt. Wieder diese kühne Argumentation: Die anderen Arbeiten wie das Rücklicht und die Montage des Ölwannenschutzes wären schon auf der Arbeitskarte und ich müsse sie sowieso bezahlen, ob ausgeführt oder nicht. "Macht nichts," sage ich, "die Kosten für alle Reparaturen in Afrika übernimmt für mich Mercedes-Benz in Deutschland, ich mache im Gegenzug Berichte über die Werkstätten. Mich kostet das hier kein eigenes Geld." Das hat gewirkt. Auf einmal arbeiteten drei Mann gleichzeitig am Auto, der Chef fuhr selber mit zu einem Auspuffservice und das ganze kostete sehr kleines Geld. Der Auspuffservice schweißte einen neuen Schalldämpfer unter die Kiste, wir fuhren vom Hof, über einen Zuweg, für den es in deutsch keine Bezeichnung gibt, und als wir nach einem Kilometer wieder Asphalt erreichten und erstmals das Gaspedal etwas kräftiger durchtreten konnten, hatten wir röhrenden Niki-Lauda-Sound, schlimmer als vorher. Wir waren bedient, man soll sie einfach nicht ranlasen, das wußten wir vorher, taten es aber trotzdem, denn Hoffen und Harren ... und fuhren weiter in der Hoffnung, daß es sich "zusetzt". Sagt man doch immer, "das setzt sich zu". Und mit welchen Hoffnungen hätten wir eine Reklamation verknüpfen sollen? Mit keinen.

 

Wir fahren durch Krater und Löcher ins Zentrum, um was zu essen und vor uns fährt eine nagelneue Mercedes-Limousine V12 durch die Straßen. Da wird einem schlecht. Uns wundert immer, daß augenscheinlich nicht die Spur von Neid oder gar Aufbegehren oder wenigstens Zerstörungswut bei den Hungerleidern aufkommt, wenn ihnen derart vor der Nase herumgeprotzt wird. Wenigstens im Vorbeigehen einen Kratzer machen. Das geht in Europa nicht. In gewissen Gegenden, Stadtteilen, Provinzen, da fährt man nicht ungestraft mit einem V12-Daimler spazieren und parkt ihn mitten im Gewühl. Wenigstens die Typenangaben entfernen, aber der in Nairobi gab sich voll zu erkennen. Es ist diese Haltung, die einen berechtigt, auf den Vorwurf der Schwarzen, daß die Weißen sie versklavt hätten, mit dem Hinweis zu antworten: "Das geht auch nur mit euch." Sie lassen sich mehr oder weniger alles bieten, setzen dem nichts entgegen außer religiösen Stammesrivalitäten und schlimmste Verbrechen und wenn sie mal richtig die Wut kriegen, dann massakrieren sie sich gegenseitig Völkerweise. Auf den schwarzen Besitzer dieses Fahrzeuges sind sie eher noch stolz, wie weit es ein Schwarzer gebracht hat, und schöpfen wieder Hoffnung und Selbstvertrauen beim Betteln. Es ist und bleibt ‘ne komische Bande. Selbst der dicke Daimler schien sich mit jeder Schraube gegen seine artfremde Haltung zu sträuben, so machte es auf mich den Eindruck, er hatte es sich bestimmt auch anders vorgestellt als täglich Off-Roader-Qualitäten beweisen zu müssen und - wer repariert und wartet den eigentlich ? Doch nicht etwa diese Niederlassung mit Stern aber ohne Strom ? Schade, daß ich nicht wirklich einen Werkatatt-Bericht schreiben muß. Das arme Auto.

 

Wir waren schon wieder pappensatt. Ob West- oder Süd- oder Nord- oder Zentral-oder Ostafrika, als einer in Europa aufgewachsener ist nach einem halben Jahr der Zeitpunkt erreicht, daß es einem alles auf den Sack geht. Diese zweite Halbzeit, die wohl eher ein zweites Drittel werden wird, war entschieden angenehmer als die erste - bis jetzt - aber es langte eigentlich. Eine allgemeine Lustlosigkeit machte sich bei uns beiden breit. Wir hatten keinen rechten Bock auf Autofahren, auch nicht auf Flugreisen und so begeisternd ist eine Schiffsreise auf einem Frachtdampfer mit Sicherheit auch nicht. Beam me up, Scotty.

 

Uns blieb ohnehin nur noch der Weg über Mombasa per Dampfer nach Ägypten. Vorher noch kurz Uganda aufsuchen, aber das ist prinzipiell kein unangenehmer Auftrag. Dann den "Highway To Hell" nach Mombasa lang quälen, falls Funy Danny sich zu dem schweren Aderlaß für eine Instandsetzung der zerstörten Brücke durchringen kann und schon lockt kurz darauf das Mittelmeer. Und eilig, schnell wieder nach Deutschland zu kommen, hatten wir es nicht, am 19. Januar. Was die Flugreisen betrifft, reizten sie uns weniger, aber sie sind halt undramatisch, unumgänglich und letztlich nur eine Frage der Kosten. Was für Kosten genau, das sollten die Ermittlungen am folgenden Tage ergeben.

 

Lustlosigkeit oder nicht, die Sache war einfach die, daß wir uns überwinden mußten denn nichts tun befriedigte am allerwenigsten. Für und gegen die Flugreisen sprach fast das selbe Argument. Einerseits müssen wir überall Länder ausklammern, so daß wir sowieso noch einmal auf diese Ecke kommen werden. Also macht es nichts, wenn wir noch ein paar mehr vor uns herschieben. Anderseits sprach auch nichts dagegen, es gleich zu machen - außer der Lustlosigkeit - denn gemacht werden mußte es ohnehin und die Jahreszeit war günstig und wir hatten nichts besseres vor. Das kleine, indische Hotel mit dem Namen Azee-House wurde auch immer freundlicher, wir wurden behandelt, als gehörten wir schon etwas zur Familie, man nahm an unseren Reisen teil, über die Sicherheit des Fahrzeuges brauchten wir uns keine Sogen mehr machen - also los !

 

Das Five-Continents Reisebüro kannte uns nun auch schon, beschenkte uns mit Reisetaschen und bediente uns vorzüglich. Auch alles in indischer Hand. Blitzschnell war ein Dreiländer-Rundflug gebucht, zehn Tage Äthiopien-Eritrea-Djibouti für 900 US$ p.p., das bleibt im Rahmen und wir waren eigentlich ganz zufrieden. Keinen Streß mit Schlamm- und Sandpisten, keine Überfälle, keine Kriege, keine Risiken, nur ein bißchen Beschiß mit Taxipreisen, aber das gehört dazu. Noch zwei Tage indische Küche und dann gings wieder ab.

 

ÄTHIOPIEN

 

Wie erlebten eine positive Überraschung, passiert selten genug in Afrika. Alles, was wir von Äthiopien erwartet hatten war Hitze, Dürre und Armut, denn so kennt man das Land aus den Nachrichten. Addis Ababa hingegen - mehr lernten wir von Äthiopien nicht kennen - ist eine großzügige, grüne und verhältnismäßig angenehme Stadt die nicht übermäßig vermüllt ist. Kein Vergleich mit Khartoum. Das soll nicht heißen, daß jemand, der Urlaub machen möchte und nach Addis Ababa fährt, zufrieden sein könnte, denn es ist nichts Besonderes, aber eben auch nichts besonders Schlechtes. Das Hilton unbezahlbar, die Klasse unterm Hilton schon wieder recht einfach, aber dafür wenigstens nicht so teuer. Überhaupt stimmt das Preis-Leistungsverhältnis. Man bekommt nicht viel geboten aber man blutet auch nicht finanziell aus. Immerhin gab es auf dem Hotelzimmer, welches so klein war, daß es schwierig war, die Koffer zu öffnen, einen Fernseher mit zwei Satelitenprogrammen. CNN und MTV-Asia. Ich wußte nicht, daß es MTV-Asia gibt, aber es ist für eine viertel Stunde unterhaltsam. Statt gangstermäßig gestylte Afro-Americans mit Pudelmützen und Pappbechern, die um brennende Mülltonnen tanzen, wie man es gewohnt ist, hotten schrill gekleidete indische Boygroups über den Strand zu den verpopten Klängen von Geigen und Tablas. Abends wechselt der Sender mit TNT, die ein paar alte Hollywoodschinken mit Cary Grant und Lana Turner brachten, angenehm. Die Stadt liegt wie Nairobi ziemlich hoch über dem Meeresspiegel, dünne Luft, immer leichte Atemnot und gleich aus der Puste, aber daher ist das Klima sonnig und trotzdem nicht zu heiß, alles in allem nicht anstrengend. An jeder Kreuzung ein Denkmal oder eine Siegessäule mit Rotem Stern und Russen mit Kalschnikows und wehender Fahne in Siegerpose. Kalaschnikows überhaupt überall, an jeder Ecke ein paar Leute mit Kalaschnikows zum aufpassen auf irgendwas. Moslems kommen für den Breitengrad überraschend wenig vor, sind allerdings im Vormarsch, daher noch eine recht heitere Stimmung auf der Straße. Es gibt auffällig viele sehr hübsche Mädels. Die Bevölkerung mischt sich aus Arabs und Schwarzern, was für beide Rassen vorteilhaft ist. Man hat das Gefühl, daß sich von beiden Rassen die angenehmeren Seiten durchgesetzt haben, anders herum wäre es allerdings auch ein Alptraum. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber sie nerven nicht, sind wahnsinnig freundlich und, das zählt noch viel mehr vorwärts: zurückhaltend. Nicht anstrengend, diese Umschreibung trifft es stets am präzisesten. Natürlich erlebten wir wieder Kleinigkeiten, die einen nervolabilen Nägelkauer dazu treiben würden, seine Finger bis zum ersten Glied abzunagen. Wir wechselten das Hotelzimmer da wir doch nicht darauf verzichten wollten, den Koffer zu öffnen und man gab uns ein geräumigeres ohne Fenster. Es gab eine Balkontür, die Scheiben weiß übergemalt, da dieser Balkon von anderen genutzt wurde und dort eine ganze Sippe von Eingeborenen drauf wohnte. Aber das war es alles nicht, was uns störte, bloß funktionierte der Fernseher nicht. Der Hotelboy nahm sich des Problems an und wir waren gezwungen, ihn dabei zu beobachten, ein dem menschlichen Verstand kaum mehr zumutbarer Akt. Es war sofort klar, nach zwei Minuten, daß die Antenne kein Signal hatte, dafür brauchte man kein Fernsehtechniker sein, aber er schleppte einen Fernseher nach dem nächsten an, verstellte jeden einzelnen komplett, wiederholte alles, was bereits zehn mal nicht funktioniert hatte, unzählig oft. Jeden Fernseher schaltete er permanent Ein und Aus, ein Wunder, daß sie es überlebt haben und eine Mentalfolter für jeden Betrachter, der mit technischen Geräten und Gebrauchsanweisungen groß geworden ist. Dann war auf einmal der Schraubenzieher wie von Zauberhand verschwunden, mit dem er in der Antennendose herumgestochert hatte und er gab auf. Ohne Schraubenzieher waren selbst ihm die Hände gebunden. Nach knapp zwei Stunden zogen wir es vor, wieder in das ursprüngliche Zimmer zurück zu ziehen. Dort war der Duschvorhang genau in einer Höhe angebracht, daß alles Duschwasser, welches gegen den Vorhang kam, ins Bad laufen mußte. Der Hotelboy versuchte sich auch daran und stieß dabei mein Parfüm um, welches ich im Duty-Free auf den Seychellen gekauft hatte um die letzten Rupies los zu werden. Die Flasche kachelte ins Waschbecken und war natürlich kaputt - 40 Dollar mein Bester ! - und er behauptete, daß sie leer gewesen sein müsse, da jetzt, nachdem die Flasche in drei Teile zersprungen war, gar kein Parfüm mehr zu entdecken war. Für ihn eine eindeutige Beweislage. Glas ist einfach nicht das Wahre für Afrika. Flüssigkeiten, die auf einmal weg sind, auch nicht. Metall oder Plastik, werde ich beim nächsten Parfümkauf berücksichtigen. Oder einen Deostick. Ich beschwerte mich bei der Rezeption, allein wegen der Frechheit der Behauptung, er hätte eine leere Flasche zerdeppert und verlangte erstmal Schadensersatz und wurde auf später vertröstet. Der Manager war außer Haus. Mir fiel bei dem Hotelboy wieder der nette Witz mit den zwei Kugeln aus Südafrika ein: ... die Eine habe ich verloren und die Andere kaputt gemacht.

 

Mit den Briefmarken waren wir schnell durch und wir mieteten uns einen Taxifahrer für eine Rundtour. Er hat uns beschissen, das war vorher klar, aber er nahm umgerechnet 50,- DM für einen halben Tag kreuz und quer durch Addis fahren und das geht ja selbst mit Beschiß noch. Trotzdem fanden wir es angebracht, uns etwas mit ihm zu streiten, um es nachfolgenden Touristen nicht zu schwer zu machen. Die Taxifahrt: Das Auto war wohl mal ein Lada, alle Herkunftsmerkmale waren bereits abgefault. Die Lenkung war so eingestellt, daß der Fahrer das Lenkrad fast eine ganze Umdrehung bewegen konnte, ohne, daß sich an der Fahrtrichtung etwas änderte. Folglich ruderte er für jede kleine Richtungskorrektur in einer Art, daß die Mercedes A-Klasse sich sofort auf die Seite gelegt hätte und jedes Hindernis hupte er schon fünfzig Meter vorher ausgiebig an weil er wußte, daß Ausweichen so gut wie nicht möglich ist. Dazu ratterte die Hinterachse, oder die Vorderachse oder die Kardanwelle oder alles drei synchron zur Geschwindigkeit von 30 km/h und er fuhr uns zuerst zum Zoo. 25 Pfennig Eintritt, wir waren begeistert, aber mehr kann man auch nicht nehmen. Es gibt fünf männliche Löwen in Einzelkäfigen und ebenso viele Schildkröten, das war’s. Nach zehn Minuten war der Zoobesuch erledigt, ohnehin schon auf Länge gequält. Es ging ins Museum. Dort, wie überall in Addis Ababa, Sicherheitschecks. Ob bei der Bank, beim Postamt oder im Museum, man wird durchsucht und mit Metalldetektoren abgescannt wie auf dem Flugplatz. Das Museum auch sehr preiswert, dafür nicht sehr unterhaltsam. Ein paar Gerippe, alte Steine und Krempel, traditionelle Klamotten und als Hauptattraktion den Thron von Heilla Selassi. Zwanzig Minuten, ebenfalls erledigt. Fotografieren streng verboten, als wenn das einer wollte. Nun fragten wir den Fahrer, ob es einen Markt gäbe. So einen mit Crafts, Souvenirs - tü comprende ? Er nickt, erzählt von einem Markt, den man unbedingt gesehen haben muß, aber es muß ein Mißverständnis gewesen sein. Er kann nur verstanden haben, daß wir Schuhe kaufen wollten, anders ist es nicht erklärlich, daß er uns in einen Moloch-Vorort fuhr zu einem Einkaufszentrum, welches ausschließlich aus Schuhgeschäften bestand. Noch nie gesehen sowas, zig Schuhgeschäfte, eines neben dem anderen und alle gleich, und umliegend drum herum weitere Schuhgeschäfte. In Äthiopien haben sie wieder diese Ecken-Aufteilung wie in Marokko. Es gibt die Fleischecke, die Elektroecke, die Gemüseecke und so weiter und eben auch die Schuhecke. Immer gleich mindestens fünfzig gleiche Läden nebeneinander, bevor man in die nächste Ecke kommt. Er merkte, daß wir keine Schuhe haben wollten und lief mit uns durch unendliche Gassen zur Juwelierecke. Böses Elend, sobald man die ohnehin schon mit Bettlern ausreichend bestückte Innenstadt verläßt. Jedes Restaurant beschäftigt einen Aufpasser mit Knüppel, um die Gäste vor Belästigungen durch Bettler zu schützen. Aber sie müssen nicht eingreifen, ihre Anwesenheit genügt. In den Vororten wimmelt es von Kaputten, man watet direkt durch Krüppel, Bettler und Kranke, bis man zu den Goldhändlern kommt. Es ist naiv zu glauben, dort günstig einkaufen zu können, zumindest nicht als durchreisender Tourist mit einem Taxifahrer im Schlepp, der Schwager von jedermann ist. Selbst angenommen, daß es sich bei dem gelben Material tatsächlich um 18 Karat Gold handeln würde, was äußerst unwahrscheinlich ist, sind die Preise immer noch absurd. Es macht auch keinen Spaß zu handeln, denn selbst ein akzeptabler Preis garantiert noch lange keine akzeptable Qualität. Wir drängelten uns durch übel stinkende und total überlaufene Gassen zum Lada zurück und suchten einen Souvernirladen auf. Kuriose Sachen ohne Ende, religiöse Devotionalien aller Glaubensrichtungen, Militaria von Russen, Engländern, Italienern und Karawanen-zubehör wie Wassersäcke aus Leder und Schlafkissen aus Holz, aber was soll man am Ende damit. Ich entdeckte ein Teil wieder, welches ich bereits in Marokko mal gesehen hatte. Es wird jetzt etwas unappetitlich. Es handelte sich um zwei Holzknäbel mit Aufsteigbügel für Kamele. Ich fragte in Marokko den Händler, wofür das gut sei, und er wollte erst nicht so recht mit der Sprache raus. Druckste so rum, bis er sagte, es wäre für die Karawanen, die monatelang ohne Frauen durch die Wüste zögen. "Nee", sagte ich, langsam begreifend, "das ist nicht dein ernst." Aber einmal angefangen zu erklären bemerkte er fröhlich und technisch versiert, daß Kamele eine ungünstige Höhe hätten und diese Holzteile einerseits die Hinterbeine fixieren und dafür sorgen, daß sie still halten und obendrein noch einen leichten Aufstieg und damit komfortable Verrichtung ermöglichen. Er packte die Dinger dann auch etwas beiseite, es war ihm klar, daß ich die nicht kaufen wollte, ich hatte ja gar kein Kamel und auch ‘ne eigene Mensch-Freundin dabei. Ein Insiderartikel für Genießer unter dem Ladentisch zu verkaufen. Dazu der afrikaübliche Krimskrams wie Schnitzereien, Masken, Schilde und sogar Ohrpopler aus Silber, aber, wie gesagt, wer will all sowas haben. Sie sind in ganz Afrika der Meinung, daß Silber ein teures Material sei und verlangen Preise wie verrückt. Wir luden den Taxidriver noch zu Kaffee und Kuchen ein, was ich bereute, als er mit der ganz anders abgesprochenen Entlohnung für diese unvergeßliche Tour kam, und dann ließen wir uns wieder im Hotel absetzen. Es ist das gleiche Problem wie fast überall in Afrika, man weiß nicht, was man da soll. Neben dem Sinn des Briefmarkensammelns, wenn man das Sinn nennen will, ergeben sich immer ein paar Erledigungen wie das Besorgen weiterer Visa und die Bestätigung des nächsten Fluges, aber wenn das erledigt ist oder man ins Wochenende rutscht, gibt es nichts, was man tun könnte. Also hingen wir doof rum, lasen, dösten und ließen uns zum Essen in verschiedene Restaurants fahren. Bis der Weiterflug nach Eritrea anstand.

 

Wir hatten die Reise extra so gelegt, daß wir immer noch einen zusätzlichen Werktag für Visa-Geschichten zur Verfügung hatten. Besonders Libyen wurde langsam zum Problem. Ähnlich wie Nigeria haben sie irgendwie keine Lust, einem ein Visum zu geben, ich weiß nicht warum. Erschwerend kommt hinzu, daß diplomatische Vertretungen selten sind und wir wollten uns die bekanntermaßen unangenehme Stadt Kairo ersparen. Schon im Sudan, einem Nachbarland, waren wir bei Gadafis Botschaft, aber dort war der Mann mit dem Visum-Stempel angeblich verreist. Erneut probierten wir es in Addis. Wie die Ägypter arbeiten sie die vier Wochen über Ramadhan nicht einen Handschlag. Es war nicht möglich, selbst mit großzügigem Sonderbonus von 100 US$, den wir anboten, jemand zu überreden, zwei Stempel in die Pässe zu drücken. Wahnsinnig freundlich und immer am Lachen, wir erzählten, unser Flugticket würde verfallen, wenn wir jetzt kein Visum erhalten würden, aber das war auch furchtbar lustig, gleichfalls bedauerlich, aber es ist eben Ramadhan und da kann man einfach nichts machen. Für Djibouti besorgten wir auch noch Visa, in Eritrea brauchen wir ein Neues für Äthiopien, da sie nur Single-Visa ausstellen und wir sonst nicht wieder zurück kommen - diese Beschäftigung hält einen auf Trab und sorgt dafür, daß das Geld in der Tasche nicht alt wird.

 

Ich wollte ein Erfolgserlebnis und ließ den Manager des Hotels antreten um die Parfümangelegenheit zu klären. Wäre nicht sein Problem, sagt er, denn wenn Gäste was kaputt machen, müssen die auch nicht zahlen. "Ist gut", sage ich, "wenn sie das so sehen, schmeiße ich den Fernseher aus dem Fenster." Er nahm es mit Humor und zog es doch vor, uns eine Nacht nicht zu berechnen und alle waren zufrieden. Am Nebentisch in der Lobby war eine Rastatruppe aus USA eingetroffen. Alles Schwarze, aber so unterschiedlich im Habitus zu ihren afrikanischen Kollegen wie es unterschiedlicher nicht sein konnte. Ausgelassen, verkifft, selbstsicher, rebellisch und super drauf, eine Augenweide mit ihren Dreadlocks und bunten Mützen. Schade, daß ich ihre Musik nicht besonders mag, die Interpreten sind sympathisch.

 

ERITREA

 

Als ich formulierte "alles Dreck da oben", war das eine Vermutung, die sich als teilweise vollkommen falsch erweisen sollte. Eritrea ist ein rund herum ansprechendes Land mit angenehmen Menschen, gepflegten Straßen und Häusern, Boulevards mit Straßencafés unter hohen Palmen und optimalem Klima. Sonne, frischer Wind und abends leicht kühl, geht nicht besser. Blühende Hecken, Bäume, Parks und Kolonialbaustil. Wir bedauerten tief, daß der Flugplan uns zwang, nur zwei Tage Aufenthalt zu haben und nicht mehr von dem Land sehen zu können als die Hauptstadt Asmara. Keine 150 Kilometer entfernt liegt das Rote Meer, alles ist preiswert und in Eritrea hätten wir gerne das Wochenende verbracht. Leihwagen mieten, rumfahren, im Meer baden, Seafood essen und so weiter. Die Preise sind ok. Dabei hatten wir noch nicht mal viel Glück. Der Flug war schrecklich. Gerammelt volle Boeing 767, fast nur Schwarze und die Verspätung beim Abflug überstieg die reguläre Flugzeit. Diese innerafrikanischen Flüge sind kein Vergnügen. Nicht zu vergleichen mit Flügen in Europa. Eine permanente Völkerwanderung im Flieger, Handgepäck als zögen sie um, es wird sich über fünf Sitzreihen ausgiebig unterhalten, die Stewardessen kommen kaum durch, es ist höllenlaut, der Service miserabel und der Geruch befremdlich. Selbst Kurzflüge schaffen einen. Für den Andertalbstundenflug brauchten wir vom Betreten des Airports in Addis bis zum Verlassen des Airports in Asmara über sechs Stunden. In Asmara war zu unserer Überraschung das einzige Hotel, welches einigermaßen Standart hat, ausgebucht und wir mußten in ein weniger komfortables. In diesem gab es Räume erster Klasse und zweiter Klasse, die erste Klasse war ebenfalls ausgebucht, so daß wir in einem spartanischen Raum landeten mit Dusche und Klo über’n Gang. Wobei die Dusche nicht funktionierte. Annett, die sonst fast alle Unannehmlichkeiten wegsteckt wie nix, haßt miese Hotels und erholte sich stimmungsmäßig die zwei Tage kaum nennenswert, lief mit ‘ner Fresse rum und maulte leicht. Allerdings unterschritten wir auf diesem Wege unser Budget dramatisch und schauten bei den örtlichen Goldhändlern rein. Tatsächlich kann man in Eritrea günstig Goldschmuck kaufen. Die kleinen Goldschmieden, in denen auch die Einheimischen kaufen, haben feste Kurse per Gramm und Karat. Das ist fair und man kann sich auf Gewicht und Qualität verlassen, da sie ihre eigenen Leute nicht ohne Protest bescheißen können, vielleicht auch gar nicht wollen. So vertrieben wir uns die Zeit und stellten fest, daß Asmara seit urlanger Zeit mal wieder eine Stadt ist, in der man lustvoll abends im dunkeln spazieren gehen kann. Wie in Casablanca, bloß viel kleiner, alle Läden lange geöffnet, keiner kümmert sich um einen, kein Bettler spricht einen an und viele Menschen sitzen in den Cafés oder schlendern umher. Selbst Seitengassen sind völlig gefahrlos zu begehen. Alle sind gepflegt gekleidet, Pärchen Arm in Arm, modische Jugendliche und nicht den Hauch von Aggressivität. Ich merkte erst in diesem fast italienisch anmutenden Flair, wie sehr ich das in Afrika vermißte. Immer dieses in Deckung gehen sobald es dunkel wird und das Spießrutenlaufen zwischen Bettlern, stets auf der Hut sein und immer schauen, daß man nicht in ein Loch fällt oder auf Müll oder Geröll umknickt, es wird zwar Gewohnheit, aber im Kontrast merkten wir, wie sehr es nervt. Wir sahen Touristenbusse mit "Red Sea Beach Resort" Beschriftung, verlockende Plakate des "Tourist-Bureau of Eritrea" und ich ärgerte mich wirklich, mir das alles nicht ansehen zu können. In Eritrea könnte sich ein durchaus empfehlenswertes Urlaubsland verstecken, die Grundvoraussetzungen sind alle gegeben. Die begrenzte Zeit, die wir hatten, war auch noch mehr oder weniger ausgefüllt. Die Briefmarkensachen erledigten wir auf dem Rand, aber die Botschaft von Äthiopien wollte noch mal 100,- DM pro Nase für ein neues Visum haben, damit wir wieder reinkommen um die zwei Tage auf den Anschlußflug nach Djibouti zu warten. Morgens die Pässe abgeben, nachmittags abholen, jedesmal Wartezeiten, dazwischen kann man nichts richtiges anfangen. Eritrea ist eine Abspaltung von Äthiopien und das scheint dem Land sehr gut getan zu haben. Wellcome to Free Eritrea. Es gibt keinen einzigen Sekuritytypen im Stadtbild, keinen, der mit Knüppeln gegen Bettler vorgeht, die Taxifahrer lassen ihre Fahrzeuge unabgeschlossen stehen, bloß vor den Banken sitzen welche mit MP’s, aber das ist in Afrika das normalste der Welt. Dieses Land würde ich mir zu gerne noch mal genauer ansehen. Aber wir flogen nach zwei Tagen zurück, erneut mit knapp zwei Stunden Verspätung, und suchten noch einmal die Libysche Botschaft in Addis Ababa auf, da Ramadan vorbei war. Diesmal war es Freitag, und, das war ja klar, am Freitag wird natürlich nicht gearbeitet. Ich hatte die Durchreise durch Libyen bislang als problemlos betrachtet, nichts Gegenteiliges gehört, und Gadaffi hat die Sache doch im Griff, schon seit ewig, so mein Eindruck. Langsam bekam ich Zweifel, denn bislang war es immer so, daß die Länder, bei denen die Probleme bereits in der Botschaft beginnen, am allerübelesten sind. War nichts zu machen, wir packten wieder zusammen und es ging nach Djibouti.

 

ETHIOPIAN AIRLINES

 

Ethiopian Airlines ist zum hassen ! Die letzte Scheiß-Fluglinie, die schlimmste, mit der wir bislang geflogen sind. Bislang hatten sie es geschafft, die Verspätungen knapp unter der Zwei-Stunden-Grenze zu halten, aber bei dem einstündigen Flug nach Djibouti waren es knapp über vier Stunden. Dafür luden sie die wartenden Fluggäste zu einem Mittagessen ein, ganz nett, könnte man denken, aber es war nur eine weitere Impertinenz. Ein Essen, welches uns den Magen völlig umkremmpelte. Pures Gift. Zu jedem Essen gab es einen Zettel mit der Aufschrift in vier Sprachen "Diese Mahlzeit enthält kein Schweinefleisch", als wenn das so wichtig wäre. "Diese Mahlzeit war vor zwei Wochen schon ungenießbar" oder "Zwei Portionen töten ein Pferd" wäre interessanter gewesen. Auf jeden Fall ging es bei mir zuerst los. Bis in das Taxi in Djibouti ging es gerade noch, lediglich das Bordmenu ließ ich stehen, was ich sonst nie tue. Gerade so weit, daß man nicht ins Flugzeug kotzt. Aber im Taxi dachte ich zu implodieren und die nächsten zwölf Stunden verbrachte ich mehr auf Klo als sonstwo. Ich war am scheißen wie ein Weltmeister, Annett kotze ab, nur unterbrochen von kleinen Ausflügen ins Hotelrestaurant oder in ein Café über die Straße, um etwas trocken Brot und Tee ohne Zucker zu uns zu nehmen. Nie weiter weg als zehn Schritte von der nächsten Toilette. Aber der Anschlag auf den Magen und der Diebstahl von unserer Zeit war nicht alles, was sich Ethiopian Airlines herausnahm, eine besonders gemeine Attacke auf unser Nervenkostüm war auch noch enthalten. Wir durften aus dem Warteraum zusehen, wie unser Flugzeug repariert wurde, und das entmutigte restlos. Zehn Autos parkten um die Maschine, ein paar Schwarzer schraubten an den Düsen herum, viele standen ratlos daneben und brüllten gestikulierend in ihre Funkgeräte, ein Feuerwehrzug stand vorsichtshalber bereit und einer - ich sah es mit eigenen Augen - hatte einen Sitz aus dem Cockpit ausgebaut und werkelte auf dem Rollfeld an ihm rum. Irgendwann hatten sie keine Lust mehr, es ging wohl auf Feierabend zu, und wir durften einsteigen. Wird schon laufen. Ethiopian Airlines wünschte einen guten Flug und würde sich freuen, wenn unsere Wahl erneut auf ihre Gesellschaft fallen würde. Meine Flugangst war wieder da, diesmal begründet, wie ich fand. Nicht aufs Fliegen generell bezogen, aber auf diesen Flug, mit diesem Flugzeug, mit dieser Airline. Selbst Annett, die bis dahin gar nicht wußte, was Flugangst sein könnte, wechselte leicht die Farbe, als mitten im Flug das vertraute Dröhnen der Turbinen aussetzte und die Maschine abwärts zu gleiten schien. Horrormäßig. Da weiß man, wozu Valium gut ist. Lächelnd in den Tod.

 

DJIBOUTI

 

Wir kamen tatsächlich lebend in Djibouti an. Seit zehn Monaten die erste ehemalige Franzokken-Kolonie, wenn man den Abstecher in die Demokratische Republik Kongo mal ausklammert. Ich hatte mir gerade vorgenommen, nicht jedesmal zu erwähnen, daß es keine besonderen Belästigungen gab, da ich vermutete, dies wäre vorbei und eine speziell westafrikanische Variante, aber in Djibouti kam alles Beschissene zusammen. Womit beginne ich ... ? Die Straßen ! Erbärmlich, selbst in der Hauptstadt und wenn sie in der Hauptstadt schon schlecht sind weiß man, wie sie im Land sein müssen. Ruinen, Müll, Bettler, Krüppel, Schutt, Dritte-Welt-Prostitution, Schrottaxis - einfach alles, was eine Stadt abstoßend macht, ist in Djibouti konzentriert. Schwüles Klima, verheerende Geruchskulisse und überall Lärm. Und die Krönung von allem sind die Preise. Die Seychellen sind ein Schnäppchen dagegen. Cola 4,- DM, eine miese Pizza über 20,- DM, ein kleines Sandwich mit Käse für’n Zehner und so weiter. Wir waren heilfroh, daß wir nicht mit dem Auto nach Djibouti gefahren waren und dort eine Verschiffungsmöglichkeit gesucht haben. Der Hafen sah alles andere als kompetent und vertrauenswürdig aus, von dem Preisniveau ganz zu schweigen. Das Positive soll auch erwähnt werden. Man bekommt für 120 US$ die Nacht ein sehr passables Hotel, welches mitten in dem kleinen Zentrum an einem Platz wie eine Oase im Elend liegt. Eine Fluchtburg. Wir hatten schon mehr Geld für schlechtere Unterbringung bezahlt. Um den Platz herum Geschäfte, Bars und Restaurants, die sich zu Fuß erreichen lassen. Die Taxipreise für die Schrottautos liegen deutlich über allem, was ich je erlebt habe. Es gibt von dem Platz ausgehend ein paar Gassen, die noch begehbar sind, aber dann verkommt das Ambiente mit jedem weiteren Schritt weg vom Hotel. Aber selbst die paar Meter aus dem Hotel zu umliegenden Orten sind nicht möglich, ohne in einer Tour angesabbelt und bedrängt zu werden. Selbst beim Essen, sofern man sich nicht in den hintersten Winkel zurück zieht, bieten ambulante Händler ständig alles Mögliche an, vorzugsweise Postkarten und Tiger-Balm. Ein schreckliches Volk, ein heruntergekommener Mist. Djibouti entspricht dem, was ich mir für diesen Ausflug vorgestellt hatte, übertrifft es sogar. Was für ein Unterschied zu Free Eritrea, diesem angenehmen, gepflegten und ruhigen Nachbarland. Und jetzt kommt das Allererstaulichste und Fürchterlichste: Unnormal viele Weiße im Straßenbild.

 

 

In jedem Restaurant, welches wir betraten, um Unsummen für ein bestenfalls durchschnittliches Menu zu bezahlen, saßen an dem Tisch neben uns, hinter uns und vor uns ein paar Forest Gumps und Meister Proppers, die sich in französisch anbrüllten. Sehr erstaunlich, wo sie so viele Idioten überhaupt zusammenrekrutiert haben. Um eine ähnliche Zusammenrottung von geschorenen Schwachköpfen zu treffen muß man sonst nach Rostock zum Heimspiel fahren.

 

Ich sehe es ein, daß es dort, wo es schön ist, bisweilen teuer ist. Seychellen beispielsweise. Ebenso sehe ich ein, daß einige Orte ihre Exclusivität wahren, indem sie durch hohe Preise das Kraut fernhalten. Capri oder Nizza beispielsweise. Aber, daß man in einem Cafe sitzt, mit Blick auf Armut und Müll, umzingelt von einer weißen Verbrecherarmee und affektierten Kolonialisten und für zwei Cola plus liebloses Käsesandwich ohne Butter über dreißig Mark berappen muß, ist unverschämt.

 

Eintausend Dollar ließen wir in den drei Tagen. Darin enthalten an Extras die teuersten Briefmarken der Reise (350,- DM für tausend Stück) und eine Taxifahrt zur Botschaft von Libyen. Diesmal war weder Ramadhan noch Freitag, noch war der Mann mit dem Stempel verreist, aber wir bekamen wieder kein Visum. Wir kamen nicht am Pförtner vorbei, der uns erklärte, daß diese Botschaft generell keine Visa erteilt. Was ist denn bloß los mit Gadafis Leuten ? Nun blieb nur noch Kairo als letzte Chance. Djibouti hat unser Heimweh auf neue Höhen katapultiert. Abbruch oder Aufgabe war natürlich kein Thema mehr, dafür kam es nicht dick genug und wir waren schon zu weit gegangen, aber jetzt war es wieder ein blöder Job, den es möglichst zügig zu erledigen galt.

 

Der Rückflug nach Nairobi barg eine besondere Spannung. Er ging nicht direkt, sondern per Umsteiger und Anschlußflug über Addis. Anderthalb Stunden Aufenthalt, nach unseren bisher gemachten Erfahrungen mit der Pünktlichkeit von Ethiopian Airlines viel zu knapp, als daß es passen könnte. Der Weiterflug allerdings wieder mit der gleichen Firma, das machte Hoffnung, denn da könnte Minus mal Minus direkt einmal Plus ergeben. Die Hauptsorge lastete bei diesen afrikanischen Luftlinien stets auf dem Gepäck. Direktflug, da kann man nicht viel falsch machen, aber umladen von einer Maschine auf die nächste, da lauern Gefahren. Wir versuchten jeweils, es immer nur von einem Airport zum nächsten schicken zu lassen, dann lieber erst wieder in Empfang nehmen und neu einchecken. Dann weiß man wenigstens, an welcher Stelle es gegebenenfalls verloren gegangen ist und kann sofort Nachforschungen starten. Aber manchmal machen die das nicht mit, weil man dafür den Transitbereich verlassen muß und ein Visum benötigt.

 

RÜCKFLUG NACH KENIA

 

Der Rückflugtag war ein absoluter Glückstag. Es fing gleich morgens an, als ich die Hotelrechnung bezahlte. Sieben Uhr morgens ist früh, der Kassierer noch nicht richtig wach, und er vergißt den Grundbetrag der Übernachtung mit der Anzahl der Tage zu multiplizieren. Wir zahlten nur eine Übernachtung, machten, daß wir weg kamen und waren so zwei Stunden vor Abflug noch im Besitz von 360 US$, allerdings in Landeswährung. Banken in der Stadt hatten noch nicht auf, am Flughafen bestand keine Möglichkeit zu wechseln und außerhalb Djiboutis will keiner Djibouti-Francs sehen. So gelang es uns nicht, die Kosten zu dämpfen, aber wir hatten Glück, daß sie im Duty-Free Bereich immerhin ihre Landeswährung akzeptierten, absolut nicht selbstverständlich, und kamen so noch in den Besitz eines Dupont-Feuerzeuges. Nettes Abschiedsgeschenk, so muß man es wohl sehen, und wir waren gut gelaunt. Ethiopian Airlines wuchs über sich selbst hinaus und flog einmal auf die Minute pünktlich, so daß wir keinen Streß mit dem Anschlußflieger hatten. Selbst dieser hatte weniger als eine Stunde Verspätung. Wir konnten die Stewardeß überreden, uns den neusten SPIEGEL aus der ersten Klasse zu besorgen, das direkt durchgecheckte Gepäck erschien in Nairobi auf dem Laufband, in der Stadt schien die Sonne und wir sahen sie erstmals ohne Pfützen. Als wir wieder in unseren Stammhaus ankamen waren alle nett und freundlich, wir hatten effektiv gearbeitet und waren so zufrieden, wie man sich zufrieden fühlen kann, wenn man in Nairobi ankommt. Zwei Erledingungstage noch in Sachen Visa und Versicherungen, und dann stand das letzte Land vor der Verschiffung an: Uganda.

 

Am Morgen der Weiterreise erlebten wir in unserem kleinen Hotel noch einen afrikanischen Krimi live. Ein Gast schlug Alarm und meldete, daß in seinem Zimmer eingebrochen wurde und sein Aktenkoffer gestohlen sei. Im Koffer waren neben wichtigen persönlichen Dokumenten ca. 6.000,- DM in Dollar und Kenia Shilling. Der Besitzer des Hotels wies die Wachleute an, keinen mehr raus oder rein zu lassen, bevor die Polizei nicht eingetroffen sei. Eine erste, durch das Hotelpersonal vorgenommene Durchsuchung aller Räume bis auf die Gästezimmer brachte den aufgeknackten und um das Geld erleichterten Aktenkoffer zum Vorschein, er lag auf einer Toilette. Das ist ein normaler Kriminalfall, bis dahin, jetzt kommt das afrikanische Moment. Das Hotel ist unter indischer Leitung und wird so gut wie ausschließlich von Indern besucht. Es gab neben uns beiden ungefähr zwanzig indische Gäste und einen einzigen Schwarzer als Gast. Das afrikanische daran ist, daß der Fall mit dieser Information als aufgeklärt betrachtet werden kann. Die Polizei kam mit Trenchcoats, Helmen, Knüppeln und Funkgeräten, man erklärte ihr die Zusammensetzung der Gäste und sie begann umgehend mit der Durchsuchung des Zimmers und der Person des Schwarzers. Und fand natürlich prompt das Geld, in den Taschen des Herren, die Dollars, die Shillings, alles wieder da. Er behauptete, jede Beweislage ignorierend, es wäre sein Geld, dafür gab es vom Oberbullen einen Hieb mit dem Knüppel und eine rüde Verfrachtung aufs Bullenrevier. Später kam heraus, daß der Schwarzer noch versucht hatte, das Geld dem Hauskellner zur Aufbewahrung zu übergeben, als er merkte, daß die Schmiere im Haus ist und er nicht mehr weg kam, aber der hat abgelehnt und ihn natürlich, mit leichter Verzögerung, bei seiner Chefin verzinkt. Allerdings etwas zu spät, wie sie meinte, und er bekam auch ein paar Schläge, damit er beim nächsten Fall nicht erst lange nachdenkt und grübelt. Ist es wirklich so, daß Schwarzer so schwarz sind, damit man sie erkennt ? Scheint bald so. Die Schwarzen Polizisten glaubten das jedenfalls auch - und hatten recht.

 

Wir fuhren dann los, kauften noch Vorräte ein und hatten sogar etwas Lust, mal wieder durch die Landschaft zu rollen, Musik hören, Campingplätze suchen, im Auto frühstücken und Leute zu treffen. Nach einer guten halben Stunde jedoch waren wir so bedient, daß wir ernsthaft überlegten, ob wir nicht besser umkehren und auch diesen Weg mit dem Flugzeug machen. Die Straßen in Kenia spotten jeder Beschreibung. Wir fuhren die eine große Straße, die es überhaupt nur gibt, die Mombasa mit Nairobi und Kampala verbindet, nicht etwa Schleichwege oder Abkürzungen. Sie sind, über alles gerechnet, die schlimmsten in Afrika. Es gibt ausgebesserte Abschnitte, die besser sind als die schlechtesten Abschnitte in beispielsweise Zaire, aber das ist die Ausnahme. Man merkt, daß es alles mal schöne Straßen gewesen sein müssen, vielleicht vor zwanzig Jahren, bevor Mr. Moi die Sache mit den Schweizer Auslandskonten entdeckt hat, aber seit dem hat augenscheinlich kein Mensch mehr was repariert. Teilweise ist die ehemalige Straße vollkommen verschwunden, nicht einmal mehr Spuren sind zu finden, dann wieder trifft man hier und dort auf verbundene Aspaltplacken, Riesenlöcher, aus Not entstandene Nebenstrecken, die von den zahlreichen Lkws und Bussen aufs übelste ausgefurcht sind und alles, was man sich vorstellen kann. Sie haben jeden miesen, straßenbaulichen Trick drauf. Auf Serpentinen wird weitestgehend verzichtet, die Straßen führen steil über Hügel und Berge. Die chronisch überladenen Schwertransporter kommen da nur im Schrittempo hoch, überholt wird in jeder Situation, Autowracks, liegengebliebene Fahrzeuge, alles lang da. "Runter wie ein Däne, rauf wie ein Rumäne", alter europäischer Fernfahrerschnack. Bergab bremsen die Lastzüge und schieben dabei die Aspaltdecke in großen Wellen und Bögen zusammen, so daß man nicht nur Slalom um die Löcher fährt, sondern auch noch schlingert wie wild. Nicht alle schaffen die Kurven, viele kacheln in die Botanik, kippen um und bleiben dort liegen, wo sie gestrandet sind. Wer Spaß an umgekippten Lkws hat, für den lohnt sich die Strecke. Der Gegenverkehr kommt im Zick-Zack entgegen gewackelt und gehoppelt, sich dabei auf allen Spuren überholend, manchmal nur als große Staubwolke zu erkennen, da gerne so gedrängelt wird, daß die linken Reifen nicht mehr auf der Fahrspur sind sondern durch den dicken Staub mangeln. Wir wunderten uns, daß es nicht noch mehr Tote gibt als ohnehin täglich anfallen. Diese absolut wahnsinnige Art Auto zu fahren hat meines Erachtens auch etwas mit mangelndem Respekt zu tun, vorm eigenen Leben und vor dem des Anderen. Ich dachte eine Weile, es wäre einfache Dummheit, aber das stimmt nicht. Dummheit kommt durch, wenn man genau weiß, daß bei der Essensbestellung entweder der erste oder letzte Auftrag in Erinnerung bleibt, der Rest aber auf dem Weg zur Küche in Vergessenheit gerät. Aber daran haben wir uns lange gewöhnt. Wir bestellen halt ein Teil nach dem nächsten, dafür muß der Ober etwas häufiger laufen, aber das müßte er sowieso. Stört auch niemanden. Es mag auch Dummheit sein, wenn ein entgegenkommendes Fahrzeug ausschert um die Lage zu peilen, sieht, daß wir gerade auf der Spur fahren, aber der Fahrer es nicht hinbekommt, aus dem, was er gesehen hat, den Schluß zu ziehen, daß er besser nicht überholt. Aber völlig sorglos irgendwo und irgendwie zu fahren, egal was dabei rauskommt, Hauptsache es geht schnell, das ist mit Dummheit allein nicht zu schaffen, das ist Respektmangel. Die Nile-Brauerei hat Schilder an der Straße aufgestellt, auf denen steht "We need you alive". Wirklich ?! Es gibt kurze Stücke, die frisch gemacht sind, wenige, aber es gibt sie. Aber da sie es anscheinend einfach nicht mögen, daß ein Fahrzeug ruhig geradeaus läuft ohne zu vibrieren und zu rütteln, haben sie an jedem dicken Baum "Speed-Bumps" und "Rumble-Strips" eingebaut. Nicht so angedeutet, damit man auf ein Hindernis aufmerksam wird oder so, sondern als Fahrwerkskiller konstruiert, wie Bordsteine, aber quer über die Fahrbahn, immer mehrere hintereinander. Are you ready to rumble ?

 

Wir fuhren stundenlang im ersten, bestenfalls mal im zweiten Gang, mit Tempo 10 - 20 km/h. Durchgerüttelt und durchgeschüttelt und das ganze Auto eingestaubt bis in den letzten Winkel. Das Schlimme ist, daß dies nicht sein muß. Kenia hat genug Industrie und Wirtschaft und Steuereinnahmen um einen vernünftigen Straßenbau zu betreiben, aber nicht mehr lange. So kann keiner Geld verdienen, der im entferntesten am Transport über die Straße hängt. Und letztlich tut das so gut wie jeder. Weder der Spediteur kann zu vernünftigen Preisen arbeiten, keiner kann einen Termin halten, laufend gibt es Transportschäden, Busunternehmen müssen an den Reparaturkosten pleite gehen, diese Aufzählung hat kein natürliches Ende. In den nächsten fünf Jahren mit Moi ist mit staatlichen Investitionen nicht zu rechnen, da er so wie so nicht wieder gewählt werden kann. Es gibt also nicht den geringsten Anlaß, Staatsgelder, die viel besser bei ihm selbst oder seiner Familie aufgehoben sind, im letzten Moment noch für solchen Unsinn wie Straßenbau zum Fenster hinaus zu werfen. Es sei denn ein Verwandter von Funny Danny macht eine Straßenbaufirma auf, es wäre dem Land zu wünschen.

 

Daß es in Kenia trotz allem irgendwie aushaltbar ist, liegt zum Einen daran, daß es ihnen einmal bedeutend besser ging und noch nicht alles erledigt ist. Einkaufsmöglichkeiten vom Feinsten, viele Restaurants und Übernachtungs-möglichkeiten, Tankstellen und so weiter, das alles steht ja noch. Zum Anderen ist es die bemerkenswerte und offene Freundlichkeit fast aller Kenianer, die uns den Aufenthalt als für Afrika überwiegend angenehm empfinden ließ.

 

Es soll sogar Campingplätze geben, aber jeweils einige Kilometer abseits der Hauptstraße, und es führen nur Sandwege mit Geröll und Festfahrmöglichkeit zu ihnen. Die Reise ging dem Ende zu, es lagen nur noch gute eintausend Kilometer auf schwarzafrikanischem Gebiet vor uns, und wir hatten keinen Bock mehr, uns und das Fahrzeug noch unnötig zu quälen um an der Übernachtung zu sparen. Außerdem wurde ein summendes, drehzahlabhängiges Nebengeräusch aus dem Motor ständig lauter, seit wir bei Benz-Nairobi einen an die Lichtmachine ließen. Wir blieben bei Hotels, die groß, hell und bewacht waren und direkt an der Straße lagen. Wir konnten auch immer durchsetzen, daß wir den Tarif für "Residents" bezahlten und nicht den doppelt so hohen für "Non-Residents". Die ausbleibenden Touristenströme machten es möglich. Das hat uns gefreut, nicht nur der Einsparung halber, sondern des eingetretenen Effektes wegen, daß es endlich zu Umsatzrückgängen geführt hat, wenn man die Dreistigkeit besitzt seinen ausländischen Gästen den zweifachen Preis zu berechnen. Obwohl, dies ist nicht der entscheidende Punkt für rückläufige Touristenzahlen. Aber es kommt Eines zum Anderen. Übrigens überquerten wir an diesem Tage erstmals per Auto den Äquator, und, wer hätte das gedacht, es ist nichts besonderes, es gibt nicht einmal ein Schild.

 

UGANDA

 

Kein allzu großer Unterschied zu Kenia. Die Straßenzustände ebenfalls unerfreulich, nur die negativen Spitzenwerte fallen weg. Landschaftlich und von den Menschen her ebenfalls nah beieinander. Weltweit führend an Aidskranken, von 60% der Gesamtbevölkerung wird gesprochen, und es gibt Berggorillas. Mit beidem hatten wir keinen Kontakt. Aidskranke sieht man (noch) nicht im Straßenbild, und zu den Berggorillas muß man lange laufen und kraxeln und viel Geld bezahlen. Lohnt sich auch nicht, denn wenn man in Uganda durch die Dörfer fährt und die Bewohner an der Straße sitzen sieht, wie sie auf einem Zuckerrohr rumgniedeln, dann fragt man sich unweigerlich, was ein Berggorilla einem da noch bieten kann. Darwin hatte recht, ganz unzweifelhaft, und wenn es dafür nach den tanzanischen Busfahrern noch eines weiteren Beweises bedurft haben sollte, dann findet man ihn in den Dörfern von Uganda. Idi Amin, noch in Erinnerung !? Franz-Joseph Strauß wurde seinerzeit von einer Zeitung mal Idi Alpin genannt, das finde ich jetzt, nachdem ich Uganda bereist habe, noch treffender und lustiger als damals.

 

Das Land hat einfach zuviel hinter sich, eben auch und gerade durch diesen Herrn Amin, dauernd Aufruhr und Unruhen und das seit Jahrzehnten, und hat sich davon noch nicht wieder richtig erholt. Es kann nicht auf vergangene, goldene Zeiten zurückblicken wie Kenia, daher ist alles sehr ärmlich und verwahrlost. Noch liegt der Lebensstandard in Kenia deutlich höher, aber wenn es dort weiter bergab geht und sich Uganda noch ein bißchen entwickelt, werden die beiden Länder bald nicht mehr zu unterscheiden sein.

 

Wir fuhren in die erste große Stadt, suchten vergeblich den im Reiseführer erwähnten "schönen, neuen und sauberen Campingplatz direkt am Ufer des Nils" und landeten wieder in einem Hotel. Wenn man drei Wochen Urlaub in Uganda macht, so kann ich mir vorstellen, daß es akzeptabel und exotisch ist, ein wenig über schlechte Straßen und durch halbverfallenen Städte ohne bessere Einkaufsmöglichkeiten zu fahren. Dann ist es auch egal, daß der Liter Diesel einen Dollar kostet. Das Hotel war einfach und in Ordnung, es gab eine Terrasse mit Blick auf den Victoria-See, auf der wir zum Sonnenuntergang saßen und einen Drink zu uns nahmen. Wenn es nicht gerade wie in den Tropen üblich aus Eimern schüttete. Das Essen war auch ok. Fernseher übertrugen Fußballspiele vom African-Nations-Cup, viele Raubvögel und riesige Marabus flogen herum - aber uns begeisterte das alles nicht übermäßig. Die innere Ruhe war weg, wir wollten raus aus Afrika, weiter gen Norden, und so erledigten wir so zügig wie möglich die Briefmarken und machten uns auf den Weg nach Mombasa. Vier Tage fahren, das ist nicht so dramatisch, also am besten gleich damit anfangen. Wir begannen auch schon wieder, uns über Kleinigkeiten aufzuregen, wie wir es letztes Jahr am Ende des ersten Abschnitts in Westafrika taten. So riß die Putzfrau das Kabel des Ventilators raus, während sie die Betten machte. Kann passieren, aber sie ließ die beiden abisolierten Kabelenden unter Strom genau vor meinem Bett liegen. Nicht ihr Verdienst, daß ich zufällig nicht draufgetreten bin. Damit war der Ventilator außer Betrieb, und natürlich kommt keiner auf die Idee, den von sich aus zu reparieren oder auszutauschen. Ich beschwere mich, verlange einen anderen, und bekomme den auch. Er wurde ausgetauscht aus einem Zimmer, welches gerade nicht belegt war und da wurde der kaputte reingestellt. Das ist doch Mist. Der nächste Gast wird sich auch beschweren, dann wird wieder getauscht, anstatt sich hinzusetzen und den Defekten zu reparieren oder ihn wenigstens beiseite zu stellen. Aber das ist Afrika, und wenn man beginnt, sich über solche Lappalien zu erregen, dann ist es höchste Zeit zu verschwinden.

 

Aber ganz so einfach war das nicht. In Jinja, der zweitgrößten Stadt des Landes, gab es keine Briefmarken in ausreichender Stückzahl. Wenigstens keine billigen. Wir hätten alle Bestände aufkaufen müssen und das hätte über 500,- DM gekostet. Also fuhren wir schnell die 80 Kilometer nach Mombasa, besorgten die Marken dort und sparten über 400,- DM. Dafür kann man schon mal ein paar Stunden fahren. Es sei kurz erwähnt: Kampala muß man nicht gesehen haben. Vor dem Postamt trafen wir zwei Radfahrer aus Bremen. Mir fiel spontan keine bessere Begrüßung ein als "seid ihr verrückt ?", wurde mir erst später bewußt. Sie hatten sich mit dem Flugzeug bis Nairobi bringen lassen und waren unterwegs über Uganda, dann durch Ruanda bis nach Tanzania. Dafür fehlt mir nun jedes Verständnis. Durch dieses schwülheiße Scheißklima mit heftigen Regenfällen, immer nur über Berge hochstrampeln, sich einen Wolf holen, nachts per Zelt in die Büsche wo die Schlangen und Spinnen sind, keinen ausreichenden Proviant transportieren können und mitten durch die Krisengebiete. Ein Pärchen wie wir, altersmäßig, und als wir erzählten, daß Ruanda etwas heikel werden könnte, bekamen wir folgende Antwort: "Wir sind in Kenia auch durch das Krisengebiet geradelt, wo gerade diese Mordserien an der Dorfbevölkerung stattgefunden haben. Man merkte es schon, komische Stimmung irgendwie und alle Geschäfte geschlossen, aber das geht uns ja eigentlich nichts an." Da hat er recht, "eigentlich" geht uns das nichts an. "Es ist wie ein Fünfer im Lotto, daß einem dort etwas zustößt", ergänzte er noch, aber das kann doch kein Argument für eine Urlaubsplanung sein, dann nehme ich doch lieber den Fünfer im Lotto. Vielleicht auch nur wie ein Vierer im Lotto, oder wie ein Dreier. Was ist das ? Blauäugigkeit, Unwissenheit, falsche Vorstellungen, Doofheit ? Aber einen doofen Eindruck machten die beiden nicht. Oder einfach nur eine andere Bewertung, was schön ist und was nicht ? Oder sind wir doch zu ängstlich ? Toller Urlaub auf jeden Fall. Ich werde sowas nie nachvollziehen können. Wie jemand, der sich im Puff für ‘nen Tausender auspeitschen läßt. Da kann ich auch nicht nachvollziehen, was daran angenehm sein soll.

 

Und wir trafen noch mehr Leute. Im Hotel liefen wir einem deutschen Arzt über’n Weg, der Praxisseminare vor Ort über Tropenkrankheiten abhält. Nachdem wir uns gegenseitig über unsere Tätigkeiten unterrichtet hatten, fragte er: "Und, sagt mal, seid ihr überhaupt interessiert an den Ländern oder hakt ihr sie nur so ab ?" Oh, diese Frage ! Ich will nicht behaupten, daß sie unberechtigt wäre, aber sie nervt, gerade, weil sie nicht unberechtigt ist. Was sollen wir da antworten. "Ja schon, irgendwie, aber anderseits auch nicht besonders, wenigstens nicht immer, wie man’s nimmt." Für Leute, die einem eine solche Frage stellen, ist diese Antwort fast beleidigend und wir merkten, daß wir bei ihm unten durch waren. "Das würde ich nicht machen, was ihr da treibt. Absolute Reizüberflutung, bringt doch nichts." Und so weiter. Er hat je auf seine Art recht, er wußte auch von der überlegenen Kultur der Westafrikaner zu berichten die uns verborgen blieb, erkannte, daß die Menschen in Kenia, die uns bislang nicht schlecht gefielen, ganz arme Schweine sind und vollkommen erniedrigt. "Sie haben ihre Sprache verloren, ihre Kultur, sieht man schon daran, daß sie keine afrikanische Kleidung mehr tragen. Völlig am Ende, alles verloren, keine eigene Identität mehr. Dagegen in Westafrika, diese Kultur ..." Wir waren ein bißchen irritiert, denn ein wenig wie die Bauern bereisen wir Afrika tatsächlich, aus der Sicht eines multikulturell interessierten Intellektuellen allemal. Er schrieb auch ein Buch. "Für zwölf Leser", hab ich mir gedacht, mit Hintergründen, Fakten, Analysen, Perspektiven, Entwicklungen und allem drum und dran. Eine interessante Begegnung, aber keine allzu aufbauende. Wir übergaben ihm alle unsere Medikamente, die wir wohl nicht mehr brauchen werden und so werden diese wenigstens zweckmäßig und nutzbringend verwandt.

 

Auf der Rückfahrt am nächsten Tag überholte uns ein motorradfahrendes Pärchen. Wir hielten zu einer gemeinsamen Pinkelpause an. Wieder Landsleute, seit neun Monaten unterwegs, und diese Begegnung war unserem Niveau angemessener und sehr typisch. Unter Deutschen herrscht Vorsicht, wenn es darum geht, kritisches über Afrika zu berichten. Alle, die etwa enttäuscht oder sogar verschrocken sind, halten sich erst einmal bedeckt. Wollen nicht gleich in die Kritik geraten, was für eine falsche Sichtweise sie haben "Und, wie hat es euch bisher gefallen ?" "Och, naja, wir wollen jetzt eigentlich nach Hause." "Zeit abgelaufen oder warum ?" "Zeit, nee, hätten wir noch. Aber soviel Regen die letzten Wochen. Und überhaupt ..." "Wie überhaupt ?" "Naja, die Leute sind ja ganz nett, meistens, aber nach so langer Zeit ..." In diesem Stil plätschert das Gespräch dahin, bis einer anfängt und sagt "Aber die Busfahrer in Tanzania, das sind Wahnsinnige, oder nicht ?" Dann ist der Damm gebrochen. Ein Gesinnungsfreund ! "Natürlich sind die Busfahrer in Tanzania Wahnsinnige, aber nicht nur die. Was wir hier erleben mußten, oder dort, das glaubt ihr nicht." Und dann sprudeln die Geschichten, von denen dieses Buch voll ist, und wir fühlten uns wieder etwas bestätigt. Ihnen war der kulturelle Hintergrund auch egal, wenn sie beklaut oder betrogen wurden, ewig schikanöse Wartezeiten erlebten oder in einer Tour mit ihren Motorrädern von der Straße gedrängt werden. Es langte ihnen, ihre Gefühlswelt war nahe der unseren. Drei Monate Afrika, das war ihre Empfindung, ist eine feine Sache, aber alles darüber hinaus besser nicht. Nachdem wir ausgepißt hatten, trennen sich unsere Wege wieder.

 

Direkt nach der Grenze, wieder in Kenia, stand ein weißer Tramper mit Rucksack an der Straße. Wir nahmen ihn mit. Aus Irland, seit über Anderthalb Jahren in Afrika unterwegs, und immer noch gut gelaunt. Low Budget, sein Wochensatz lag bei 150,- DM und er war noch lange nicht auf dem Heimweg. Er hatte noch tausend Englische Pfund. Viele Strecken war er per öffentlichen Bussen gefahren und er freute sich jedesmal, wenn wir einen Bus überholten, der mit einer Panne am Straßengraben stand. Er haßte die Busse. Aber das alles störte ihn nicht übermäßig, er war gerade auf dem Weg an die Küste um zu baden und sich vom indischen Ozean zu verabschieden, bevor er durch Äthiopien nach Eritrea weiter fahren wollte. Es störte ihn auch nicht, als wir abends vor einem Hotel stoppten, welches seine finanziellen Mittel überstieg und wir ihm sagten, daß jetzt Schluß sei. Wir boten ihm an, uns morgens um halb zehn im Hotel auf ein Frühstück abzuholen und weiter mit uns zu fahren. Er nahm seine Sachen, lehnte ab, daß wir ihn noch zu einem billigeren Hotel fuhren, und stiefelte gut gelaunt los, sich irgendein Wanzenloch zu suchen. Von ihm erfuhren wir, daß man die Berggorillas auch weniger aufwendig besuchen kann. Eine Stunde laufen, und dann trifft man sie und kann sich bis auf einen Meter an sie nähern. Er war hin und weg und wir ärgerten uns, das nicht gemacht zu haben. Blöde Fehlinformation aus dem Deutschen Fernsehen. Wir sahen einen Bericht, wie eine Gruppe mit Zelten und Träger in die Berge wanderte, um nach unendlich strapaziösen Stunden in der schwülen, dünnen Bergluft endlich auf ein paar Berggorillas zu treffen. Daher nahmen wir an, das wäre nichts für uns. Und ausgerechnet Gorillas. Im Amsterdamer Zoo haben sie die beeindruckendsten Gorillas die wir je in Gefangenschaft sahen. Der sehr geräumige Käfig - ist eigentlich gar kein Käfig - besteht aus Panzerglas, so gebaut, daß die Dicke des Glases nicht zu empfinden ist. Man kann auf einer Bank davor sitzen und die Gorillas sind direkt vor einem und gehen ihrem Alltag nach. Zooalltag, aber immerhin. Wir saßen dort stundenlang und schauten ihnen zu, diese Tiere sind extrem beeindruckend. Jetzt, wo ich empfinden kann, welch ein Unterschied zwischen einem Zoo und der freien Wildbahn ist, bedauerte ich es ungemein, dieses Erlebnis versäumt zu haben. Naja, nun war es zu spät.

 

Am nächsten morgen kam John aus Irland uns zum Frühstück besuchen und er begleitete uns die nächsten zwei Tage bis Mombasa.

 

Bis Nairobi lief alles wie gewöhnlich, dort allerdings erstickte die Stadt im Verkehrschaos. So hatten wir es noch nicht erlebt. Der Grund war eine große Demonstration gegen Morde an der Dorfbevölkerung in der Gegend, durch die wir gerade gefahren waren und von der auch die Radfahrer sprachen. Der Hintergrund ist der, daß in dem Distrikt eine Opposition zu Mr. Moi ausgemacht wurde, anhand der Wahlzettel, und diesem aufmüpfigen Stamm wurde gerade eine Lektion in afrikanischer Demokratie verpaßt. Nachts wurden mehrere Dörfer überfallen und die Bewohner erschossen. Das ging schon mehrere Wochen so. In dem Gebiet gab es schon Flüchtlinge, die sich in Schulen und Kirchen gerettet haben und auch die Kirche war es, die nicht nur den Mut hatte diese Demonstration zu organisieren, sondern auch offen die Regierung als Verantwortliche dieser Mordkommandos benannte. So widerlich der Papst auch rüberkommt und so blödsinnig sie mit ihren Bibel-übersetzungen bisweilen wirken, so sind sie doch in der Dritten Welt manchmal echte Helden. Wie in Südamerika auch. Ohne Rücksicht auf Konsequenzen, die nicht selten Ermordung bedeuten, stellen sie sich an die Spitze der Opposition und des Widerstandes. Dafür haben sie Hochachtung verdient. Moi selbst reiste derweil durch die betroffenen Gebiete und schimpfte auf die Mörder, die er in moslemischen Kreisen vermutete und ethnisch-religöse Gründe für die Massaker nannte. Das paßt immer. Uns wurde der Boden langsam zu heiß und wir zogen es vor, nicht, wie vorgesehen, in Nairobi zu übernachten, sondern fünfzig Kilometer weiter zu fahren und dort ein Hotel zu suchen. Dann haben wir diesen Streß schon mal hinter uns.

 

Um John nicht übermäßig zu diskriminieren, einigten wir uns auf ein Mittelklassehotel und übernahmen die Differenz zu seinem üblichen Übernachtungspreis. Er war von dem Hotel sehr angetan, er meinte, es wäre mal wieder schön, in einem Raum zu schlafen, in dem man die Wände nicht riecht, für uns war es genau das, was wir eigentlich nicht mehr haben wollten. Wir nahmen den teuersten Raum, den einzigen mit Klo und Dusche, aber nichts von beidem führte Wasser. Wir tranken noch zu dritt ein paar Cola und aßen ein Sandwich, als der Kellner kam, eine Flüssigkeit auf den Tisch goß und sie verrieb. Wir fragten, was das sei, weil es erbärmlich stank, und er sagte ganz trocken: "Diesel, gegen die Fliegen." Uns fiel nichts mehr ein. Was soll man sagen, wenn der Kellner einem den Eßtisch mit Diesel einreibt ? Als wir uns schlafen legen wollten, recht früh, denn der nächste Tag sollte ein anstrengender werden, drangen bedenkliche Geräusche an unsere Ohren. Erbärmliche Schreie, Gewimmer, und sehr nah. Annett vermutete eine sexuelle Verrichtung, schwarze Riten oder sowas, und ich machte den Fehler, aus dem Fenster zu sehen. Keine zwei Meter entfernt machten sich zwei Mann mit Äxten über ein Huftier her. Ich konnte nicht mehr erkennen, was für eines es war, denn sie hatten es schon reichlich verdorben. Nachdem sie es totgeschlagen hatten, schlitzten sie es lang auf, nahmen es aus, wateten in Blut und begannen, es in kleine Teile zu zerlegen. Wie gesagt, keine zwei Meter vor unserem Parterrefenster. Abendessen gespart. Es ist leicht, in Afrika Vegetarier zu werden. Irgendwann waren sie fertig und wir schliefen ein.

 

HIGHWAY TO HELL

 

Am nächsten morgen starteten wir früh, denn jetzt kam der Highway To Hell, korrekt: Der Mombasa-Highway. Alles lesen und hören über diese Strecke nützt nichts, man muß ihn gefahren sein. Unvorstellbar ! Wir haben viele schlechte Straßen befahren, in Cameroon, Zaire, Senegal und so weiter, aber es waren immer unwichtige Straßen. Wege zu kleinen Grenzübergängen, Abkürzungen, Nebenstrecken, auf denen pro Woche 10 Lkws fahren. Und meist sahen wir auf den ganz üblen Abschnitten mal eine Baumaschine wenigstens rumstehen oder zumindest, daß Schlaglöcher mit weißer Farbe markiert und numeriert waren. Ein Hinweis, daß sich irgendwer mit dieser Sache befaßt. Nichts davon in Kenia. Diese Straße ist die einzige Strecke zwischen dem Hafen und Nairobi, zwischen ihren einzigen beiden, nennenswerten Städten. Schwerlastverkehr und Busse ohne Ende. Der Mombasa-Highway ist einspurig. Irgendwann war er mal zweispurig angelegt, aber mittlerweile ist er zusammen-geschrumpft auf bestenfalls einspurig. Diese eine Spur ist eine Aneinanderreihung von Teerresten, Gerümpel, Bodenunebenheiten und Schlaglöchern, bis 50 Zentimeter tief und bis zu 4 Meter Durchmesser. Eine Mischung aus Mondlandschaft und 15. Jahrhundert. Überholen ist daher so gut wie unmöglich. Es darf keiner entgegen kommen, die Straße muß breit genug sein und es darf auf dem Stück, welches man zum Überholen braucht, kein Schlagloch sein. Diese drei Bedingungen treffen selten zusammen. Ständig hat man einen Lkw vor sich, der schwarze Rauchwolken ausstößt. Die Straße selbst wird nicht als Straße benutzt, sondern dient hauptsächlich als richtungsmäßige Orientierung. Es wird links der Straße gefahren oder rechts, manchmal auch auf ihr, eben dort, wo es eben gerade noch geht. Gerast wird nicht mehr, das ist technisch nicht durchführbar. Teilweise sieht der Weg aus wie Kopfsteinpflaster, bloß nicht verlegt, sondern einfach hingekippt. Tempo 30 ist Schnitt, höchstens. Alle Näslang liegt ein LKW oder ein Bus auf der Seite, Pannen in einer Tour. Überall stehen Lkws am Rand mit Reifenpannen, ohne Scheiben, Motorschäden, Achsenbrüchen, alles geht in die Grütze auf diesem Highway. Materialschlacht. Die Fahrer stehen dann hilflos und alleine gelassen da und betteln die Vorbeifahrenden nach Wasser an, wir verschenkten unseren gesamten Mineralwasservorrat. Grauenhafte Zustände. Jeder, der diesen Weg machen muß, fährt so rücksichtsvoll er kann. Wenn jemand entgegen kommt, wird gewartet, bis der sich durch die Krater durchgearbeitet hat, der bedankt sich, und dann versucht man selber sein Glück. Sehr solidarisches Verhalten, es spricht für die an Kummer gewöhnten Menschen in Kenia. Es kommt auf die Minute nicht mehr an. Auch nicht auf zehn Minuten. Für uns, die wir diesen Wahnsinn einmal im Leben machen müssen, mag es noch angehen. Bei hochkonzentrierter Fahrweise kommt man irgendwann durch, man fährt sich nicht fest, setzt nur ab und an krachend auf, und wenn man den Wagen auf die Seite legt, ist dem ein Fahrfehler voraus gegangen. Wir waren heilfroh, daß wir den Ölwannenschutz drunter hatten. Aber die Berufsfahrer, die armen Schweine, die machen irgendwann einen Fahrfehler, irgendwann kommt die Situation, wo ein Loch zehn Zentimeter zu tief ist und er fünf Zentimeter zu weit links gefahren ist und der eine Sack Zement ein Stück zu dicht am Fahrerhaus lag und dann rutscht was weg und die Kiste kippt um. Ein Alptraum. Wir sahen einen umgekippten Tanklaster, an dem sich Leute bereits mit Ästen und Zweigen einen kleinen Unterstand gezimmert hatten und einen sehr dürftigen Werkzeugservice betrieben. Mehr oder weniger hatten sie nur zwei Hämmer und einen Wagenheber. Das geht so über 350 km, nur die jeweils letzten Kilometer vor den Städten sind etwas besser, im Dritten, stellenweise sogar im vierten Gang zu befahren. Der Rest erinnert an den Nouâdibou-Highway in Mauretanien (Insiderscherz). Für die 350 harten Kilometer brauchten wir zwölf Stunden. Es gibt Stücke, da ist die Straße einen knappen Meter unter Wasser. Das ist nicht gerade wenig. Pkws sind vollgelaufen, den Lkws reicht das Wasser bis über die Reifen. Auch die überschwemmten Stücke haben natürlich Schlaglöcher, und wenn das Wasser eh schon bis an die Tür kommt, sind weitere 50 Zentimeter für ein Schlagloch dramatisch. Folglich bieten sich Leute an vor dem Fahrzeug durch das trübe fließende Wasser zu laufen um die Spur zu zeigen und verlangen dafür ein paar Mark. Ein irres Bild, wenn vor einem drei Mann bis zum Oberschenkel weg vorm Kühler halb rennen, halb paddeln und dabei winken. Es gibt eine Behelfsbrücke aus Holz, vom Militär schnell errichtet, über die es nur einzeln geht. Aber es sind nicht diese Extreme, es ist das Gesamtbild, welches wütend macht. Die Überflutungen sind tatsächlich eine Folge der heftigen Regenfälle wie auch weggeschmemmte Brücken. Es handelt sich um Flüsse, die es erst seit ein paar Tagen gab. Der gestiegene Grundwasserspiegel hat diese vormals unterirdisch fließenden Gewässer ans Tageslicht befördert, ein Segen für den Landstrich, der eigentlich ein Dürregebiet ist. Sie haben noch nicht einmal einen Namen. Den dort ansässigen Menschen wird es zukünftig besser gehen. Der Regierung kommen diese Regenfälle wie gerufen, denn jetzt ist der Schuldige für den Straßenzustand gefunden. Der schwere Regen hat die Straße bestimmt nicht besser gemacht, das ist klar, aber für den traurigen Zustand über die gesamte Strecke ist er ebensowenig verantwortlich. Und es hat sich sogar schon ein besonders gutgläubiges Land gefunden, welches diese Version glaubt und Unterstützung zugesagt hat: Die Bundesrepublik Deutschland. Hoffentlich sind sie so schlau und schicken kein Geld sondern Straßenbautrupps, denn andernfalls können sie es eben so gut lassen

 

Ich wollte eigentlich das Wort "Drama" verwenden, aber wir kauften eine Zeitung, da wurde von 1500 Malariatoten im Osten Kenias berichtet, weil kein Geld für Chinin da ist, über weitere Regierungsmorde im Rift-Valley-District und über Bombenabwürfe nigerianischer Truppen über Freetown. Da erschien mir das Wort "Drama" angesichts des Mombasa-Highways nicht mehr angemessen. Aber es ist trotzdem ein Drama, ein minderschweres und größtenteils menschengemachtes. Ich verstehe nicht, wie diese Sau von Mr. Moi auch nur eine einzige Stimme kriegen konnte. Drastischer als durch den Zustand dieser Hauptverkehrsader kann man seinem Volk nicht deutlich machen, daß es einem völlig egal ist, was mit ihm passiert. Ein Bankrotterklärung, ein Offenbarungseid der besagt, daß diese Regierung keinerlei Zukunftspläne mehr für das Land hat. Ich hoffe, ich werde irgendwann einmal in den Nachrichten hören, daß sie Funny Danny an einer Palme aufgehängt haben oder ihn wenigstens mit einem nassen Handtuch aus dem Land prügelten. Man sagt immer, daß jedes Land die Regierung hat, die es verdient, aber gerade die Kenianer sind so nett, lieb und freundlich - sie haben es nicht verdient. Vielleicht zu nett, lieb und freundlich.

 

Als wir uns also Stück für Stück vorarbeiten, macht Annett den Casettenrecorder an, schiebt eine Cassette rein und erwischt unsere lokalpatriotische, die wir als Mentalfolter für Heimwehtage aufgenommen hatten. Achim Reichel, Lotto King Karl und eben auch, den Meister aller Klassen, Hans Albers. Und eines seiner schönsten Stücke dröhnt aus den Boxen:

 

In der Ferne, ja, da wurd’ er ein reicher Mann

aber glücklich, das wurd’ er nicht.

Und legt ein Schiff aus HAMBURG an,

Steht er am Kai und spri-hicht,

steht er am Kai und spricht:

 

Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise,

nimm mich mit, denn ich kenne jetzt die Welt.

Wohin geht, Kapitän, deine Reise,

bis nach Hause, hier, nimm all mein Geld.

 

Nimm mich mit, Kapitän, aus der Ferne,

bis nach HAMBURG, da steig ich aus.

In der Heimat, da glühen meine Sterne,

in der Heimat, bei Muttern zu Haus.

 

War sonst immer ein Super-Ablacher, manchmal sogar ein Mitgröhler, aber auf dem Mombasa-Highway weniger. "Dreh das weg, sonst brechen wir in Mombasa sofort ab und verschiffen direkten Weg !" Man kann das nicht immer hören.

 

Als wir nur noch ein paar Kilometer vor Mombasa waren, fix und fertig, kam der Verkehr vollständig zum Erliegen. Wir stiegen aus und sahen nach. Ein Lkw war in ein Schlagloch gerutscht und die Ladung hatte sich verschoben. Das war schon ein paar Tage her. Er stand mitten auf der Spur, hatte enorme Schräglage und war mit Baumstämmen gegen vollständiges Umkippen gesichert. Daran vorbei hatte sich ein weiterer Lkw gequetscht, der ebenfalls wegrutschte, umgekippt war und die letzte Durchfahrt blockierte. Es gab nur noch einen schmalen Weg links vorbei über die steile Böschung, aber nur für kleine Autos. Toyota-Busse und Pkws. Auf der Einspurstraße kamen jetzt aus beiden Richtungen in drei bis vier Spuren Fahrzeuge und wollten sich über die Böschung quälen, und das ging halt nicht. Militär kam, entwirrte die Sache und sorgte dafür, daß wenigstens die kleinen Fahrzeuge weiter kamen. Wir rutschten in die Kategorie "kleine Fahrzeuge" und erreichten so mit Glück in der Nacht doch noch ein Hotel in Mombasa. Die Lkws und vollbesetzten Busse, die sich kilometerlang stauten, müssen halt ein paar Tage warten, bis die beiden gestrandeten Trucks von der Fahrbahn geborgen sein werden. Eine Umleitungsstrecke gibt es nicht. Ein paar werden kleine Geschäfte machen und die Reisenden mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgen - sofern man überhaupt noch von "Reisenden" reden kann - der Straßenrand wird zur Kloake und der Besuch in Nairobi findet dann eben nächste oder übernächste Woche statt. Hat alles keine Eile, liegt ja unweit einer Versorgungsmöglichkeit.

 

Wir waren glücklich, als wir im Hotelzimmer ankamen, uns duschen konnten und aufs Bett fielen. Geschafft ! Das waren die letzten Streckenkilometer im richtigen Afrika. Vorher setzten wir John raus, der ein kleines Hotelschild für 3,30 DM pro Nacht entdeckt hatte. Das kannst mir schenken ! In Mombasa herrscht wieder Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit, nicht wie in den Bergen, wo es angenehm kühl war. Nairobi wurde von den Engländern extra erbaut, weil ihnen das Klima in Mombasa unerträglich erschien. Ist es auch, aber uns war es ertmal wurscht. Nur noch die Verschiffung klar machen, die restliche Zeit nackt auf’m Bett unterm Ventilator liegen, das wird schon zu schaffen sein. Falls nicht gerade Stromausfall ist.

 

MOMBASA

 

Am nächsten Tag gingen wir zu den Shipping-Companies um die Verschiffung zu buchen. Wesentlich teurer als vermutet und auch schwieriger, da wir diesmal zusätzlich zwei Passagierplätze suchten. Alles muß in Europa rückgefragt werden, es war Freitag, nicht der effektivste Tag in Europa, Telefonverbindungen überlastet, so daß wir nichts Definitives erfuhren aber immerhin die Sache schon mal anschieben konnten. Wird schon werden.

 

Wir schlenderten durch Mombasa. Wir beide mögen Städte, sind nicht unbedingt Landfans, und Mombasa ist ganz nett. Alles andere als eine Stadt für Touristen, vieles ist in bedenklichem Zustand wie Gehwege und Häuser, aber es läßt sich aushalten. Absolutes Tropenfeeling. Überall Cafés mit hohen Räumen und Ventilatoren, so auch unser Hotel, gemauerte Rundbögen, Innenhöfe, Riesenfoyer, Bar mit gepolsterten Sesseln, abgebröckelter Charme, Lamellentüren, verzierte Raumteiler und jugendstilartige Fenster. Humphrey Bogart Stil. Warme Dusche wird nicht vermißt. Je länger wir in Kenia waren, desto schwerer wurde die Vorstellung, daß es einmal ein Touristenland war oder eigentlich immer noch ist oder meint es zu sein. Hin und wieder sahen wir Bilder von Strandhotels, weiß der Teufel wo die sind, und badenden Touristen. Mag sein, daß es kleine, abgeschottete Orte gibt, in die man direkt vom Airport via Transferbus gebracht wird, aber das Land selbst ist ungeeignet für die normale Art von Tourismus. Dafür ist es einmal zu traurig, und wenn wir nach über einem Jahr Afrika Mombasa im Vergleich für relativ in Ordnung halten, heißt das nicht, daß jemand, der direkt aus Europa kommt, dort irgendwas besonders reizvoll finden muß. So toll ist es auch wieder nicht, durch überfüllte Straßen zu laufen, den ganzen Tag zu schwitzen, Stromausfälle zu erdulden und ewig von unterbeschäftigten Souvenirverkäufern angelabert zu werden. Ausflüge kann man knicken wegen unpassierbarer Straßen, Nationalparks überteuert, Sextourismus ist nur was für ganz Unerschrockene, politisch mehr als bedenklich, gesundheitlich riskant, preislich auch kein Hit. Freundlich ausgedrückt: Ich kenne bessere Ziele.

 

Wir kauften uns gewohnheitsmäßig die Tageszeitungen und erfuhren erst jetzt, was für ein Glück wir - wieder einmal - hatten. Die beiden neu entstandenen, namenlosen Flüsse hatten dem Mombasa-Highway so schwer zugesetzt, daß es kein weiteres Durchkommen mehr gab. Wir müssen so ziemlich eines der letzten Fahrzeuge gewesen sein, die es noch schafften. Nur noch Lkws durften starten. Es wurde berichtet, daß es auch nur noch eine Frage von Tagen sein wird, daß auch diese nicht mehr durchkommen werden. Und ein neuer Fluß ist ein ordentlicher Gegner. Da ist nichts mit Behelfsbrücken oder kurz abdämmen. Das ganze Land ist ein Drama, denn die Unpassierbarkeit dieser Strecke hat schwere Versorgungskrisen zur Folge. Nach zwei Wochen ohne Lkw-Verkehr war von zigtausend Hungernden bis tief rein nach Uganda die Rede. Jetzt waren wir mehr als glücklich uns in der Hafenstadt zu befinden und nur äußerst überschaubare Probleme vor uns zu haben.

 

Die Hitze in Mombasa raubte uns die Lust an allem und es wurde ziemlich langweilig. Wir verließen das Hotelzimmer nur selten, waren jedesmal nach wenigen Minuten durchgeschwitzt und kehrten schnell wieder zurück, erst unter die Dusche, dann unter den Ventilator.

 

Am verkehrsarmen Sonntag wagten wir uns etwas weiter weg und fuhren ins Touristengebiet an die Strände. Der Weg dorthin ist straßenzustandsmäßig in Ordnung. So geht’s dann natürlich, direkt vom Airport aus mit einem klimatisierten Bus in eine Hotelanlage, der Dreck und Müll auf dem Weg sieht durch getönte Scheiben auch erträglicher aus und die Hotelanlagen sind erstklassig. Wir klapperten einige ab und erkundigten uns nach Übernachtungspreisen, aber da war unter 160 US$ für Bed and Breakfast nichts zu machen. Man muß pauschal buchen, von Europa aus, sonst ist es unbezahlbar. Das ganze Hotelgebiet ist ausgestorben. Souvenirstand neben Souvenirstand, Restaurants, Postkartenläden, aber kaum Besucher. In den Hotels findet man kleine, tropische Paradiese aus üppigen Pflanzen, Liegen, weißen Stränden, blauen Pools und Buffets. Die paar Touris verlaufen sich dazwischen, die Ober sind in der Überzahl. Für jemanden, der gerne Strandurlaub macht ist es traumhaft und billig. Die Hotelanlage braucht nicht verlassen zu werden, man bekommt alles von dort aus selbst Bootstouren und alle Arten von Mitbringseln. Von einem Sicherheitsrisiko nicht die Spur. Die Hotelbesitzer in Kenia müssen höllisch sauer auf Funny Danny sein, denn die von ihm inszenierten Unruhen vor der Wahl, die diesen drastischen Buchungsrückgang verursacht haben, müssen ihnen Millionenverluste einbringen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, daß sich Kenias Image in absehbarer Zeit wieder bessern wird, denn es war sowieso überbewertet. Gettourlaub in Hotelanlagen gibt es letztlich genug auf der Welt und Kenia stand, soviel ich weiß, doch noch für etwas mehr. Safaris und Afrika beispielsweise, aber davon kriegt man wenn überhaupt nur unter erschwerten Bedingungen etwas mit. Es wird nur über Lockangebote weiter gehen, und das ist für niemanden gut, außer für die Kunden, und langfristig nicht einmal für die.

 

Wir besuchten noch eine kleinere Anlage, die nicht über die großen Veranstalter bedient wird weil wir mit dem Gedanken spielten, für die Wartezeit in Strandnähe umzuziehen. Natürlich auch so gut wie leer, auch bezahlbar, aber der Strand ist genauer betrachtet eher anstrengend. Touristen, wie gesagt, kaum vorhanden, aber die Schwarzer, die es gewohnt sind, einen mit "Mombassa wunnebar" oder "alles klare, meine Freund" anzusprechen sind bös unterbeschäftigt und sobald sie einen weißen Bauch entdecken bieten sie einem von Tauchlehrgängen, Kanufahrten, Hemden, schnellen Sex, toten Fischen, Muscheln, Masken, Speeren, Schildern bis kalten Getränken alles Erdenkliche an. Es ist also nicht möglich, sich an den Strand zu legen, ab und an ins Wasser zu gehen und zwischendurch ein Buch lesen oder wenigstens seine Ruhe zu haben. So etwas wäre auf den Seychellen völlig undenkbar.

 

Auf der Terrasse stand ein Schild "Sonntag: Schweinebraten mit Rotkohl und Knödeln", trotzdem aßen wir eine Pizza und beobachteten zwanzig Deutsche, die sich auf mehrere Tische verteilt hatten und Skat spielten. Pfui Teufel ! Fette Gestalten, triefend naßgeschwitzt in Turnhose mit jeweils einem Bier vor sich, ereiferten sich über ihre Karten und machten Lärm. Ich spiele gerne Skat, habe es sogar zu höheren Weihungen gebracht, als ich mich in Jugendzeiten einmal mehrere Monate in geschlossenen Häusern aufhalten mußte und mich dort ein wenig mit einem Falschspieler anfreundete. Er hatte immer die Fahrgäste im Intercity Hamburg-München beim Skatspiel erleichtert, sich erwischen lassen, und brachte mir ein paar schmutzige Tricks bei. Es juckt mir immer in den Fingern, wenn ich Leute Skat spielen sehe. Aber das war zuviel. Eisbein in Togo, Bundesliga in Namibia und jetzt Preisskat in Kenia. Ich konnte es mir nicht verkneifen zu ihnen zu gehen und zu fragen, um was es geht. Ich schmeichelte ihnen, indem ich fragte, ob sie ein Ärztekongress wären - das kommt immer gut - und selbst bei dieser zuvorkommenden Gesprächseröffnung staunte ich, wie man in die Antwort alles das an Gestik, Mimik und Sprache reinlegen kann, was überall dazu führt, daß die Deutschen in jedem Urlaubsland bei Sympathieumfragen trotz üppiger Trinkgelder auf den untersten Plätzen landen. Hochmut, Arroganz, Promille, Dummheit, Ignoranz, das alles und mehr steckte in der doch eigentlich unverfänglichen Antwort auf meine Frage, was es zu gewinnen gäbe. Natürlich nicht feindselig, man ist ja Deutscher unter Deutschen, Gleicher unter Gleichen, aber wie in Billstedt am Sonntagvormittag oder Freitag nach Feierabend in der Eckkneipe. Dumpfdeutsch und bedrohlich, und, daß sie alle verbrannt und halbnackt waren und Körper wie von Helmut Kohl geclont besaßen, die obendrein aus jeder Pore tropften, gab mir den Rest. Nur Deix, der begnadete Maler aus Österreich, hätte an Ihnen Freude habe können. Da machten selbst die ganz und gar nicht vollbeschäftigten und auch sonst nicht wählerischen Huren einen Bogen.

 

Wir blieben also im "New Palm Tree Hotel" im Herzen Mombasas und duschten lieber weiterhin als mitten in dieser Gesellschaft im Pool zu schwimmen.

 

VERSCHIFFUNG

 

Wir bekamen keinen Passagierplatz an Bord, was uns, je länger wir darüber nachdachten, ganz willkommen war. Irgendwo unter Deck in einer kleine Luke abhängen, das Essen der unterbezahlten Mannschaft bekommen, die Hälfte der Reise schwüles Klima und noch langweiliger als Mombasa, wo man wenigstens mal rausgehen kann, so scharf waren wir darauf auch wieder nicht. Eine dieser Fähren, wie sie in Skandinavien verkehren oder zwischen England und Frankreich, das wär’s gewesen. Mit Swimmingpool und Tenniscourt. Aber ein Frachter mit Schwarzerbesatzung, das kann sich zu einer höchst bedenklichen Angelegenheit ausweiten die in keinem Verhältnis dazu steht, daß wir unser Eigentum im Auge haben. Ich sah mich schon nachts mit Harpune, 300 000 Volt und Schlagring in der Kajüte neben Annett Wache halten, damit wir nicht doch noch das American-Invented-Disease-Syndrom mit auf den Weg kriegen. Das Thema war damit erledigt, ohne, daß wir eine Entscheidung treffen mußten. Gut so.

 

Aber selbst die Verschiffung des Autos war wesentlich komplizierter als in Abidjan oder Hamburg. Ro-Ro-Schiffe gibt es auf der Strecke eh nicht, also kam nur konventionelle Verladung in Betracht. Das ist aber schwierig beim Suez-Kanal. "Die Ägypter sind die übelsten Typen", erzählte unser Ansprechpartner von der Shipping-Companie. "Ein Containerschiff muß im Suez weniger Kanalgebühren bezahlen als ein anderes, und wenn zwischen all den Containern auch nur ein Auto nicht im Container steht, errechnen die Ägypter für das ganze Schiff einen anderen Tarif." Also brauchten wir einen Open-Top-Container, aus dem unser Auto knapp 30 cm rausgucken würde. Er mußte auch ganz oben drauf gestellt werden, offen an Deck, da Port Said der erste Hafen auf der Route des Dampfers war und die Ägypter sehen sowas, wenn aus einem Container was rausguckt. Und es sei durchaus möglich, daß sie dies zum Anlaß von Schwierigkeiten machen. Er wollte sich bei den Ägyptern rückversichern, ob dies innerhalb ihres Definitionsbereiches "Containerschiff" bleibt und das schriftlich bestätigt bekommen. "Die Ägypter sind nicht nur abscheuliche Geschäftspartner", ergänzte er, "sie sind auch noch die langsamsten auf dem ganzen Planeten." Oh Gott, und das sagt einer in Mombasa. Diese beschissenen 30 Zentimeter, die unser Auto zu hoch für einen normalen Container ist, verursachten uns zum dritten Mal Schwierigkeiten und Mehrkosten bei der Verschiffung und sie sind auch dafür verantwortlich, daß die Kiste bisher jedesmal auf See aufgebrochen wurde. Ein echter Nachteil, den wir beim Kauf nicht bedacht hatten. Wir warteten also auf Rückmeldung und buchten bereits einen Flug nach Kairo. So schnell wie möglich weg aus Kenia. Die Flüge von Mombasa nach Nairobi waren stark nachgefragt, da als Alternative nur noch die aus allen Nähten platzende Bahnverbindung in Frage kam. Bilder wie in Deutschland nach dem Krieg. Ein Segen für uns, daß nur verhältnismäßig wenige in der Lage sind, die Preisdifferenz aufzubringen. Und wir mußten über Nairobi, einen Direktflug gab es nicht. Nicht nur das qualvolle Klima trieb uns, es setzte langsam eine Versorgungsknappheit ein, da mittlerweile auch der Lkw-Verkehr gänzlich zum Erliegen gekommen war. Nichts ging mehr auf dem Landweg. Nicht so, daß wir nichts zu beißen bekamen, aber die Preise für Grundnahrungsmittel hatten sich in den letzten Tagen teilweise versechsfacht. Für uns machte sich auch dies nicht bemerkbar, da wir nur in Restaurants aßen und die Preise nicht unbedingt auf der Grundlage der Kosten der Zutaten kalkuliert sind, aber der vielzitierte kleine Mann auf der Straße saß schon recht übel in der Klemme. Es war nicht mehr die Frage, ob Fleisch und Tomaten, sondern ob Fleisch oder Tomaten und sowieso nur die halbe Menge. Irgendwann wird das Maß auch für den gutmütigen Kenianer voll sein und seit wir uns in Kenia befanden, gab es laufend kleine Demonstrationen und Unmutskundgebungen. Mal hier und mal da, mal dieser Anlaß und mal jener. Die knapp von Moi besiegte Opposition schürte wo es nur ging. Bald brennt hier die Luft, wir konnten es direkt fühlen, und besser ohne uns. Gerechtfertigt, absolut gerechtfertigt, und ich drücke ihnen die Daumen, aber meine Solidarität geht nichts so weit, als daß ich unser Auto als Straßensperre zu Verfügung stellen wollte. Wir versuchten alles zu beschleunigen, was nur sehr begrenzt möglich war da wir in allem von Anderen abhängig waren und so hofften wir, daß wir noch einmal Glück haben werden und gerade noch so rausrutschen.

 

Die nächste schlechte Nachricht war die, daß uns keine Fluggesellschaft mit einem einfachen Ticket transportieren wollte, da sie dann angeblich Ärger mit den ägyptischen Immigrationsbehörden bekommt. Wieder einmal kam uns ein glücklicher Umstand zugute, daß Kenia-Airways gerade eine Sonderaktion gestartet hatte für Hin- und Rückflug Mombasa-Kairo 600 US$. Pro Kopf 21 US$ mehr als der einfache Flug, das war vertretbar. Wir buchten also Returnticket. Die Ägypter gingen uns schon auf den Sack, bevor wir den ersten zu Gesicht bekommen hatten. Das kann heiter werden. Mir fiel wieder ein, daß der Reiseleiter von Rotel-Tours, den wir ganz am Anfang in Dakar trafen, uns erzählte, daß die Ägypter die Allerschlimmsten auf dem ganzen Kontinent wären. "Nichts läuft regulär, wegen Allem und Jedem hast du Ärger und Gerede und mußt Schmiergeld bezahlen. Echte Arschlöcher." Damals dachte ich, das wäre noch lange hin und hatte mir keine Sorgen deswegen gemacht, aber jetzt, da uns von Ägypten nur noch ein paar Tage trennten, beunruhigte mich diese Aussage doch ein wenig. Zumal es sich schon abzeichnete, daß an der Sache was dran zu sein schien.

 

Doch bevor wir uns über die Ägypter ärgern konnten, mußten wir erstmal da sein und vor allen Dingen das Auto. Die Sucherrei nach einem Open-Top-Container ging los, es wurde einer gefunden, der war kaputt, mußte repariert, in den Hafen gebracht und abgeladen werden. Der Manager, oder wie es heißt, der die Verschiffung vom Schreibtisch aus regelte, hieß Mustafah, schon fast ein Grund, eine andere Companie zu suchen, aber er war trotz dieses stigmatisierenden Namens ganz fit.

 

Wir luden erneut alles um, auf die Art, daß es den Dieben möglichst schwer gemacht wird, uns fehlte allerdings sperriger Ballast.

 

Dann kam der Tag, an dem wir das Auto in den Hafen bringen konnten. Es war mit jedem Tag heißer geworden, so heiß hatten wir es auf der gesamten Reise nicht erleben müssen. In Sierra Leone oder an der Elfenbeinküste hörte das Schwitzen wenigstens auf, wenn man sich in den Schatten setzte und sich nicht bewegte, hier ging es selbst unter dem Ventilator weiter. Ewig nasse Handrücken, tropfende Klamotten und alles klebrig, salziges Wasser läuft ständig von der Stirn in die Augen, die Haare klatschen am Kopf. Für die männlichen Leser: Es gib ein norddeutsches Sprichwort, welches ich nicht ganz beherrsche. Es endet aber folgendermaßen: "... kalter Nordenwind, gibt ‘nen krusen Büdel und ‘nen lütten Pint." In Mombasa läuft exakt das Gegenteil. Wenn das männliche Geschlechtsteil den ganzen Tag so aussieht, als hätte man gerade zwei Stunden in der Badewanne gesessen, ist es einfach zu heiß. Als diesbezügliches Sprichwort in Mombasa würde passen: "Wer’s lang hat, läßt’s auch lang hängen." Ist von Villon, glaube ich, oder von Rimbaud, für diejenigen, die es interessieren sollte. Oder von Kinsky ?

 

Wir warteten auf den Container in einer Halle, auf die gnadenlos die Sonne brannte. Gleichsam bot sie den einzigen Schattenplatz. Drei Stunden, also eine Ewigkeit. Man braucht im Hafen eine Gang zum Verladen, ohne geht’s nicht. Auch, wenn man alles selber macht, berechnen sie einem ihre Dienste. Unsere Gang bestand aus zwanzig vor Schweiß glänzenden, knapp behosten Schwarzern. Drei Aufseher, zwei mit Funkgerät und fünfzehn zum Arbeiten. Sie warteten schon seit acht Uhr nur auf uns und den Container. Nach sechs Stunden, vom Beginn ihrer Arbeitszeit gerechnet, war der Container endlich da und sie schauten mit zwanzig Mann zu, wie ich das Wohnmobil rein fuhr. Dann befestigten zwei von ihnen zwei Stricke an den Achsen und vertüdelten die an einem Haken, verschlossen den Container und legten sich wieder hin. Ein Einundzwanzigster kam, kassierte Hundert Dollar und damit war das Wichtigste geschafft. So Kleinigkeiten, daß das Taxi auf dem Rückweg den Geist aufgab und der einzige Kopierer der Firma streikte sind kaum erwähnenswert. Das Auto machte sich gut in der orangenen Box. Es paßte gerade noch rein, sowohl der Breite als auch der Länge nach. Ich hatte Schwierigkeiten, aus dem Auto wieder rauszukommen, als es eingeparkt war. Die hintere Tür ließ sich schon lange nicht mehr öffnen seit Einbrecher das Schloß restlos vermurkst hatten, die Schiebetür an der Seite brachte nichts und die Türen der Fahrzelle ließen ich nur ein paar Zentimeter öffnen. Ich mußte mich durchs Fenster hangeln, daraufhin krabbelte Annett rein, um das Fenster zu schließen und konnte sich gerade noch rauszwängen. Mehr Busen hätte sie nicht haben dürfen, es ging um jeder Millimeter. Wir verließen dann den Container per Leiter und waren zufrieden. Diese Art der Verschiffung macht es den Dieben erheblich schwieriger als Ro-Ro oder Konventionell. Kein Fenster geht auf, keine Tür, das ist gut. Wenn wir rauskommen, dann kommen sie zwar auch rein, aber bepackt geht nicht viel. Zumindest keine großen Sachen. Und auffälliger ist es auch, wenn jemand auf Containern rumturnt. Jetzt blieb uns nur noch zu hoffen, daß sie das Verladen nicht vergessen wie in Abidjan, daß sie keinen Container auf unseren draufsetzen und ein Cabrio aus unserem Fahrzeug machen, daß die Verspätung nicht noch länger dauern wird als ohnehin schon und, daß die Diebe es diesmal tatsächlich nicht schaffen werden. Sieben Tage Verspätung waren jetzt schon sicher, da sich die Abreise aufgrund chaotischer Zustände im Mombasa-Port um mindestens diese Zeit verschieben wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Transport Mombasa - Port Said bereits fast das doppelte gekostet als Abidjan-Hamburg, obwohl die Strecke kürzer ist. Was die Ägypter an Hafen- und Zoll- und sonstigen Gebühren erheben werden war noch unklar. In Hamburg hatte es 90.- DM gekostet, in Kapstadt 1.000,- DM, in Abidjan 800,- DM und in Mombasa 500,- DM. Insofern gibt es kaum einen Richtwert. Wenn wir unser Auto dreimal Verschiffen, was wir jetzt getan hatten, ist der Wiederverkauftswert überstiegen. Man kann sich nur glücklich schätzen, daß das Geld in Deutschland auf der Straße liegt, sonst wäre es bald ärgerlich. Den Wert des Geldes verliert man in Afrika bald aus den Augen. Muß man auch, sonst bekommt man ein Geschwür. Zweitausend Dollar ? Ok ! Hier sind Zweitausend Dollar. Noch Zweihundert mehr ? Auch gut, hier sind weitere zweihundert. Sonst noch was ? Paar Schmiergelder oder Gebühren ? Mußt nur sagen ...

 

Trotzdem ein schönes Gefühl, wenn diese Dinge erledigt sind. Noch ein paar Stunden unter’m Ventilator, noch eine verschwitzte Nacht, und dann stand seit langen mal wieder ein Tag an, auf den wir uns freuten. Raus aus der Gluthölle ! Nur noch vormittags mit langen Hosen zum Flugplatz schwitzen, und ab dort wird es wohl Aircondition geben. Und dann Kairo. Im Reiseführer, der vier Jahre alt war, wurde die Einwohnerzahl mit Zwölf Millionen angegeben. Dabei stand aber noch, daß sie sich alle zehn Monate um eine Million erhöht. Also bei ca. fünfzehn Millionen, klingt nach Moloch. Aber es gibt Fast-Food-Ketten, das ägyptische Nationalmuseum und Temperaturen zwischen 18 und 20 Grad Celsius. Also eine deutliche Verbesserung der Lebensumstände. Und darum freuten wir uns erst einmal, obwohl wir die drei Wochen, die wir mindesten dort werden warten müssen, als entschieden zu lang empfanden.

 

ÄGYPTEN

 

Der Flugtag war so, wie solche Tage halt sind. Langweilig und anstrengend zugleich. Wir saßen den ganzen Tag irgendwo doof rum, checkten ein und aus, warteten und warteten und aßen alles durcheinander. Es war nach Mitternacht, als wir auf dem alten Flughafen von Kairo ankamen. Mißtrauisch wie verrückt, es ist schlecht, nachts in einer unbekannten Stadt anzukommen und dazu noch übermüdet, mit einer Erkältung und Dünnschiß. Besonders die Erkältung machte uns beiden zu schaffen, die wir schon seit zehn Tagen mit uns rumschleppten. Man wird sie einfach nicht los, wenn man den ganzen Tag in nassen Klamotten vor einem Propeller sitzt uns sich anpusten läßt.

 

Als erstes überraschte uns die Immigration und der Zoll. Überaus zuvorkommend. Keiner wollten das Rückflugticket sehen, für das Gepäck interessierte sich kein Mensch und uns sprach ein kleiner Mann im Anzug mit angehefteter Erkennungskarte an, ob wir ein Hotel suchten. Wir scheuchten ihn weg, wollten erstmal in Ruhe checken was abgeht, aber er zeigte uns sein Büro und ließ uns nicht mehr los. "Na gut, dann erzähl uns was du anzubieten hast." Er war Repräsentant einer Tour-Gesellschaft und sagte, er könne uns zu einem Gruppendiscount in ein preiswertes Hotel bringen, überhaupt könne er alles, und zu Superpreisen, er wollte uns ganz im Ernst noch in der gleichen Nacht auf einen Nildampfer zu einem Essen mit Tanz und Musik überreden. Immerhin bot er an, uns in einem Hotel unterzubringen, mitten im Zentrum unweit des Hilton und des Sheraton, für 34 US$ fürs Doppelzimmer inklusive Frühstück. Fernseher, Kühlschrank, Bad, Restaurant, alles da, das klang gut. Er hatte es auch noch preiswerter, aber ohne Bad und ohne alles, das wollten wir nicht. Er bot uns ein Hotel-Voucher über 15 Tage für 500 Dollar an, gleich zu bezahlen, was wir natürlich ablehnten. Erst einen Blick auf das Hotel und die Zimmer werfen, dann sehen wir weiter. Der Typ war wahnsinnig freundlich, gleichfalls unerträglich hektisch und es machte ihn nervös, daß wir kein Geld raus taten. Er kam mit einem ganz absurden Vorschlag. Wir geben das Geld einer neutralen Person, dem Fahrer seines Busses, ein hochoffizieller und nagelneuer Benz mit Ginger-Tours Beschriftung, worauf wir ihn auslachten. Warum sollten wir, das Geld kann genauso gut in meiner Tasche bleiben. Nun schmollte er etwas, ich sagte ihm, daß ich alle Menschen liebe aber keinem vertraue, und er taute wieder auf und fuhr uns umsonst zum Hotel und plapperte wie ein Wasserfall. Wir haben ihn echt genervt aber er uns genauso, mitten in der Nacht. Wir ließen keine Sekunde das Gepäck aus dem Auge, ließen niemanden in unserem Rücken sitzen - afrikageschädigt - und unser offenes Mißtrauen war an der Grenze der Kränkung für ihn. Aber es war alles ok, das Hotel sauber und korrekt, wir zahlten den Preis in Gegenwart des Hotelmanagers gegen eine Quittung für 15 Übernachtungen mit Frühstück und gegen halb drei morgens lagen wir in den Betten und realisierten, daß wir aus Afrika raus waren. Zwar noch nicht ganz, aber doch schon so gut wie. Die Ägypter wollen mit Afrika genauso wenig in einem Satz erwähnt werden wie die Maroks, und zwar mit gutem Grund und mit vollem Recht, wie wir erst in den nächsten Tagen richtig feststellen konnten.

 

Es ist immer wie ein halber Überfall, wenn es gleich am Flugplatz losgeht und es keine Gelegenheit zum Luftholen gibt. Es stellte sich auch heraus, daß die Dienste von Ginger-Tours zwar nicht schädlich waren, aber auch nicht besonders hilfreich. Wir sparten das Taxi, was in Kairo aber sehr preiswert ist, der " günstige Gruppentarif" deckte sich mir dem normalen Tarif nahezu komplett wenn man von Dollar in ägyptische Pfund umrechnete, aber wir hatten Verständnis für den älteren Familienvater von vier Kindern, der da um nach Mitternacht um seine Existenz kämpfen muß. Er hat uns weder betrogen noch beklaut, und er arbeitet nach dem "Messe-Prinzip". Auf Messen kauft man auch am letzten Tag in der letzten Stunde, wenn die Vertreter halb besoffen vom dauernden Anstoßen bei kleinen Abschlüssen sind, geschafft vom langen Trubel und kaum noch in der Lage, ihren Namen fehlerfrei zu schreiben. Ähnlich konstitutioniert erschienen wir auch auf dem Kairoer Flughafen und dafür hat er uns gnädig davon kommen lassen.

 

Wir schliefen bis Mittags durch, in einem herrliche kühlen Raum in Decken eingekuschelt und verließen gegen 13.00 Uhr das Hotel um was zu essen. Schon in dieser einen Nacht ging die Erkältung zurück, wir frühstückten bei McDonald, ich zog mir einen Quarterpounder, Pommes, Apfeltasche und Eiscola rein und mein angekrankter Magen war mit einem Schlag wieder gesund. Kein Grummeln, kein Dünnschiß, keine Blähungen, alles das, was afrikanisches Essen selbst mit Imodium noch vermurkst, heilt ein einziges Menü bei McDonalds in 10 Minuten. Unglaublich. Ein Taxifahrer sprach uns an, älterer Moslem, italienischer Typ, heiter, fröhlich und lebenslustig, ob er uns durch die Gegend fahren soll und uns die Stadt zeigen. Why not? Wir handelten einen Preis aus, 25,- Mark für eine vierstündige Rundfahrt mit Pausen und Begehungen und allem drum und dran, und fuhren los. Ein herrlicher Tag. Diese riesige und völlig unübersichtliche Stadt Kairo geht für einen Stadtfreund gut ab und steckt voller Überraschungen. Die Schwarzer hatten wir vollständig abgehängt, das merkte man, wo man hinschaute. Kairo ist alles andere als ein Sanatorium, noch weniger ein Luftkurort, sondern eine laute und schnelle und überfüllte Stadt, aber sie hat Kultur. Die Menschen haben Kultur, die Bauwerke, die Autofahrer - es funktioniert. Casablanca hoch drei, arabisch, auch etwas schmuddelig, es gibt Slums, horrormäßiges Verkehrsaufkommen und seelenlose Betonbauten, eng mit Wäsche vor den Balkonen und Hühnerzucht in Käfigen im dritten Stock, nicht zu knapp das alles, aber es hat nichts von dem abstoßenden Dreck und dem bimbohaften Idiotenflair Afrikas. Es ist wie Marokko, zum Wohlfühlen wenn man es mag, und nichts erregte in uns diese Abscheu, wie wir sie im Sudan oder in Mauretanien empfunden hatten. Allah ist ihr Freund, den sie um gute Geschäfte und Glück in der Liebe bitten und dafür gibt es ein paar Gebete ihm zu Ehren. So ist es in Ordnung. Wir hatten beide schon besorgt beobachtet, daß Reisen nicht unbedingt zu mehr Verständnis und Toleranz zwischen den Menschen auf der Welt führen muß. Ganz im Gegenteil. Bisweilen ist es sehr angebracht, seine Toleranz gegenüber anderen Religionen und Völkern besser nur bei Olympischen Spielen, Fußballweltmeisterschaften und Reiseberichten zu überprüfen als selbst in die Ländern zu fahren. Vorm Fernseher ist es leichter, der ganz Supertolerante und Verständnisvolle zu sein als vor Ort bis zum Knöchel im Müll und mit einer schwarzen Hand in der Tasche. Aber Kairo unterläuft solch traurige Gedanken wieder, wie Marokko, Gambia und eben diese Länder, in denen man sich gerne aufhält und nicht nur schnell weiter will. Aber sie sind so drastisch in der Unterzahl. Gemüse und Früchte werden wieder ansprechend präsentiert und liegen nicht irgendwo im Dreck neben einem schlafenden Verkäufer und die Moscheen, von denen es in Kairo über Eintausend geben soll, sind eine Augenweide. Monumentale Kuppel- und Säulenbauten mit grazilen Minaretten und Türmchen, das ist alles sehr beeindruckend. Der Taxifahrer fuhr uns überall hin, durch das alte und das neue Kairo, durch die Viertel der Moslem und der Christen, an den Nil und hielt schließlich an einem Altstadtgebiet, in das wir zu Fuß gingen. Wir sahen alte jüdische Synagogen aus der Zeit vor Christi, gingen durch enge Gassen, durch Tunnel über uralte Steinpfade, das hat Spaß gemacht. An einer Kirche erzählte uns der Taxifahrer, daß es sich um den Ort handeln würde, an dem eine Mutter das kleine Baby im schwimmenden Bastkorb fand, das von einem Pharao den Fluten des Nils übergeben wurde. Der Nil hat zwischenzeitlich seinen Lauf geändert, so daß nur noch ein Brunnen, in den man einen Stein werfen kann um das Platschen zu hören, den Beweis für diese Geschichte erbringen soll.

 

Wir erreichten einen Laden, riesengroß und weitläufig, mit kunsthandwerklichen Gegenständen aus Ägypten. Ich habe völlig abgeschnallt. In ganz Afrika sah ich nicht solch prächtige und gut verarbeitet Dinge. Sowas kriegen die Schwarzen einfach nicht hin. Es gab Schränke mit Intasienarbeiten aus Perlmutt mit ägyptischen Motiven und Mustern. Überall kleine Schubladen und Fächer in jeder Größe eingebaut, im Licht in allen Farben glänzend. In gleichem Stil Tische, Kommoden, Truhen, Vasen und Dosen. Für jemanden, der psychedelische Muster liebt und sich das Lichtspiel von Perlmutt und Lack einmal unter der Wirkung von LSD angeschaut hat, für den sind diese Arbeiten wie ein Feuerwerk, wie ein optisches Wunder. Wir waren fasziniert, betrachteten uns ein Stück nach dem anderen und hatten nicht übel Lust, unsere ganze Wohnung mit dem für manchen etwas überladenen wirkenden Stücken einzurichten. Zumindest in Gedanken. Wir stöberten den ganzen Laden durch, entdeckten immer wieder neue Stücke, eines umwerfender als das andere. Der Schmuck, ob aus Silber oder Gold, unwahrscheinlich schön, wir konnten uns sehr gut vorstellen, daß die alten Pharaonen sich ihre Schätze mit ins Grab legen ließen. Von sowas will man sich nicht wieder trennen. Während wir stöbern, stoßen wir auf ein Stück, welches ich in seiner Schönheit, Verarbeitung und Ausstrahlung nie vorher gesehen hatte. Eine kleine Schatztruhe, oder ein Schmuckkästchen oder eine Kassette, etwa so groß wie ein Beautycase, massiv aus Messing mit Beschlägen aus Silber und bis in den letzten Winkel mit Ornamenten verziert. Wenn man den Deckel öffnete, war dort ein Fach, mit Samt ausgeschlagen, und zwei kleine Schubladen. In der Frontpartie gab es eine kleine, geschwungene Flügeltür mit zwei Flügeln, hinter denen ein Extrafach eingebaut war. Es bestand aus sechs kleinen, ebenfalls reich verzierten Schubladen, die tief in das innere der Truhe hineingleiten. Ein versteckter Mechanismus verschloß die beiden Türen automatisch, wenn der Deckel der Truhe geschlossen war. Einzigartig. Nichts klapperte oder wackelte, alles war schwer und massiv, das ganze Teil unglaublich gewichtig. Etwas, um es mit ins Grab zu nehmen oder es über Generationen zu vererben, aus Tausendundeinernacht. Es wird in hunderten von Jahren noch genau so aussehen wie heute. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr losreißen. Das erste mal, daß ich einen handwerklichen Gegenstand in einem arabischen Land entdeckte, der mir wirklich gefiel, der meiner Phantasie und meinen Vorstellungen entsprach und der nicht nur blendete, sondern auch qualitativ und vom Finish überzeugte. In Marokko beispielsweise stellen sie ausschließlich minderwertigen Plunder her, Ramsch, Flohmarktware. Dies war eine grandiose Arbeit. Wir erkundigten uns nach dem Preis. Viertausend, war die Antwort, und zu allem Übel keine Ägyptischen Pfund, sondern Amerikanische Dollar. In etwa die Summe, für die wir normalerweise unsere alten Mercedese kaufen. Es war auch nicht so ein Trödelladen, indem sich eine Null wegstreichen läßt und dann die Verhandlungen beginnen. Etwas Luft ist immer drin, aber nicht in der Größenordnung wie in Afrika. Nun kam der Chef ins Spiel, ein junger, erfolgreicher Händler, der den Laden in der vierten Generation betreibt. Er erzählte erstmal, daß diese Truhe nur bei ihm zu erwerben wäre, da der Künstler, der sie herstellt, nur exklusiv für ihn arbeiten würde. Er bot an, mir die Truhe zu schenken, wenn ich ihm eine zweite irgendwo auf der Welt zeigen würde, außer den Dreien, die er selbst bereits verkauft hätte. Naja, das ist leicht mal gesagt, er würde sich eh nicht erinnern, wenn ich eine finden würde. Er erzählte weiter. Der Mann, der jedes einzelne Teil mit der Hand anfertigt und für die Verzierungen nur reines Silber verwendet, braucht ein Jahr, um eine solche Truhe herzustellen. Kann ich nicht beurteilen, aber es wird seine Zeit brauchen, das will ich gerne glauben. Er zeigte mir die vielen Verarbeitungsdetails, die es an dem Stück zu sehen gab aber kurz und gut: Es war uns zu teurer, wenn es auch zugegeben ein Stück zum Verlieben war. Es gab erstmal Tee. Wir begannen zu handeln. Er zeigte uns die Bilder der Reste seines Mercedes, den er, vier Tage, nachdem er nagelneu aus Deutschland geliefert war, zu Vollschrott gefahren hatte. "Lady Di", sagte er "do you know Lady Di ?" und tatsächlich sahen die Bilder aus wie die, auf denen der zercrashte Benz von Lady Di zu sehen war. "Last Price for the case: 3.500 US$", streute er mit einem traurigen Blick auf die Schrottbilder ein und packte sie weg. Immer noch zu teurer. Wir boten 2.000. Jetzt holte er, ohne auf das Gegenangebot einzugehen, einen Prospekt von Porsche raus. Das neuste Cabrio. Er schwärmte, und sagte, 2.000 Dollar wären ok, für jede andere Truhe, die er hätte. Keine andere kam der von uns ausgesuchten im Entferntesten nahe und wir lehnten ab. Sie waren auch hübsch, aber eben nicht im Vergleich. Auf seinem Schreibtisch lag eine Glasplatte, unter die er Polaroidfotos von Kunden gesteckt hatte. Prominente, die uns nichts sagten und wir fragten ihn zu den Bildern, um das Gespräch nach der Porsche-Einlage in Gang zu halten. "Der", sagte er, und zeigte auf einen goldbehangenen Schwarzer, "der kam hier rein und kaufte für einhunderttausend Dollar ein. Milliardär, übrigens einer der Besitzer der drei anderen Truhen. Der hat ohne mit der Wimper zu zucken 4.000 $ bezahlt." Ich hätte auch überhaupt kein Problem, in dem Laden für Hunderttausend Dollar einzukaufen. "Mag sein", antwortete ich, "aber ich bin kein Milliardär", und er gab sich einen letzten Ruck und machte den ganz bestimmt allerletzten Preis, versicherte mir, daß es sich wirklich um ein einmaliges Angebot halten würde, ich das beste Geschäft meines Lebens machen würde und so weiter und sagte, um weiteres Handeln auszuschließen, nicht erst 3.300 oder so, sondern gleich 3.000, damit endgültig Schluß ist. Very last price ! Es ging noch etwas weiter, es gab noch einen Tee, und wir landeten bei 2.850 Dollar, inklusive eines Backgammon-Spiels mit Perlmutteinlagen, für das er ursprünglich noch 250 Dollar extra haben wollte. Er tat nun so, als hätten wir ihn ausgeraubt, und das gehört sich auch so, wenn er uns gerade gute 5.000 DM aus dem Kreuz geleiert hatte. Wenn er gelacht hätte und überschwengliche Freude gezeigt hätte, wäre ich unzufrieden geworden. Die Verkäuferin, die uns die ganze Zeit über bei Laune hielt, zeigte allerdings nicht nur Freude, sondern war offensichtlich überglücklich über den zustande gekommenen Deal. Aber sie durfte das auch, eine Provision war bestimmt fällig. Auch der Taxifahrer war zufrieden, er kann sicher auch noch einmal zu dem Laden zurück kommen und darauf, uns angeschleppt zu haben, ein paar Mark abhaken. So waren alle gut drauf, prima Stimmung, und wir ließen uns ins Hotel zurück fahren.

 

Wir verstanden jetzt auch die Hektik des Hotel- und Tourvermittlers am Vortage besser, der mit uns am liebsten noch in der Nacht ein paar Ausflüge in die Umgebung gebucht hätte. Wir machten das natürlich nicht und wollten erst ausgeschlafen sein und vertrösteten den Mann. Wir bekamen noch einen Prospekt mit Preisen, aber er wußte, daß seine Chance vorbei war. Jeder in Kairo will einen zu Ausflügen überreden, so auch der Taxifahrer. Die ausbleibenden Touristen aufgrund mehrerer Morde islamischer Fundamentalisten an ausländischen Besuchern haben in Ägypten ebenso zu Unterbeschäftigung bei am Tourismus orientierten Firmen und Einzelunternehmer geführt wie in Kenia. Er unterbot die Angebote von Ginger-Tours glatt um die Hälfte und wir verabredeten uns mit ihm für einige Fahrten an den nächsten Tagen. In die Museen, zur Libyschen Botschaft, zu den Pyramiden und am Ende nach Port Said. Wir empfanden seine Angebote als fair, der Typ war angenehm und sympatisch, so daß wir darauf verzichteten, ihn weiter zu drücken. Dafür hatten wir einen zufriedenen und gutgelaunten Chauffeur, und das ist viel wert.

 

Das erstaunliche, wieder einmal zu beobachtende Phänomen, daß in den Ländern, in denen es kultiviert und entwickelt zugeht, die Preise auch wieder akzeptabel sind, traf erneut zu. Alles ist wesentlich günstiger und besser als in Kenia, die Löhne höher, die Preise niedriger, aber so langsam beginnen wir, es zu verstehen. Wenn in den afrikanischen Ländern Steuern wie Irre verlangt werden, davon aber weder Straßen noch sonstige infrastrukturellen Maßnahmen finanziert werden, dann wird halt alles teuer und die Masse lebt in Hütten im Busch und frißt das, was gerade so vor der Hüttentür wächst oder ihnen über den Weg läuft. Will man das nicht mitmachen, muß man eben die durch Mißwirtschaft und steuerlicher Ausplünderung explodierten Preise bezahlen. Die in Nairobi wachsende Tomate wird in Mombasa unbezahlbar, wenn ihr Transport einen Satz Stoßdämpfer und zwei neue Reifen kostet, ganz einfach. In Asien, so wird immer wieder berichtet, ist dies anders. Da wird wenig verdient und alles ist billig, und so hatten wir uns das in Afrika auch vorgestellt. Is aber nicht.

 

Die nächsten beiden Tage gönnten wir uns eine Vollbedienung mit ägyptischer Kultur. Das Nationalmuseum und die Pyramiden - mein Gott, was soll ich dazu sagen ? Es hat natürlich eine seltsam magisch-morbide Anziehungskraft. Und es ist wahnsinnig imposant und schön. Vergleichbar mit dem Konzert der Rolling Stones, ein ähnlicher Anachronismus, ein Happening. Man kennt es hundertfach, aus dem Geschichts-unterricht, aus Hollywoodschinken, als Abenteuergeschichten "Donald bei den Pharaos" oder "Asterix am Nil", Cleopatra ist einfach Liz Taylor und niemand anders. Aber wenn man dann Kopf an Kopf, nur durch eine Glasscheibe getrennt, neben der paartausend Jahre alten Mumie von Ramses II steht und ihm in die vertrockneten und geschlossenen Augen schaut, dann ist es ähnlich, als wenn Keith Richards mit einer Zigarette im Mundwinkel auf die Bühne kommt und die Anfangsriffs von Honky Tonk Woman spielt. Es gibt ihn wirklich, und ich kann ihn sehen ! Ähnlich verhält es sich mit den unglaublichen Goldschätzen und den Grabbeigaben, die man alle schon einmal auf Photos, Reisebüroplakaten oder bei Ausgrabungsfilmen bewundert hat oder den Pyramiden, die, wie vermutet, viel beeindruckender als auf den ungezählten Abbildungen und Postkarten sind - es gibt sie wirklich, und wir laufen mitten darin herum ! Mir fielen die Leute ein, die von Pyramidenenergie sprechen und kleine Drahtpyramiden über ihre Topfpflanzen stülpen um besseren Wuchs zu erreichen, streng ausgerichtet nach den Winkelmaßen und der Ausrichtung der Cheops-Pyramide. Naja, ich muß das nicht kommentieren. Auch die Eintrittspreise und das Merchandising sind vergleichbar. Etwas störend, wenngleich keineswegs überraschend, sind die zahllosen Führer die einen sofort in Beschlag nehmen. Wir saßen ruckzuck jeweils auf einem Kamel beziehungsweise Pferd um die weitläufigen Pyramidengebiete nicht zu Fuß ablaufen zu müssen, krochen durch klaustrophobische, unterirdische Gänge zu den alten Grabkammern und bekamen zum hundertsten mal die Hyroglyphen erklärt. Da zieht ein Zehnmarkschein den nächsten aber es ist es wert. Wäre auch zu merkwürdig, wenn man ein Weltwunder besichtigt und dort der Erste und Einzige wäre. Es waren schöne Tage, Bilder, die man nicht vergißt obwohl sie alle schon vorher bekannt waren. Wie bei einem Live-Konzert der Rolling-Stones eben.

 

An diesen exponierten Orten besonders, aber mehr oder weniger überall, wimmelt es von schwer bewaffneten Sicherheitskräften. Helm, Kugelweste, Maschinenpistole mit aufgepflanzten Bajonett oder in Betonbunker auf Brücken oder an Kreuzungen verschanzt, die Waffe immer im Anschlag, das gehört wie selbstverständlich ins Straßenbild. Sie meinen es ernst mit ihren Fundamentalisten, die schon mal Touristenbusse unter Feuer nehmen oder alkoholische Getränke vergiften und die Flaschen austauschen. Ganz Kairo muß für den Moslem Abteilung Hardliner aber auch eine einzige Provokation sein. Kaum einer trägt einen Schlafanzug, die wenigsten ein Kopftuch, verschleiert trafen wir nicht eine einzige und Frauen schminken sich sogar und rauchen in der Öffentlichkeit. Im Fernsehen läuft Werbung für Cremes, und man sieht, wie sie auf die unverdeckte Haut aufgetragen wird. Ein einziger Sündenpfuhl, der islamische Sittenwächter weiß sicher überhaupt nicht, wohin mit seiner Empörung. Die Touristen sind deswegen Opfer, weil tote Touristen Negativwerbung für Ägypten sind und der Staat ernste finanzielle Probleme bekommt, wenn die Devisen der Besucher ausbleiben. Zudem lehnen sie natürlich auch den ganzen Scheiß mit Pharaonen und Pyramiden als gotteslästerlich ab und wer sich sowas ansieht anstatt in Mekka auf den Knien rumzurutschen hat kaum besseres als den Tod verdient. Ist der Staat erst einmal bankrott, dann geht’s zurück ins Mittelalter und dafür bieten sie eben die passende Religion. Geschenkt, das Thema ist ausreichend erwähnt worden und wird langweilig.

 

Wir kamen mit den Ägyptern bestens zurecht, ich weiß gar nicht, was der Reiseleiter von Rotel-Tours wollte. Vielleicht kommt ja noch was, wenn wir erst einmal Kontakt mit den Zollbehörden haben werden, sobald das Wohnmobil aus den Hafenanlagen geholt werden muß, aber bis dahin hatten wir null Probleme. Der Taxifahrer war immer angenehm im Umgang, umsichtig, kaufte uns vorbeugend Wasser, weil es an den Pyramiden nichts gibt und mehr so kleine Dinge. Und immer pünktlich auf die Minute, was ich liebe, denn ich halte Unpünktlichkeit für Diebstahl, für dumm und respektlos und ärgere mich immer wieder darüber.

 

Seit fünftausend Jahren beschäftigen sich die Ägypter mit Parfüm und Duftölen aus kaltgepressten Pflanzen. Wie herrlich, ein Volk, welches gut riecht, welches sogar die Mumien innenwandig mit Lotusöl einrieb, damit sie auch nach dem Tod nicht stinken. Die Schwarzer wissen von sowas nichts, leider überhaupt gar nichts, und wir vermißten dies mehr als ein Mal. So suchten wir eine Parfümerie auf, die viele verschiedene Öle anbot und dazu hunderte kleiner Flakons in den grazilsten Formen und den verschnörkelsten Mustern. Kultur, egal in welcher Form, ist einfach so nötig wie die Luft zum atmen. Ob sie einen anspricht oder nicht, ist eine andere Frage, aber schon das Vorhandensein beruhigt und schafft Vertrauen zu seinem Gegenüber. So habe ich es empfunden. Die Abwesenheit von jeder Kultur, etwa, wenn ein Schwarzer ganz offen seinen schwarzen Schwanz rausholt und im Gehen kleine Bögen auf die Straße pißt und dabei auf einem Ast rumkaut und sich im Arsch kratzt, die jedenfalls beunruhigt und schafft Mißtrauen. Der Handel um die Parfümöle gestaltete sich dann auch in einer höchst kultivierten Art. Es gab einen Tee oder Kaffee, es wurde geschwatzt und gealbert, Höflichkeiten ausgetauscht und dann ging es langsam ans Geschäft. In aller Ruhe bekamen wir ein Parfüm nach dem anderen erklärt, dieses ist leicht und frisch für den Morgen, dieses - Zwinker Zwinker - erst etwas für nach Mitternacht und dieses ein besonderer Liebeszauber, an ganz bestimmte Stellen aufzutragen. Doppelt gezwinkert. "Drei Stunden, Sir, da bricht nichts zusammen wie ein altes Pferd. Sie werden sehen." Ja, so sind sie halt, und damit kommt man wunderbar klar. Wortreiche Verkäufer, gewitzte Händler, sie wollen was und verfolgen ein Ziel und machen es gut und schaffen eine angenehme und heitere Atmosphäre. Wir wurden weder bedrängt noch überfahren noch genötigt. Was für ein Unterschied zu dem schrecklichen Geschäfts-gebaren der Schwarzer, welches nur anstrengend und von absurder Zahlenakrobatik geprägt ist und eher einem Machtkampf als einem kleinen Spielchen gleicht. Sie fragten, wie es uns in Ägypten gefällt. Uns gefällt es in jedem Land klasse, wenn uns ein Einwohner fragt, aber hier brauchten wir nicht zu heucheln. "Wir fühlen uns ein bißchen wie zu hause, wir kommen aus südlicher Richtung, es ist eine Freude, sich in Ägypten als Gast aufzuhalten." Das hören sie gerne und wir sagten es auch gerne, weil es nicht gelogen war. Wir rauchten eine Wasserpfeife zusammen, feilschten um den Preis, kauften ein paar Öle und Fläschchen, wurden herzlich und warm verabschiedet und fühlten uns rundum gut.

 

Auch den Montag starteten wir in Bestlaune mit dem wie immer auf die Minute präzisen Taxifahrer und fuhren zur Botschaft von Libyen. Wiederum kamen wir am Pförtner nicht vorbei, bekamen ein Telefon in die Hand gedrückt und erfuhren, daß wir ein Visum ausschließlich in Deutschland erhalten könnten. Diese Information bekamen wir dann in der Deutschen Botschaft bestätigt, nicht einmal in Ägypten wohnhafte Deutsche bekommen ein Visum, jeder Versuch ist absolut zwecklos. Scheiß-Gadafi ! "Warum erkundigen sie sich denn nicht vorher ?", fragt und die bescheuerte Else hinterm Schalter in vorwurfsvollem Ton. Ja wo denn, blödes Arschloch, in ganz Afrika weiß kein Mensch irgend etwas Genaues, Deutsche Botschaft inklusive ?! "Fahren sie doch über Israel weiter," wurde uns seitens unserer Vertretung dann noch geraten, "von Haifa aus geht eine Fähre in die Türkei." "Dankeschön, wir denken drüber nach." Was zum Teufel sollen wir in Israel oder in der Türkei. Gibt es dort afrikanische Briefmarken oder was ? Und überhaupt. Der Golf-Konflikt zwischen Irak und den Staaten war gerade brandaktuell und in Israel wurden bereits Gasmasken ausgegeben. Dem Anthrax in Kenia gerade entkommen fahren wir fröhlich den Bio-Bomben von Saddam Hussein entgegen. Und selbst, wenn das nicht eintritt, dann dürfen wir durch den aus dem Ruder gelaufenen Ostblock oder durch Restjugoslawien und den ganzen Gammel fahren, absolut indiskutabel. Wir sind doch nicht wahnsinnig ! Was blieb also? Bei Licht betrachtet nur eine einzige Möglichkeit. Das Auto im Container lassen und gleich weiter nach Hamburg schicken und selbst nach Hause fliegen. Das einzig Vernünftige. Wir dachten noch darüber nach, den Heimweg mit einem Stop in Tunesien zu verbinden und per Leihwagen nach Algerien zu fahren, aber das Problem mit Libyen lösen wir so auch nicht. Außerdem waren wir wie wild bepackt und hatten mit der Schatulle bestimmt 30 kg Übergepäck. Da bietet es sich eher an, und ist überdies preiswerter, pauschal zwei Wochen Tunesien von Deutschland aus zu buchen und sich vorher die Visa in Bonn zu besorgen. So wollen wir es dann auch machen.

 

Das Auto umzubuchen war kein Problem, nur Papierkram und von heute auf morgen zu erledigen, ein Flugticket zu besorgen ebenfalls nicht, und auf einmal war die Reise zu Ende. Viel zu früh, die Ägypter hatten uns gerade etwas Reiselust zurück gegeben und wir hatten uns darauf gefreut, noch gemütlich durch den Frühling in Italien zu fahren und uns auch dort das alte Gerümpel anzuschauen. Das fiel nun flach. Trostreich allerdings war die Vorstellung, was uns alles erspart geblieben war dadurch, daß wir nicht auf dem Schiff mitgefahren waren. Wir wären nach entbehrungsreicher Überfahrt in Port Said von Bord gegangen, hätten teure Hafengebühren bezahlt, das Auto durch den Zoll gebracht und wären nach Kairo gefahren. Dort hätten wir zuerst festgestellt, daß diese Stadt für Ausländer nicht befahrbar ist. Alle Straßenschilder sind in arabischen Lettern, nur hin und wieder wird mal ein großer Platz oder eine Brücke in lesbarer Schrift benannt. Also unmöglich irgendwas zu finden, selbst mit Stadtplan, und der Verkehr bringt einen um wenn man selber fahren muß. Selbst nach mittlerweile 4 Tagen per Chauffeur kreuz und quer hatten wir noch nicht einen Krümel Orientierung gewonnen. Wir wären also auch per Taxi zur libyschen Botschaft gefahren, hätten die gleiche Information erhalten und da wir auch dann nicht über Israel gefahren wären, wäre alles von vorn losgegangen. Shipping-Company suchen, noch mal Zollformalitäten, noch mal Hafengebühr, noch mal Schmiergelder, noch mal Wartezeiten, wieder rinn in Container, zurück nach Kairo, Hotel suchen, Flugticket besorgen und alles das. Ein Segen, daß dies alles nur Fiktion blieb, ich glaube, ich hätte eine Krise gekriegt !

 

Na gut, also übermorgen in Hamburg, Ende Februar, schweinekalt, das ist die eine Seite, aber auch zu Hause, und das ist - Klima hin oder her - immer ein gutes Gefühl. "I’m going home ... by helicopter." (Alvin Lee). Wir sahen auch schon erste Demonstrationen islamischer Frauen mit Kopftüchern auf der Straße, die hysterisch kreischten und amerikanische Fahnen verbrannten und trafen einen Kanadier, der sich recht hektisch um einen Rückflug bemühte, denn im Falle eines Bombardements Bagdads muß man nicht unbedingt westlicher Besucher in einem arabischen Land sein. Vielleicht ganz gut so, daß wir verschwinden. Zeit für einen kleinen Rückblick.

 

RÜCKBLICK

 

Das Abenteuer war vorbei. Sicherlich, die Restländer in Afrika stehen noch aus, aber allesamt per Flieger, und das ist kein Abenteuer. Es ist ein zu erledigender, überschaubarer Job, und wir erwarten keine weiteren Überraschungen über das hinaus, was hinter uns liegt. Flughäfen, Hotels, Taxis, Postämter. Es muß gemacht werden, wenn wir denn die Briefmarkenbögen komplett haben wollen.

 

Auch die Angst ist vorüber. Angst ist in Afrika ständiger Begleiter, außer in den National-Parks, aber auch nicht in allen. Nicht so, daß man ständig am Zittern wäre, aber wer in Afrika nicht hin und wieder Angst hat, oder wenigstens Befürchtungen, ist ein Idiot. Es braucht nicht viel Phantasie, sich auf den ewig langen und vollkommen unbefahrenen Straßen vorstellen zu können, daß ein paar Leute ein Nagelbrett über den Weg schieben um einen Überfall zu starten. Eine angetrunkene Kontrolle aus schwerbewaffneten Uniformierten ist ebenso schnell eskaliert vorstellbar, vom Raub über Vergewaltigung bis Mord. Oder sei es nur eine Motorpanne, die in einigen Gebieten einfach besser nicht passiert, will man nicht eine Odyssee aus Rundhüttenübernachtungen, Eingeborenenverpflegung und Werkstatthorror erleben. Von den Risiken seltsamer Krankheiten ganz zu schweigen. Vorbei ! Es gibt wieder eine Nacht, in der man sich nicht verstecken muß.

 

"Ja, und wie war’s ?", die Frage wird wieder kommen, so wie wir sie in der ersten Pause auch zu hören bekamen. Die Antwort interessiert die Wenigsten. Wie auf die Frage "wie geht’s ?", erwartet kaum jemand mehr als "danke, und selbst ?" Tief Luft holen und den Versuch starten, eine wenigstens einigermaßen adäquate Antwort zu finden, quittiert die Mehrheit mit abrupten Themenwechsel auf Niederquer-schnittsreifen oder den letzten Titten-Skandal in einer Talkshow. "Superstrände, Bombenwetter, wilde Tiere. Aber die Sauberkeit ... Nur jeden dritten Tag das Handtuch gewechselt, das hat uns schon gestört. Und das Frühstück natürlich, aber das kennt man ja von den Südländern." Diese Antwort gefällt nicht nur, sie befriedigt sogar. So haben es sich die meisten vorgestellt, ihre Erfahrungen vom letzten Urlaub auf den Kanarischen Inseln kommen vor, sie fühlen sich bestätigt, können mitreden. So ist sie halt, die große weite Welt. Ganz anders als in Pinneberg.

 

Aber es gibt auch welche, die wollen mehr wissen. Was sagt man denen ? "Hat’s euch gefallen ?" "Tja, gefällt dir das Leben ?" Es war kein Urlaub, es war auch kein Job im Ausland. Es war ein Lebensabschnitt unter besonderen Bedingungen. Einiges hat uns gefallen, anderes weniger, wie das Leben eben ist. Alles in Allem, wie meistens, war es besser, als hätte es nicht stattgefunden. "Hat es sich denn gelohnt, rein erfahrungsmäßig betrachtet ?" "Weiß nicht, lohnt sich das Leben, am Ende stirbt man ja doch ?" "Und was ist vom Traum übrig geblieben ? Würdet ihr es noch einmal machen ?" Vom Traum ist so gut wie nichts übrig geblieben, nur ein paar Dias und Videokassetten. Allerdings, es war eine von den Sachen, an die man zurück denkt, wenn man achtzig ist und mit offenem Mund im Pflegeheim Waldesruh auf dem Rücken liegt und aufs Stechbecken wartet. Und noch mal machen? Never ! Oder ... ? Ein Freund von mir hatte einmal Blasensteine oder sowas. Der Doc sagt, die könne man leicht durch die Harnröhre entfernen, und es war die Hölle. Mein Freund beschwert sich, und fragte, ob es nicht eine schmerzfreie Methode gegeben hätte. "Natürlich", sagte der Arzt, "eine aufwendige Operation unter Vollnarkose ist schmerzfrei. Diese Art, wie wir es gemacht haben, kann man jedem Patienten nur einmal vorschlagen, solange er nicht weiß, was auf ihn zukommt. Und dann hält er es auch aus und die Angelegenheit ist ruck-zuck erledigt." So ist es mit Afrika auch. Wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt, dann hat es einen gewissen Reiz. Dann sind die Überraschungen ein Ausgleich für Entbehrungen, dann entschädigt die Spannung für die Wartezeiten, dann ist auch der Horror unter dem Aspekt der Erfahrung interessant. Als Wiederholung jedoch eher bocklos. Nach Namibia noch mal per Flieger und Leihauto, oder pauschal nach Gambia, meinetwegen auch über Land durch die Wüste als Gag. Oder Sun-City, Südafrika überhaupt, solange es noch befahrbar sein wird, oder auch Zimbabwe, aber das war’s dann auch. Die Seychellen selbstverständlich jederzeit wieder, aber was hat das mit Afrika zu tun ? Nicht zu vergessen Eritrea und auch Ägypten. Den Rest müssen wir nie wieder sehen, einmal ist mehr als genug. "Also enttäuscht ?" "Irgendwie einerseits schon, überwiegend, aber anderseits auch nicht, es kommt auf die Erwartungshaltung an. Es heißt nicht ohne Grund die Dritte Welt. Man kann zweifellos auch in Frieden sterben, ohne Afrika gesehen zu haben." Afrika ist besser als sich Blasensteine durch die Harnröhre entfernen zu lassen, das kann man mit gutem Gewissen behaupten. Und trotzdem kann ich diese Reise empfehlen. Es ist das versnobteste, was man sich gönnen kann, auf sehr intensive und direkte Weise dekadent und auch eine gehörige Portion Arroganz spielt mit rein. Dekadent bekommt hier endlich eine Bedeutung jenseits davon, einen kokainabhängigen und schwulen Modeschöpfer so zu bezeichnen. Und damit klar zu kommen, ist eine Prüfung, wie man sie unter Laborbedingungen nicht vorfinden kann. Berge von Geld zu verschwenden, ohne dafür auch nur im Ansatz den Gegenwert zu erhalten, den man gewohnt ist und den man woanders auch meist problemlos bekommt. Sich vorführen zu lassen, oft genervt zu sein, ständig in realen und imaginären Gefahren zu schweben, im Müll und Krüppeln zu waten, und dafür auch noch nicht zu knapp bezahlen. Trotz aller vielzähligen Niederlagen und Demütigungen doch ohne Zweifel der Hyperprivilegierte zu sein und das nie zu vergessen. Niemand zwingt einen, nach Afrika zu reisen. Alles ist echt, kein abgesteckter Abenteuerparcours, keine gebratenen Würmer aus der Hand von Rüdiger Nehberg, kein Sprung in die Tiefe mit einem Gummiseil am Fuß. Nicht eine Versicherung findet sich, die das Risiko abdecken möchte. Und es gibt weder Applaus noch ein Zertifikat fürs Wohnzimmer am Ausgang. Eher Spott, Schadenfreude und falsches Mitleid sind zu erwarten, wenn man auf einer freiwilligen Afrikareise bös Federn läßt. Die Chance dazu bietet sich täglich und jeder hatte es dann vorher gewußt. Afrikafahrer sind nicht umsonst eine verschworene Gemeinschaft von Halbirren, die sich jedoch bisweilen recht aufdringlich in diesem selbsternannten Image sonnen. Was sind wir doch für unerschrockene und tolle Typen, und da ist Spott im Falle einer Abfuhr, um die sie ja irgendwie gebettelt haben, durchaus angemessen. Vielleicht würden wir es sogar doch noch einmal machen, wenn ein paar Jahre ins Land gegangen sein werden, aber die Frage stellt sich im Moment nicht und ist überdies nicht zu beantworten. Immerhin wissen wir jetzt, daß wir halb soviel Klamotten und doppelt soviel Geld einkalkulieren müssten. Noch besser funktioniert es in Ein-Drittel-zu-Drei-mal-soviel-Proportion. Daß Afrika so teuer ist hat den Kontinent bisher von einem Massentourismus ausgeflippter Westler auf der Suche nach Erleuchtung verschont, wie er sich in Indien fest etabliert hat. Mittelose Aussteiger, die mit den Bettlern um Pfennige feilschen, die durch falsch verstandene Freiheitsbegriffe die letzten Werte einheimischer Kultur unterlaufen und ein Dritte-Welt-Land schlimmer schädigen als der immerhin arbeitsplatzschaffende und devisenbringende Pauschaltourist, die kommen nicht vor. Weder lebensphilosophische Alternativen noch Sex und Drugs und Rock&Roll in kleinen, als Geheimtip gehandelter Enklaven an bevorzugten Strandabschnitten sind verfügbar. Weder Ballermann-6-Ambiente noch übersättigter Drogenkonsum von narzistisch gepiercten Zeitgeistjüngern ist für Afrika zu befürchten.

 

Nicht nur einmal hörten wir in Gesprächen unterwegs, daß es durchaus möglich sei, daß wir die letzte Generation von Weißen sein könnten, die sich in Afrika überhaupt noch blicken lassen kann. Absolut nicht ausgeschlossen aber auch nicht sicher. Wen man fragt, von denjenigen, die in Afrika geboren sind oder länger dort leben, sagen alle dasselbe. Es gab wenig Probleme, solange die Engländer oder entsprechend die Franzosen oder Belgier oder Portugiesen oder Holländer oder Deutschen da waren. Aber seit der Unabhängigkeit ... Die Weißen ziehen sich überall zurück, in dem einen Land sind sie schon so gut wie weg, in dem anderen denken sie erst darüber nach. Irgendwann werden sie alle verschwunden sein und dann wird es ganz schnell dramatisch bergab gehen. Hier früher, dort später. Ich sage das nicht, weil ich stolz auf meine verdammte weiße Rasse bin oder so - wie könnte ich - sondern weil es so ist. Weil es leider so ist. Die Kolonialisten brachten das Schlechte mit dem Guten. Sie haben viel durcheinander gebracht - besonders die Missionare - haben gemordet, unterdrückt, versklavt und ausgebeutet, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Sie haben auch ausgebildet, Wissen vermittelt, Infrastruktur errichtet, Ackerland geschaffen, Verkehrswege gebaut und geholfen. Ein gebürtiger Südafrikaner sagte mir: "Ich verstehe nicht, daß es auf der Welt einen einzigen Menschen gibt, der glaubt, daß es in Afrika ohne die Weißen auch nur eine Straße, ein Krankenhaus, eine Schule oder gar einen Flughafen gäbe." Dem möchte ich mich anschließen. Nordafrika fällt aus dieser Betrachtung raus, die Arabs sind anders als die Schwarzer, ebenso wie die Inder, die weite Teile Ostafrikas prägen. Die kriegen was auf die Reihe.

 

 

Und wenn ich schon trotz allem so etwas wie Werbung für eine Afrikareise mache - ich mache das ohnehin sehr halbherzig - dann will ich zwei gravierende Fehler erwähnen, die wir begangen haben und die vermeidbar sind. Auch für diejenigen, die sich animiert fühlen, die Reise nach zu machen. Ich habe öfters abends im Auto gelegen und überlegt, ob sich welche finden werden, die sich auf die Socken machen. Eine Chance ist es allemal und der Verkauf der Bögen scheint nicht so schwierig zu sein. Wir haben von unterwegs genug Voranfragen, um gewiß zu sein, finanziell mindestens auf die sichere Seite zu kommen, wenn sie denn komplett sein werden. Das natürlich immer vorausgesetzt. Ich habe mir vorgestellt, daß es vielleicht einige versuchen werden, aber eventuell aufgeben, aufgrund verschiedenster, unkalkulier-barer physischer wie psychischer oder finanzieller Umstände. Es würden dann mehrere angefangene Bögen existieren wie unsere zur Zeit auch. Die könnte man auch verkaufen, an wiederum andere Reiselustige, die eine Möglichkeit sehen und Lust haben, einen Teil der Tour zu absolvieren. Verhandlungs- und Kontaktfrage. Überlassen mit vertraglicher Absicherung und im Erfolgsfall den Gewinn teilen beispielsweise, es gibt ein paar Möglichkeiten. Ein Bogen mit komplett Westafrika drauf ist schon fast die halbe Miete, nervlich gesehen. Ebenso könnte man einen schöneren Bogen machen als unseren. Etwa nicht immer nur die billigste Marke nehmen sondern nach Motiv auswählen. Es gibt wunderhübsche Marken in jedem Land, bloß teilweise recht teuer, besonders wenn man Stückzahlen nimmt. Dreihundert mit Schmetterlingen, dreihundert mit Tieren, dreihundert mit Blumen uns so weiter. Macht den einzelnen Bogen rarer und interessanter, uns kam diese Idee zu spät. Oder geographisch geordneter. Immer nur in der Hauptstadt abstempeln lassen, aber davon würde ich abraten. Das erhöht den Schwierigkeitsgrad enorm. Es wäre viel nerviger und weiter und riskanter. Auch der Gedanke, mehr Bögen mitzunehmen - kam uns natürlich auch - rate ich ebenso von ab. Tausend ist gerade richtig. Weniger, da ärgert man sich, wenn man es denn geschafft hat, aber mehr, ich glaube, das wird sehr schwierig. Gewichtsmäßig für Flugreisen, arbeitsmäßig beim Kleben, überredungsmäßig beim Stempeln und verwirrungstechnisch bei Kontrollen. Oder den ganzen Kontinent abfliegen. Öfters wurden wir gefragt, ob dies nicht einfacher und billiger wäre. Keine Ahnung, man müßte es mal ausprobieren, aber billiger, das glaube ich weniger. Auch auf den Airports sind sie korrupt. Und immer nur Taxis, Hotels, Botschaften, Reisebüros, Flughäfen, da verlassen einen die Dollars auch auf dem kurzen und schnellen Weg, denn nichts ist in Afrika billig, als Weißer. Ungefährlicher ist es, das bestimmt, aber die ganze Angelegenheit bekommt einen völlig anderen Charakter. Man kriegt so gut wie nichts von Afrika zu sehen, und ob das ein Nachteil oder Vorteil ist mag ich nicht beurteilen. Die Sorge um’s Auto fällt weg, der Ärger an Grenzen, die schlechten Straßen, wenn’s nur ausschließlich um die Briefmarken geht, dann ist Fliegen sicherlich empfehlenswert. Naja, vorläufig Spinnkram, aber für diese wenigen, potentiellen Kandidanten, die auf welche Art auch immer mit dem Gedanken des Aufbruchs spielen: Auf jeden Fall alle benötigten Visa, die möglich sind, im Vorwege holen. Nicht, wie wir, irgendwann die Schnauze voll haben vom Klinkenputzen und glauben, der Rest ergibt sich unterwegs. Man ärgert sich die Pest. Das ist zwar auf den ersten Blick teurer, da die Viasgebühren in Afrika oft niedriger sind als in Deutschland und es nervt auch, aber gemessen an dem Aufwand, den dies in Afrika macht, unbedingt lohnenswert. Die Umwege, die man in Kauf nehmen muß um die jeweilige Landeshauptstadt mit diplomatischen Vertretungen zu erreichen, die Sucherei und Rumgurkerei in den teilweise fürchterlichen Städten, die Wartezeiten, das ist viel schlimmer als sich im beschaulichen Bonn/Bad-Godesberg von einer Villa zur nächsten zu begeben. Demnächst in Berlin. Und letztlich billiger. Kompakter kriegt man Afrika nirgends geboten. Der zweite Fehler war der, in der Annahme, wir führen durch jedes Land nur einmal, ausschließlich Single-Visa genommen zu haben. Man spart ein paar Taler. Man kann aber nie wissen, ob man eventuell wieder umkehren muß, sei es aufgrund einer Panne, die einen zurück zu einer kompetenten Werkstatt zwingt, sei es schlechter Straßenzustand, Unruhen, Krankheit oder sonstwas. Es ist ein besseres Gefühl, wenn der Rückweg offen ist. Multiple-Visa empfiehlt sich in fast jedem Fall, Ausnahme vielleicht Mauretanien, denn dahin will niemand zurück.

 

Eine gefälschte Kfz-Versicherung ist auch sehr praktisch. Wir haben uns trotzdem in fast jedem Land extra versichern lassen, es kostet, gemessen an den anderen Ausgaben, nicht alle Welt. Aber man hängt nicht Sonntags an der Grenze fest, weil das Versicherungsbüro geschlossen hat, muß keine Irrsinnskonditionen akzeptieren, sondern kann erstmal weiterfahren und in Ruhe überlegen, was man tut. Bei Ländern, in die man nur kurz reinschaut, braucht man sich gar nicht um Versicherungen kümmern. Es erleichtert die Sache. Und, als abschließenden Hinweis, laßt fünfzig Prozent von dem ganzen Krempel, von dem man denkt, man müßte ihn haben, zuhause. Satelitennavigation, Solarduschen, Generator, Winden, Überlebensmesser, Safariklamotten, Vorzelte, Klimaanlage, Stromumwandler, das meiste solches Zeug braucht man selten bis gar nicht. Einige Plastiktüten mit Kugelschreibern, ein paar Taschenrechner oder Digitaluhren, Feuerzeuge und Schweizer-Messer made in Hong-Kong, das bringt es viel mehr. Vitamintabletten empfehlen sich auch dringend, Hähnchen mit Pommes ist auf die Dauer keine Offenbahrung und die Salate - riskant riskant. Wer essenmäßig besonders krüsch ist, sollte sich besser von Afrika fern halten. Dieses nicht mögen und jenes nicht, kleine Spleens kultivieren wie Vegetarier sein oder auf bestimmte Formen der Zubereitung bestehen, zuviel Wissen über Vitamine, Mineralien und Cholesterin ist nur hinderlich und reduziert das meist geringe Angebot nur noch zusätzlich. Wir haben uns zum Vorsatz gemacht, alles zu essen was vorkommt, mit Ausnahmen allerdings. Ebenso sollte man die Finger von Afrika lassen, wenn Empfindlichkeiten irgendwelcher Art vorhanden sind. Dies nicht vertragen und das nicht, bei Lärm nicht schlafen können, weiche Betten nicht abkönnen, sich übermäßig ekeln vor kleinen Tierchen mit sechs Beinen, hohe hygienische Ansprüche und solche Dinge - das alles steht einem nur im Weg.

 

Entscheidend über für Verlauf und damit den Erfolg einer solchen Reise jedoch ist die Tragfähigkeit der Beziehung untereinander. Überhaupt nicht hoch genug einzuschätzen. Es macht vielleicht nicht soviel aus, wie die geschlechtliche Zusammensetzung ist, es ist nur meine persönliche Vorliebe, dies in Pärchenform gemacht zu haben. Sexuelle Harmonie oder Kumpeltum reichen ebenso wenig aus wie keine Konflikte zu haben. Denn konfliktfrei läuft keine Beziehung durch solch eine Unternehmung, die entscheidende Frage ist, wie damit umzugehen ist. Wenn zu dem Außenstreß auch noch interner hinzukommt, kann man nur noch einpacken. Wir hatten diesbezüglich auch unsere Momente, aber wenigstens einer muß cool sein. Abwechselnd, das reicht, aber das muß dann allerdings auch. Keiner braucht Vorwürfe wegen einer Fehlentscheidung, Schuldzuweisungen sind mehr als überflüssig und kommen diese doch einmal, braucht es die Disziplin, nicht zurückpowern zu wollen. Einer muß sie jeweils aufbringen und da interner Streß natürlich nur dann entsteht, wenn gerade wieder mal etwas ganz schief gelaufen ist und beide gereizt sind, fällt dies besonders schwer. Im voraus kann man darüber nichts Definitives sagen. Ein paar Menschen benennen, mit denen es nie und nimmer ginge ist einfach, aber ob derjenige, dem man es zutraut, es tatsächlich bringt oder ob es an einem selbst scheitert, das merkt man erst unterwegs. Allerdings relativ früh. Wenn nicht beim Erreichen des Senegal, dann spätestens an der Elfenbeinküste. Es gibt aber für die Art Disziplin, die von beiden aufgebracht werden muß, auch eine Belohnung beziehungstechnischer Natur. Hinterher kennt man sich wirklich und kennt die eigenen Grenzen und die des Partners und entweder man sieht schnell zu, daß man glatt auseinander kommt oder hat eine stabile Partnerschaft, auf der sich schön aufbauen läßt. Krisengeprüft, konkurrenzunempfindlich, eingeschworen und sehr intim.

 

Was unbedingt zu einem Rückblick gehört ist die Erwähnung von zwei Ausrüstungsteilen, die sich durch besonders beeindruckende Leistungen hervor getan haben. Einiges hat sich gestreckt, aber teilweise unter sehr harten Bedingungen. So will ich nichts negativ benennen, aber zwei Produkte haben extrem überzeugt und sind jedem empfohlen, der einmal etwas ähnliches machen will. Beides Second-Hand-Erwerbungen. Das erste ist der alte Daimler, in den wir uns fast verliebt haben. Was der mitgemacht hat ist unfaßbar. In der Hitze die Berge hoch gekrabbelt, durch Serien von Schlaglöchern marschiert, in denen man sich hätte verstecken können, das Wellblech, Staub, die Wüste und nicht einmal die Spur mußte nachgestellt werden. Was wir alles an Landrovern oder Toyota-Off-Roadern oder ähnliches jüngeren Baujahres getroffen hatten und was die Besitzer alles wußten über Blattfederbrüche, Achsenprobleme, ausgefallene Elektrik und was sonst noch alles. Wir waren immer froh, diese Gespräche nicht durch eigene Erlebnisse bereichern zu können. Selbst nach diesem 40.000 km Ausflug, den das mittlerweile 17 Jahre alte Gerät mit Eins bestanden hat, verfügt er immer noch über einen nennenswerten Wiederverkaufswert. Das zweite Teil ist das Notebook von Toshiba. Längst nicht mehr auf dem neusten Stand der Technik - als 486/33 fast museumsreif - aber vollkommen ausreichend für jede Anforderung, die auf einer solchen Reise anfällt. Zweimal ist uns auf Rüttelpiste die obere Schrankklappe aufgesprungen und das Notebook ist aus zwei Metern Höhe durchs Auto geflogen und hart auf den Boden gekracht. Macht nix. Es ist durchgeschüttelt worden ohne Ende, nicht zu knapp eingestaubt mit mehlfeinem Sand und rotem Staub, es war in den Tropen manchmal beschlagen wie eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und es ist dreckig wie Sau, aber es hat nicht einmal gezuckt. Selbst Kenia, wo die Elektrizitätswerke alles zwischen 180 und 360 Volt durch die Leitung schicken, hat ihm nichts anhaben können. Den Akkulader der ohnehin widerwillig laufenden Sony-Videokamera hat es gekillt, aber Toshiba ließ ein Lämpchen blinken, verweigerte die Ladefunktion aber funktionierte bei Direktbetrieb immer noch störungsfrei. Im nächsten Land mit regulärer Stromversorgung war alles wieder in Ordnung und selbst der alte Akku hält nach wie vor weit über zwei Stunden. Das macht doch Freude. Es gibt noch ein paar mehr Apparate, die ganz brav funktioniert haben, aber diese beiden wurden gnadenlos rangenommen und haben mehr als überzeugt.

 

 

 

 

 

DAS WAR’S

 

Nun, kurz noch mal zurück nach Kairo, um die Geschichte zum vorläufigen Abschluß zu bringen. Der letzte Tag war ein hektischer mit der Erledigung der Briefmarken, einem letzten Besuch bei der Shipping-Company und viele kleine Sachen sonst noch. Wir kamen nicht um eine Einladung zum Essen durch den Taxifahrer herum. Passiert gerne in arabischen Ländern und es ist wahnsinnig lieb gemeint und eine Ablehnung ist einfach herzlos. Das Vergnügen ist sehr zweischneidig. Der Taxifahrer war ein sehr einfacher und offenherziger und gerader Typ. Sein Englisch lag auf dem Niveau von meinem Französisch und da die englische Sprache unsere einzige Verständigungs-möglichkeit war blieb die Kommunikation auf das Allerwesentlichste beschränkt. Nachdem wir alle Erledigungen abgehakt hatten ging es also zu ihm nach Haus zu seiner Familie. Schon auf dem Weg entschuldigte er sich, daß er nicht in einem schicken Stadtteil mit einem tollen Haus wohnt - was soll man da erwidern ? Er denkt natürlich, wir wohnen in einem Palast oder sowas ähnliches, es hat auch keinen Sinn ihm zu erklären, daß es nicht so ist. Wer auf die Schnelle in sechs Tagen fast zehntausend Mark ausgibt - er war immer dabei - der muß in einem Palast leben. Wir fuhren in seinen Stadtteil und es war so einer, zu dem einem spontan der Satz rausrutscht "Hier könnte ich nicht leben". Enge Gassen zwischen fünfstöckigen Betonbauten, staubig, eine Geräuschkulisse aus Dauerhupen, voll aufgedrehten Kassettenrecordern und islamischen Schreiern, überall Stände an denen es qualmt und dampft, die Straßen voller Menschen, sehr viel Müll an jeder Ecke. Eine Luft zum schneiden. Aber es stimmt nicht, daß man da nicht leben kann. Wir würden dort ungern leben oder uns zumindest gehörig schwer tun, das steht fest, aber wenn ich mich hineindenke in das Leben, dann erscheint es mir vorstellbar, dort auch seine Freunde, Verabredungen, kleine Geschäftchen und speziellen Plätze zu haben. Viel eher als in diesen gottverlassenen Dörfern, da kann man wirklich nicht leben. Wir gingen in seine Wohnung, klein, dürftig eingerichtet aber Farbfernseher, Video und Telefon und im Großen und Ganzen nicht schlimm. Es wurde wie immer aufgetafelt als wäre eine Fußballmannschaft zu Gast. Ist jedesmal so. Egal wieviel man ißt, nach dem Essen sieht der Tisch immer noch so aus wie vorher. Ewig fordert eine der Hausherr auf, doch kräftig zuzulangen - iß, min Jung, damit du groß und stark wirst - und obwohl es diesmal wirklich sehr lecker war hatten wir am Ende trotzdem das Gefühl, daß er es lieber gesehen hätte, wenn wir noch dreimal mehr vertilgt hätten. Er erzählte von seinem Leben. Seine fünf Kinder benötigen Unsummen an Schulgeld. Das ist der schwerste Posten in seinem Haushalt, mehr als der ganze Rest zusammen. Ihm geht es finanziell nicht schlecht. Er hat ein Auto und ist nicht irgendein Taxifahrer, sondern hat das Privileg, vor einem der drei Sheraton-Hotels stehen zu dürfen. Man erwirbt sich dies zum Einen durch einen Beitrag von 5,- DM täglich, aber das ist wenigste. Das Auto hat zu blitzen und der Fahrer muß eine Vertrauensperson sein. Also keinen Touristen über’n Tisch ziehen, vernünftig fahren, pünktlich und zuverlässig sein, gefällige Umgangsformen besitzen. Dann bekommt man die reichen Fahrgäste ab. Europäer, Japaner und die Menschen aus Saudi-Arabien und den Arabischen Emiraten sind gute Kunden. Syrien und Kuwait sind Mist, knauserig, unfreundlich und überheblich, Amerikaner lassen sich so gut wie nicht blicken. Oft läuft das gleiche Programm, wie auch bei uns. Überall bekommt er 5% Provision, wenn er einen Kunden zu einem Händler bringt, aber nur zu Händlern, bei denen der Kunde nicht beschissen wird. Sheraton möchte nicht hören, daß ein Gast unter Mithilfe des Taxifahrers, der von ihnen empfohlen war, für den sie quasi gebürgt haben, betrogen wurde. Dann ist er sein Privileg sofort los. So hat er durchaus Glückstage, in denen er um 1.000,- DM am Tag mit nach Hause bringt. Er erzählte von Gästen, die mal auf dem Rand zu dritt Zehntausend Dollar zwischen Mittags und Abends unter die Leute bringen, dann ist bei ihm Weihnachten. Japaner handeln nicht, daß ist für ihn besonders toll, da dann die Händler ihm gegenüber auch nicht knausern. Bei uns wurde seine Provision geschmälert, da wir den Preis zu stark gedrückt hatten, aber er war trotzdem zufrieden. Die Restaurants, in die er mit seinen Kunden geht, geben ihm große Kartons mit Essen für die ganze Familie als Gegenleistung, da hatte er bei uns mit McDonald Pech. Seine Angst besteht darin, daß die Touristenzahlen weiter rückläufig sein werden und er seine Kunden im Gewühl unter Einheimischen suchen muß, dann gibt es nur noch Hartgeld und bei ihm ist Ende der Fahnenstange. Sein noch recht ansehnliches Einkommen steckt er zu neunzig Prozent in seine Kinder, alle fünf sind in der Ausbildung, sind gepflegt und gut gekleidet und das ist sein Luxus. Es war ein netter Ausklang, er bedankte sich bei uns hundert mal, daß wir ihm die Ehre unseres Besuchs erwiesen haben und wir dankten hunderteinmal für seine Gastfreundschaft. Die letzte Nacht in einem arabischen Hotel waren wir in Gedanken schon auf dem Hamburger Flugplatz am Inter-Rent-Schalter, um uns mit Pyramidenstaub auf den Schuhen und einem Muskelkater vom Kamelreiten einen Leihwagen zu besorgen. Der zweite Teil der Afrika-Reise war zu Ende, einen Kulturschock wie bei der Rückkehr von der zugeschissenen Elfenbeinküste wird es nicht geben. Von Kairo nach Hamburg ist ein fließender Übergang.